Montreux

«Solange es Hoffnung gibt, gibt es Leben»: Wie das kleine Paradies an der Schweizer Riviera dem Coronavirus trotzt

300.000 Blumen werden jedes Jahr an der Seepromenade in Montreux gepflanzt.

300.000 Blumen werden jedes Jahr an der Seepromenade in Montreux gepflanzt.

Montreux ist berühmt für seine Blumen und für das Jazz-Festival. Eine Perle am Genfer See, die vorwiegend vom Tourismus lebt. Umso härter hat die Coronakrise die Stadt getroffen, die seitdem tapfer und mit vielen originellen Ideen die Krise managt.

«Das hier ist das Paradies», soll einst der Sänger Youssou N'Dour beim Jazzfestival gerufen haben. Und ja, Montreux ist ein Paradies mit seiner unfassbar schönen Seepromenade, den historischen Gebäuden aus der Belle Époche und dem südländischen Flair.

Montreux liegt direkt am Genfer See und hat knapp 26'000 Einwohner.

Montreux liegt direkt am Genfer See und hat knapp 26'000 Einwohner.

Ein Ort, der es sich leisten kann, vorwiegend vom Tourismus zu leben. 86 Prozent arbeiten hier im Dienstleistungssektor. Doch seit Corona ist alles anders. Die Araber, die sonst monatelang hier verweilen, sind nicht mehr da, auch keine Amerikaner und Asiaten.

«Früher hat man sich, wenn man hier unterwegs war, fast schon wie in Dubai gefühlt», erzählt Patrick Abi Nader der im Royal Plaza seit Corona an der Rezeption hinter Plexiglasscheiben arbeitet. Am Kiosk wurden damals noch arabische und amerikanische Zeitungen verkauft für die Dauergäste. Jetzt braucht es die nicht mehr.

Corona war ein Schock für Montreux. «Am Anfang», meint Abi Naders Frau, die natürlich auch im Tourismus arbeitet, «konnten wir es gar nicht glauben. Da dachten wir noch, das betrifft nur die Chinesen, und plötzlich war das Virus hier und alles musste storniert werden. » Die Touristen waren weg.

Es ist ruhig geworden an der Promenade in Montreux. Copyright: Maude Rion/MontreuxRiviera

Es ist ruhig geworden an der Promenade in Montreux. Copyright: Maude Rion/MontreuxRiviera

Bis auf drei oder vier Hotels wurden alle anderen während des Lockdowns geschlossen. «Zum Glück aber», so Christoph Sturny, Direktor der Tourismusorganisation Montreux-Vevey, «sind jetzt wieder alle geöffnet. Aber natürlich hat sich das Bild von Montreux völlig gewandelt. Überall wird jetzt Schweizerdeutsch gesprochen, 80 Prozent unserer Touristen sind Schweizer».

Aus der kleinen Stadt mit internationalem Flair, wo im Sommer an jeder Ecke laute Musik erklingt, ist eine ruhige Stadt am See geworden. Nur noch die Freddie Mercury Statue erinnert an bessere Zeiten, als eine Millionen Gäste im Juli während des Jazz-Festivals durch die Stadt flanierten. 60'000 Übernachtungen waren da in der Region Standard.

Die Freddie Mercury Statue in Montreux. Der Sänger von "Queen" liebte die Stadt. Copyright: Maude Rion/Montreux Riviera

Die Freddie Mercury Statue in Montreux. Der Sänger von "Queen" liebte die Stadt. Copyright: Maude Rion/Montreux Riviera

Als das Jazz Festival dieses Jahr wegen des Virus abgesagt wurde, «hat Covid-19 sein wahres Gesicht gezeigt», so Sturny, «das war ein Stich ins Herz. Montreux ist einfach nicht Montreux ohne das Jazz». «2500 Leute arbeiten sonst für das Festival», so Mathieu Jaton, Geschäftsführer des Montreux Jazz. «Das war das erste Mal, das es abgesagt werden musste».

Normalerweise vibriert die Stadt beim Jazz-Festival 16 Tage lang in einem anderen Rhythmus. Copyright: Emilien Itim/FFMJ

Normalerweise vibriert die Stadt beim Jazz-Festival 16 Tage lang in einem anderen Rhythmus. Copyright: Emilien Itim/FFMJ

«Das war wie ein Boom, ein richtiger Kulturschock», meint auch Abi Nader. «Wir vermissen einfach den Jazz und die Touristen». Er, der selbst libanesische Wurzeln hat, träumt davon, den Gästen aus dem Libanon wieder Montreux zeigen zu können, wie all die Jahre zuvor.

Um zu demonstrieren, dass die kleine Stadt am Genfer See trotzdem noch da ist, wurde «Montreux A.Live» geschaffen: Konzerte im Hotelgarten, Liegestühle für das Strandfeeling am Quai, Bars direkt über dem Wasser und ein riesiges 120 Meter grosses Deck aus Holz: Ein Badezugang, der extra gebaut wurde, den es so vorher in Montreux nicht gab.

Ein Deck zum Chillen und Baden. Copyright: Maude Rion/Montreux Riviera

Ein Deck zum Chillen und Baden. Copyright: Maude Rion/Montreux Riviera

«Wir haben sehr schnell reagiert», sagt Sturny «und in Rekordzeit Sachen auf die Beine gestellt.» Alles, um Montreux zu retten. Die ganze Seepromenade wurde «eingekleidet», wie Sturny es nennt, der Quai beleuchtet und dekoriert. «Unser Motto war», sagt Laurent Wehrli, der Bürgermeister von Montreux, «auch ohne Festival ist es schön, hier spazieren zu gehen». Ihm liegt die kleine Stadt natürlich besonders am Herzen.

Liegestühle für das Strandfeeling: «Montreux A.Live». Copyright: Maude Rion/Montreux Riviera

Liegestühle für das Strandfeeling: «Montreux A.Live». Copyright: Maude Rion/Montreux Riviera

50 Restaurants haben einen Antrag auf eine Vergrösserung gestellt, seitdem hat fast jedes Lokal zusätzlich zu den Plexiglasscheiben eine kleine Terrasse. Natürlich alles geschmückt mit Blumen, weil das eben zu Montreux einfach dazugehört. Ein Konzept mit Erfolg. Die Restaurants hatten weit weniger Einbussen als erwartet.

Eine der neuen Terrassen für die Restaurants. Copyright: Maude Rion/Montreux Riviera

Eine der neuen Terrassen für die Restaurants. Copyright: Maude Rion/Montreux Riviera

Auch ein «Welcome-Projekt» wurde ins Leben gerufen und fast alles in der Region gratis angeboten, vom Museum bis zur Seerundfahrt auf dem Genfer See.

Die Anlegestelle für die Schiffe in Montreux. Copyright: Andreas Conrad/Front Row Society

Die Anlegestelle für die Schiffe in Montreux. Copyright: Andreas Conrad/Front Row Society

«Das hat es so sonst nirgendwo gegeben», meint Sturny. «Damit haben wir zwar nicht die Krise abwenden können, aber den ganz grossen Schaden verhindert». Selbst das berühmte Casino in Montreux konnte sich so behaupten.

Das legendäre Casino: Im Eingangsbereich kann man das ehemalige Aufnahmestudio der Rockband "Queen" bewundern. Copyright: Casino Barrière

Das legendäre Casino: Im Eingangsbereich kann man das ehemalige Aufnahmestudio der Rockband "Queen" bewundern. Copyright: Casino Barrière

«Eine grosse Hilfe seien all diese Projekte gewesen», so Frédéric Monthoux, Kommunikationsmanager bei der Schifffahrtgesellschaft CGN. «Wir können nur sagen: Bravo zu dieser Aktion. Der unvergleichliche Charme von Montreux ist auch deshalb immer noch da.»

Und auch wenn die Hotels statt zu 80 Prozent wie sonst in den Sommermonaten Juli/August dieses Jahr gerade mal zu 50 Prozent ausgelastet sind: «Anderen Städten ist es schlechter ergangen», so der Bürgermeister. Und niemand musste bisher aufgeben, alle sind noch da. Darauf ist man in Montreux stolz. «Wir sind hier wie eine kleine Familie», so Sturny, «deshalb hat es wohl so gut geklappt».

Eines der 5-Sterne Hotels in Montreux: Das Fairmont Palace. Copyright: Fairmont le Montreux Palace

Eines der 5-Sterne Hotels in Montreux: Das Fairmont Palace. Copyright: Fairmont le Montreux Palace

Trotzdem weiss Sturny: «Die schwierigste Zeit liegt noch vor uns.» Aber: «Solange es Leben gibt, gibt es Hoffnung», so Bürgermeister Wehrli in seiner unerschütterlichen positiven Art.

Ruhige Klänge auf dem Genfer See.

Ruhige Klänge auf dem Genfer See.

Und auch wenn letztes Jahr in Montreux noch Elten John gesungen hat und man jetzt nur noch ab und zu ein paar leisere Klänge hört: Die Musik ist immer noch da. Montreux ist immer noch «alive».

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