Essay
So viel Glückseligkeit gab es in der Schweiz seit März 2020 nicht mehr zu sehen: Dem Schnee sei dank

Die Schneemassen bieten ein Schauspiel, das kein Regisseur lenken kann: Die Aarauer bauten noch am Donnerstagabend Schneemänner in den Gassen, Zürich wurde wundersam still und die Menschen wurden kinderfroh.

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Kaum das Büro verlassen, wurden die Aarauer am Donnerstagabend zu Schnee-Rodins, schmückten ihre Altstadt mit einem Dutzend Schneemännern.

Kaum das Büro verlassen, wurden die Aarauer am Donnerstagabend zu Schnee-Rodins, schmückten ihre Altstadt mit einem Dutzend Schneemännern.

Nadja Rohner / Aargauer Zeitung

Frühlingserwachen, Hitzesommer, ja ewiger Sommer 2020, goldener Herbst: Alles schön und gut. Doch nichts macht die Schweiz mehr träumen als eine dicke Schneedecke, die sich von den mächtigen Alpen herunterwälzt zu den Menschenmassen im Mittelland.

Bei keiner anderen Märchenszene kriegen Schweizer Kinder glänzendere Augen, als wenn Goldmarie die Decken von Frau Holle so freudig ausschüttet, dass es oben auf der Welt, die so gross wie die Schweiz ist, heftig schneit. Wer uns Schweizern solcherlei zuliebe tut, den würden auch wir mit einem schönen Anteil aus den Nationalbank-Goldreserven beschenken. Frau Holle muss eine Schweizerin sein.

Die Schneedecke verhält sich wie eine Romanheldin

Da fällt ein Ast herunter, dort kracht eine Tanne auf ein Haus, im Wald besteht Lebensgefahr, die Zürcher Trams stehen still, in den Alpen donnern die Lawinen herunter ... Nun ja: Die Schneedecke verhält sich gleich wie eine Romanheldin, unter den stillen Flächen ihres Wesens tosen Stürme der Leidenschaft. Aber diese Schneedecke verzaubert nun mal die Augen und die Sinne von uns Mittelland-Menschen, macht uns elegisch sanft und kinderfroh.

Kaum das Büro verlassen, wurden die Aarauer und Aarauerinnen am Donnerstagabend zu Schnee-Rodins, schmückten ihre Altstadt mit einem Dutzend Schneemännern. So viel Glückseligkeit gab es auf den Strassen seit März 2020 nicht mehr zu sehen. Zu Hause drückten wir vergnügt stundenlang die Nase ans Fenster, schauten dem Tanz der Schneeflocken zu, merkten, wie nicht nur ein See still und starr, sondern auch eine ganze Stadt ihren Seelenfrieden finden kann.

Solcherart Freuden mussten geteilt werden. Das erste Schneefoto verschickte ich am Donnerstag um 14.47 Uhr: Die Schaffhauserstrasse in Zürich war schon dick eingeschneit, durch Pflotsch und Wasser schaffte man es aufs rettende Trottoir. Um 16.25 Uhr gab es bereits ein Update der Quartierstrasse, so verträumt schön, dass man unser Bild in Washington sogleich mit einem Herzen belohnte. Rasch wurde die Schneedecke dichter, die Herzen feurigdunkler und die Worte wärmer – noch zwar mit leiser Ironie.

Auf Twitter erreichte man mit einem Schneebild mehr Aufmerksamkeit als mit den schärfsten, an Blaise Pascal geschulten Aphorismen, auf Facebook überbot sich die Gemeinde mit Bildern und «Jöh»- und «Ach»-Kommentaren.

«Unter allem Schnee ist Ruh» wurde ein Autobild kommentiert

In meinem Social-Media-Kanal wechselte man nun von Herzen in Worte: «Frieden auf Erde» wurde das Gartenbild kommentiert, «Unter allem Schnee ist Ruh» die unter dem Schnee eingeschlafenen Autos. Das Draussen, obwohl durch dicke Wände von ihm getrennt, war Kopf geworden. Was hätte Marcel Prousts Held Swann gejubelt und stolz verkündet: «Schöne Schauspiele waren für mich nur die, von denen ich wusste, dass sie nicht künstlich zu meinem Vergnügen gestellt, sondern notwendig und unabänderlich waren.»

Als sich das fahle Gelb der Strassenlampen mit dem himmlischen Weiss des Neuschnees mischte, war der Zauber vollendet.

Als sich das fahle Gelb der Strassenlampen mit dem himmlischen Weiss des Neuschnees mischte, war der Zauber vollendet.

Nadja Rohner / Aargauer Zeitung

Als sich dann das fahle Gelb der Strassenlampen mit dem himmlischen Weiss des Neuschnees mischte, die schwarze Nacht ihren Segen dazu gab, da las ich via Whatsapp Verse von Georg Trakl: «Wenn der Schnee ans Fenster fällt,/ Lang die Abendglocke läutet,/ Vielen ist der Tisch bereitet/ Und das Haus ist wohlbestellt.» Doch da gibt es auch Wanderer auf dunklen Pfaden, die dann trotz Schnee an den Stiefeln in unsere Stube treten: «Schmerz versteinerte die Schwelle./ Da erglänzt in reiner Helle/ Auf dem Tische Brot und Wein ...»

Mitsamt den biblischen Metaphern verbesserten sich auch die Fotoideen, jetzt wurden Vorher-nachher-Fotos verschickt: Eine Freundin im roten Pulli unter dem blutroten japanischen Ahorn hier, dick verhüllt, verschneit unterm Schneedach da.

Der Schnee ist Balsam auf unseren Lockdown-Wunden. 2020 hat uns vieles weggenommen, 2021 gibt uns wenigstens den Winter unserer Kindheit zurück: Die Schweiz ist wieder Skination, und wir haben sogar im Flachland Schnee. Was will uns dieses Virus da noch antun? Das Lauberhorn wird heute der Dorfhügel, nicht Beat Feuz, sondern eines unserer Kinder wird heute zum Helden der Nation.

Nicht Beat Feuz, sondern eines unserer Kinder wird heute zum Helden der Nation.

Nicht Beat Feuz, sondern eines unserer Kinder wird heute zum Helden der Nation.

CH Media

Im morgendlichen CH-Media-Teams-Chat musste am Freitag nur eine halbe Aufforderung fallen, dass es dort so viel Aktivität wie nie zuvor gab: Schneebilder von Grenchen bis an den Bodensee, von Lauterbrunnen bis Wildhaus, von Fislisbach bis Kriens. Nur die Berner nahmen es gemächlich, schafften es erst am Freitagmittag zu einer Zuckerschicht. Sie müssen wohl auf die dritte Welle warten.

Anderswo wurde der Schnee zum Gegner. Schon am Morgen fuhren in Zürich die Trams und Busse nicht mehr. «1 Stunde 30 Minuten zu Fuss von der Albisrieden zur Dolderstrasse» hiess es fluchend aus einem Chat ... begleitet von den allerschönsten Bildern. Der Flockdown war eingetreten. Wer jetzt kein Homeoffice hat, baut sich keines mehr.

Das bleiche Reich muss wohl oder übel untergehen

Und schon ging der Blick wieder hinaus ins schleiernde Treiben. Franz Werfel, dieser Wortträumer, meinte, dass jede Flocke des weissen Gewehs gewogen und gezählt sei (ein weiterer Beweis, dass Frau Holle Schweizerin ist?). Nichts weniger als Persönlichkeiten mit eigenen Schicksalen sah er in den einzelnen Flocken.

Es liegt in der Natur der literarischen Sache, dass bei Werfel das «bleiche Reich» bald untergeht. Für dieses Wochenende aber sei es der ganzen Schweiz gegönnt, sei mitten im Winter alles Anfang. Der zweite Anfang in ein gutes neues Jahr.