«So geht es nicht weiter»: Die Stadionfrage ist Zürichs wichtigster Final

100 Jahre lang haben die Zürcher Clubs den Schweizer Fussball dominiert. Das ist längst vorbei, und wenn die Stadt am 25. November über das neue Stadion abstimmt, geht es für GC und den FC Zürich um die Zukunft.

Dominic Wirth, Zürich
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137 Meter hohe Türme, ein Stadion für 18'000 Zuschauer, Investitionen in der Höhe von 570 Millionen Franken: Das Zürcher «Ensemble»-Projekt.

137 Meter hohe Türme, ein Stadion für 18'000 Zuschauer, Investitionen in der Höhe von 570 Millionen Franken: Das Zürcher «Ensemble»-Projekt.

Es sind gerade keine einfachen Zeiten, doch an diesem Abend ist Ancillo Canepa ein glücklicher Mann, «das ist wie Weihnachten», ruft der Präsident des FC Zürich. Er sitzt auf dem Balkon seiner Präsidentenloge, hoch oben im Letzigrund. Das Fluchtlicht brennt in den Abendhimmel, und unten, auf dem Rasen, macht sich sein FC Zürich bereit für einen besonderen Abend: Europa League, dritter Spieltag, und der Gegner heisst Bayer Leverkusen.

Ancillo Canepa, Präsident FC Zürich. (Bild: Keystone)

Ancillo Canepa, Präsident FC Zürich. (Bild: Keystone)

Das ist ein Spitzenteam aus Deutschland, ein grosser Name, ziemlich gross zumindest. Und sicher genug gross, um abzulenken von der Frage, die diesen Herbst für Canepa über allem schwebt, und jeden Tag ein wenig drückender: Der Frage, ob es im dritten Anlauf klappt mit dem neuen Zürcher Fussballstadion. Am 25. November entscheiden die Stimmbürger. Für die Zürcher Fussballclubs, für den FC Zürich und für GC, geht es dann um nichts weniger als um ihre Zukunft. Und auch darum, ob alles wieder so werden kann wie früher, als nicht Basel oder Bern die führende Schweizer Fussball-Stadt war. Sondern Zürich.

Die SP lässt die Muskeln spielen

Canepa ist ausgerechnet an diesem grossen Abend etwas spät ins Stadion gekommen, ein Stau hat ihn aufgehalten, und eigentlich würde er jetzt, so kurz vor dem Anpfiff, wahrscheinlich lieber über Fussball reden. Aber das macht er derzeit sowieso weniger als sonst, es geht jetzt fast immer nur um die Abstimmung. Man braucht Canepa nur anzustupsen, mit einer Frage zum Beispiel. Und schon legt er los, «es kann doch nicht sein, dass wir Zürcher es nicht schaffen, ein neues Stadion zu bauen», sagt er dann. Oder, den Blick auf die rote Laufbahn gerichtet, die im Letzigrund die Zuschauer vom Spielfeld trennt: «Dieses Stadion ist für Fussballspiele nicht geeignet». Schliesslich die Kernbotschaft:

«Am 25. November steht die Zukunft des Zürcher Fussballs auf dem Spiel.»

Die Zukunft liegt nicht weit entfernt vom Letzigrund, nur etwas mehr als ­einen Kilometer Luftlinie. Mehr als zehn Jahre ist es her, dass dort die einstige Heimat der Grasshoppers abgerissen wurde: das Hardturm-Stadion. Grashalme wuchern jetzt durch alte Betontreppen. Auf der Brache gibt es Gärten und eine Skating-Anlage. Aber kein neues Stadion. Und das, obwohl in Zürich schon seit 20 Jahren Pläne gewälzt werden. GC und der FC Zürich aber spielen seit 11 Jahren im Provisorium im Letzigrund – einem Stadion, das eigentlich für Leichtathleten gebaut worden ist.

Das erste Neubauprojekt, das spektakuläre Pentagon-Stadion, nahm 2004 die Abstimmungshürde. Doch es scheiterte an den Rekursen von Anwohnern, die das Projekt so lange verzögerten, bis der Investor Credit Suisse 2009 entnervt ausstieg. Der zweite Anlauf fiel 2013 an der Urne hauchdünn durch. Grund waren die 216 Millionen Franken, die das Stadion die Stadt gekostet hätte.

Jetzt liegt ein 570-Millionen-Projekt auf dem Tisch, bezahlt von Investoren. Ein Stadion mit 18000 Plätzen, querfinanziert durch zwei 137 Meter hohe Türme mit Gewerberäumen und Wohnungen. Teil des Projekts sind zudem Genossenschaftswohnungen.

Lange sieht es gut aus für «Ensem­ble», wie die Planer den neuesten Anlauf taufen. Doch dann wendet sich im Frühling das Blatt: Bei den Beratungen im Stadtparlament stellt sich die SP, die mächtigste Partei der Stadt, plötzlich gegen das Projekt. Und damit gegen die eigenen Leute im Stadtrat, gegen Co­rinne Mauch, die SP-Stadtpräsidentin, und André Odermatt, den SP-Hochbauvorsteher, die beide für «Ensemble» eintreten. Ihre Sozialdemokraten aber kritisieren die hohen Türme und das Finanzierungskonstrukt, das den privaten Investoren in den Augen der Partei zu hohe Renditen ermöglicht.

Sie legen in der Folge ein eigenes Projekt vor. Finanzieren soll die 130 Millionen die Stadt. Die Fussball-Bosse und auch der Stadtrat reagieren verärgert auf den Sinneswandel, zu dessen Vorkämpferin die umtriebige Nationalrätin Jacqueline Badran wird. Doch das ändert nichts daran, dass sich mit dem Widerstand der SP eine starke Front aufbaut. Und seither auch beim dritten Anlauf eine Pleite droht.

Längste Zürcher Durststrecke seit 100 Jahren

Andy Egli ist ein Mann, der gerne in Erinnerungen schwelgt, man schüttelt ihm die Hand, und schon erzählt er von Real Madrid. Von damals, als er mit GC im Bernabeu-Stadion auflief. Egli sitzt am Zürcher Bürkliplatz, hier hat er einst, im Jahr 1988, einen Cupsieg mit GC gefeiert. Es war einer von vielen Titeln, die Egli mit dem Club gesammelt hat, «viermal Meister, viermal Cupsieger, fünf Jahre Captain», zählt er auf, 60 Jahre alt mittlerweile.

Egli hat eine Zeit mitgeprägt, in der die Zürcher das Mass aller Dinge waren im Schweizer Fussball. Zwischen 1982 und 1984 wurde GC dreimal in Folge Meister, das ist ihnen nur einmal gelungen. Insgesamt haben die Grasshoppers 27 Titel gewonnen, sie sind immer noch der Schweizer Rekordmeister, weit vor dem FC Basel, der die Zeit seit 2010 mit acht Titeln in Folge dominierte. Und noch weiter vor den Young Boys, die zuletzt Bern in die Schweizer Fussball-Hauptstadt verwandelt haben.

Traditionell gehört dieser Titel Zürich, zumindest, wenn man die Pokalvitrinen der Clubs zum Massstab macht. 39 Meistertitel haben die Grasshoppers und der FC Zürich zusammen gewonnen, doch mittlerweile liegt der letzte schon länger zurück. 2009 holte ihn der FC Zürich. Neun Jahre sind seither vergangen, und neun Jahre ohne Zürcher Meistertitel, das gab es fast 100 Jahre nicht mehr. Für Andy Egli, der heute im Fernsehen Fussballspiele analysiert, ist der Grund klar: Die Brache im Westen der Stadt, auf der das Fussballstadion stehen sollte, aber eben: sollte.

«Emotional und finanziell geht es so nicht weiter», sagt Egli, und er meint damit beide Clubs, aber die Grasshoppers ganz besonders. Die spielen mittlerweile seit elf Jahren auf der falschen Seite der Gleise, im Exil, dort, wo eigentlich der FC Zürich zu Hause ist. Und das hat seine Spuren hinterlassen. GC trägt zwar bis heute den Titel des Rekordmeisters. Doch viel mehr als seine Vergangenheit ist dem einst so stolzen Club nicht geblieben. Er dümpelt am Tabellenende, und zu seinen Heimspielen kommen oft kaum 4000 Zuschauer. Der FC Zürich, in der Stadt traditionell besser verankert, bringt es im Durchschnitt auf 11000. «Die 11 Jahre im Exil haben GC zu einem seelenlosen Verein gemacht», sagt Clublegende Egli, «ein neues Stadion würde neuen Schub bringen.»

Ob es so weit kommt, steht in den Sternen, auch wenn es laut einer repräsentativen Umfrage gut aussieht: 54 Prozent der Zürcher wollen dem neuen Stadion demnach zustimmen. Doch die Lage im Abstimmungskampf ist unübersichtlich, die Risse verlaufen quer durch die Lager. Es gibt breiten Rückhalt im bürgerlichen Lager, aber auch eine FDP-nahe Gruppe aus dem Stadtteil Höngg, die sich wegen der hohen Türme um die eigene Aussicht sorgt – und das Projekt darum nicht will. Die SP will auf ihr eigenes Projekt setzen, auch die Grünen haben die Nein-Parole gefasst. Die linken Wähler aber stehen laut der Umfrage eher hinter dem Projekt der Stadt. Und schliesslich gibt es auch im Lager der Fussballfans Widerstand, etwa von eingefleischten Anhängern des FC Zürich. Denn wenn das neue Stadion kommt, ist es an ihnen, über die Gleise zu zügeln. Und damit ins GC-Land.

Krisenagentur hilft im Abstimmungskampf

Das alles macht die Sache ganz schön spannend. Und die Präsidenten der Zürcher Fussballclubs ganz schön nervös. Sie haben eine renommierte Agentur ­beauftragt, den Abstimmungskampf zu koordinieren. Die schreibt auf ihrer Website, sie sei auf das «Lösen von kom­plexen Problemen in Führungs- und Verantwortungspositionen spezialisiert». Zuletzt haben der Schauspieler Beat Schlatter und die ehemalige Regierungsrätin Rita Fuhrer für ein Ja geworben. Ancillo Canepa und Stephan Anliker, der GC-Präsident, schiessen derweil gegen die SP, die mit «Fake News» operiere. Und sagen der Fangewalt an einer gemeinsamen Pressekonferenz den Kampf an. Zuvor hatten Konflikte zwischen GC- und FCZ-Fans Schlagzeilen gemacht.

Was passiert, wenn das Warten auf ein neues Stadion dennoch weitergeht? Fest steht, dass beide Clubs, sowohl der FC Zürich als auch GC, derzeit nur dank Millionenspritzen aus der Kasse ihrer vermögenden Besitzer überhaupt überlebensfähig sind. Das neue Stadion soll das ändern, es wird in diesen Tagen von Anliker und Canepa als wahres Wundermittel angepriesen. Es soll Zuschauer bringen, Geld, Identität. Und auch sonst alles, was den Clubs momentan fehlt. Ob es so kommt, steht auf einem anderen Blatt. Und erst recht, ob Zürich je wieder wird, was es einst war: Die Stadt, in die der Fussball-Meistertitel regelmässig geht. Sicher aber ist, dass ein Neubau für eine Perspektive steht, die es derzeit nicht gibt. GC-Präsident Stefan Anliker, der mit zwei anderen Investoren den Club besitzt, betont, es brauche eine ­solche, um Geld einzuschiessen. «Bei einem Nein müsste ich mir überlegen, wie es weitergeht. Klar ist, dass es sehr ungemütlich würde», sagt er.

Canepa will bei einem Nein über die Bücher

Auch Ancillo Canepa, der Anwalt, der mit seiner Frau den FC Zürich seit 12 Jahren alimentiert und führt und neben Meistertiteln auch den schmachvollen Abstieg von 2016 verantwortete, will sich bei einem Nein Gedanken machen. «Es gibt dann sicher einen Marschhalt», sagt er im Letzigrund, bevor er in seiner Loge verschwindet. Der Anpfiff naht.

Das Spiel gegen Leverkusen wird dann zu einem, über das sie beim FC Zürich noch lange reden werden. Er ist an diesem Abend zwar der Aussenseiter, doch er nimmt sein Herz in die Hand. Und am Ende siegt er mit 3:2, es ist der dritte Sieg im dritten Europa-League-Spiel. Und der erste Sieg gegen einen Club aus der deutschen Bundesliga überhaupt. Nach dem Schlusspfiff steht Ancillo Canepa auf dem Spielfeld, aus der Ferne schaut er zu, wie seine Fussballer vor der Fankurve feiern. Er wirkt wie ein Mann, der weiss, dass es bis zum grossen Final noch ein paar Wochen dauert.

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