Pomodori» steht im Kalender. Mama hat sich den heutigen Tag fett angestrichen. Ende August wird die hohe Zollgebühr für italienische Tomaten während eines Monats gesenkt. Dann kommt die «San Marzano». DIE Tomatensorte, um Sugo zu machen. Für Mama ein Fixpunkt im Jahreslauf, fast so wichtig wie Weihnachten. Der Vorrat ist nun fast aufgebraucht. 60 Kilogramm San Marzano hat sie beim Gemüse- und Früchtegrosshändler Siragusa in Bellach vorbestellt.

Im Gemüselager stapeln sich in einer Ecke die Kisten mit den Tomaten. Mama ist nicht die einzige, die dringend Sugo-Rohstoff braucht. «Durchschnittlich kauft jede Familie zwischen 100 und 200 Kilo», sagt Geschäftsführer Maurizio Siragusa. Daraus ergibt sich dann jeweils der Sugo-Vorrat für das ganze Jahr. Rund 8 Tonnen Tomaten der Sorte «San Marzano» verkauft der Grosshändler insgesamt jedes Jahr, hauptsächlich an italienische Familien aus der Region Solothurn.

«Es ist vor allem die ältere Generation, die diese Tomaten noch bestellt», sagt er. «Die Jungen nehmen den riesigen Aufwand zum Sugo-Machen nicht mehr auf sich und bevorzugen Fertigprodukte», sagt er.

Und ich? Werde ich auch mal der Tradition folgen und jährlich einen halben Tag mit Sugo-Machen verbringen? Dieselbe Frage stellt sich auch bei vielen anderen Bräuchen und Aspekten, die eine Kultur ausmachen.

Fakt ist: In der Deutschschweiz spielt sich das Leben von italienischen Secondos und erst recht von Terzos vor allem in einem schweizerischen Umfeld ab: in der Schule, in der Ausbildung, bei der Arbeit. Meist nur noch zuhause oder bei Verwandten treffen sie auf ihre Ursprungskultur. Dadurch bewegen sich Secondos täglich zwischen zwei Welten. Zwei Welten, die sich konkurrenzieren?

Die Schweiz geht vor

Ganz klar zeigt sich ein Wandel bei der Sprache: «Die italienische Sprachkompetenz von Secondos und Terzos hat mit der Zeit sicher abgenommen», sagt Nicoletta D’Alessandro, die in der Region Solothurn den Italienischkurs «lingua e cultura italiana» für Muttersprachler durchführt. Dies habe auch damit zu tun, dass selbst zuhause immer öfter Schweizerdeutsch gesprochen werde. Italienisch sprechen die Secondos oder Terzos eher mit den Grosseltern oder in den Ferien mit den Verwandten in Italien.

In den letzten 15 Jahren verzeichnet der Kurs immer weniger Anmeldungen. «Die Schweizer Schule und Ausbildung hat für die meisten erste Priorität», sagt D’Alessandro. Auch die Eltern bestehen oft darauf, dass sich ihre Kinder auf die Schweizer Schule konzentrieren. Darum besuchen sie, wenn schon, lieber einen Sprachkurs in der Regelschule, weil dann die Note im Zeugnis aufgeführt wird. «Man ist heute einfach viel pragmatischer geworden», sagt D›Alessandro.

Tradition für die Verwandtschaft

In der Bijouterie «La Perla» in Zuchwil bastelt Rosangela Lagona für einen Auftrag gerade «Bomboniere», verzierte Mandelsäckchen. Nach der italienischen Tradition schenkt man sie bei Hochzeiten, Taufen oder an speziellen Anlässen jedem Gast als Dankeschön, kombiniert mit einem Erinnerungsstück: einem Kristallfigürchen, einem kleinen Bilderrahmen oder einem Salzstreuer – was man auch immer will.

Doch auch hier nimmt die Begeisterung bei den Secondos und Terzos ab. «Vor allem bei Mischehen gibt es manchmal Diskussionen», sagt Lagona. Der Schweizer Ehepartner findet die Bomboniere eher kitschig und unnötig, der andere Teil hingegen möchte an der Tradition festhalten. «Oft wegen der italienischen Verwandtschaft, die Bomboniere erwartet», sagt Rosangela Lagona.

Solche Situationen kennt Migrationsexperte Gianni D’Amato, der selber italienischer Secondo ist, nur zu gut: «Es geht immer darum, Kompromisse zu finden.» Vor allem bei grossen, emotionalen Anlässen wie Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen suchen Secondos einen Weg, um es ihrem Umfeld recht zu machen.» Dann kommt es darauf an, wie offen dieses Umfeld ist. Laut D’Amato ist in der Schweiz der Individualismus ausgeprägter als in Italien. «Deshalb müssen Secondos stets die Balance zwischen Widerstand und Anpassung finden», sagt er.

Immer weniger Secondos wollen ihre Hochzeit in italienischer Sprache feiern. In den letzten Jahren nahmen die Anmeldungen von Italienern der zweiten Generation für den Hochzeitsvorbereitungskurs der Missione Cattolica Italiana in Solothurn ab. Dieser ist obligatorisch, wenn man sich eine italienische Messe mit einem italienischsprechenden Pfarrer wünscht.

Waren es früher durchschnittlich 12 Secondo-Paare pro Jahr, sind es heute nur noch 3 bis 4. «Einige wollen die Feier den Verwandten zuliebe auf Italienisch führen, andere hingegen können sich selber immer noch mehr mit einer italienischen Messe identifizieren, weil sie eine emotionale Bindung haben zur Sprache ihrer Eltern oder Grosseltern», sagt Kursleiterin und Missionarin Maddalena Grazioli.

Kultur ist dynamisch

Auch Migrationsexperte Gianni D’Amato misst italienischen Grosseltern eine grosse Bedeutung bei, wenn es um das Weitergeben von Traditionen und Werten geht. «Da die Kinder von Secondos oft bei den Grosseltern aufgewachsen sind, haben sie eine starke emotionale Bindung zu ihnen und zu dem, was sie verkörpern.»

Aber von welcher Italianità ist hier überhaupt die Rede? Bei der letzten grossen italienischen Arbeiter-Einwanderungswelle zwischen den 50er und 70er Jahren kamen über 100 000 Menschen aus dem eher konservativen Süditalien in die Schweiz. In die Region Solothurn emigrierten zwischen 1954 und 1965 rund 15000 Italiener.

Sie nahmen ihre Kultur mit: Eine Kultur, die seither nicht mehr vom italienischen Alltag beeinflusst wurde. «Während in ihrem Heimatland wie überall auf der Welt ein kultureller Wandel stattfindet, machen Emigrierte diesen in ihrer Ursprungskultur nicht mehr mit», erklärt Sozialwissenschaftler Christian Giordano. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr entfernt sich die emigrierte Italianità also von der Kultur im heutigen Italien.

Das wurde vielen Emigrierten erst mit der Zeit bewusst. In der Schweiz feierten die Immigranten der ersten Generation ihre Bräuche und Traditionen stark, hielten zusammen. Als sich in den 60er Jahren Italiener definitiv in der Schweiz niederliessen und ihre Familien nachzogen, gründete auch die Missione Cattolica Italiana etliche Aufnahmezentren: Zwei in Solothurn und je eines in Grenchen, Balsthal und Gerlafingen.

Jedes Zentrum hatte ein Sekretariat, einen Sozialdienst, eine Kinderkrippe, ein Café, eine Mensa und war Treffpunkt für italienische Junggesellen und Familien. Was Politikern wie James Schwarzenbach, die gegen die Italiener hetzten, ein Dorn im Auge war.

Dann kamen die Kinder auf die Welt. Sie lernten im Kindergarten und in der Schule Schwiizerdütsch, nahmen Schweizer Gspänli mit nach Hause und begannen, sich Rösti zum Zmittag zu wünschen. Diese mittlerweile erwachsenen Kinder haben nun selber Nachwuchs, den sie regelmässig mit Älplermagronen bekochen.

«Die Integration der Italiener innerhalb der schweizerischen Gesellschaft ist fast abgeschlossen», schrieb die Missione im Jahr 2004 in ihrem Kirchenblatt «insieme». Als Folge nahm der Bedarf nach den Zentren ab. Bis 2003 wurden in der Region alle geschlossen, bis auf eines in Solothurn.

Beim Stichwort Integration zuckt Christian Giordano, Professor für Sozialanthropologie, stets zusammen: «Integration» impliziere, dass die Person vollständig ihre Identität wechselt. «Das ist nicht sinnvoll und auch nicht möglich», sagt Giordano. Die Menschen seien flexibel: «Sie können Schweizerdeutsch sprechen und gleichzeitig eine italienische Spezialität kochen.» Deshalb ist es korrekter von Assimilation, also Anpassung zu sprechen.

Die Wirkung der Assimilation spürte auch die Colonia Libera Italiana. Während die Colonia in den Jahren der italienischen Einwanderungswelle zu den wichtigen Anlaufstellen gehörte, nahm der Bedarf bei der zweiten Generation ab, weil diese sich die Schweizer Welt bereits in der Schule sprachlich und kulturell erschlossen hatte. Etliche Colonie Libere Italiane schlossen sich wegen den schwindenden Mitgliederzahlen zusammen oder lösten sich gar auf.

Die erworbene Kompetenz der Secondos war auch zuhause gefragt: Die Kinder wurden zu Ansprechpersonen für die eigenen Eltern. Lag ein kompliziertes Schreiben im Briefkasten, wurden Secondos schnell mal zu Übersetzern. «Man musste sich früh mit Erwachsenen-Dingen beschäftigen», sagt Gianni D’Amato. Die Folge? «Überforderung, aber man lernte, mit Verantwortung umzugehen», sagt der Migrationsexperte, der mit 13 Jahren für seine Eltern die Steuererklärung ausfüllen musste.

Das eigene «Ding»

Secondos konnten aber auch die schöne Seite der Medaille kennenlernen. Die Schweiz ist ein Land voller Möglichkeiten. Mit Engagement kann man hier eigene Projekte auf die Beine stellen. Genau das taten zum Beispiel Andrea Andreotti und seine drei Freunden, alle italienische Secondos aus Solothurn: Unabhängig von der Colonia Libera Italiana, wo sich ihre Familien an Volksfesten kennengelernt hatten, schlossen sie sich zusammen.

«Wir wollten was Eigenes machen, für Junge und vor allem für unsere Freunde, die schon lange nicht mehr nur aus Italien stammten», sagt Andreotti. So fing die Gruppe vor 14 Jahren an, in Solothurn unter dem Eventlabel Gentediaare Partys zu organisieren.

«Am Anfang kamen 80 Prozent der Gäste aus unserem Freundeskreis. Rund 60 Prozent davon waren Italos.» Dann nahmen Freunde immer mehr Freunde mit. Die Nachfrage stieg, die Party wurde grösser, offizieller. Heute beträgt der Italiener-Anteil an den Gentediaare-Partys rund 30 Prozent, schätzen die Organisatoren. Neben R&B, Hip-Hop und House werden auch italienische Charts gespielt. «Würden wir jedoch nur italienische Musik spielen, hätten wir wohl viel weniger Gäste», sagt Mitorganisator Pino Finocchiaro.

Dass die Gentediaare-Crew ihr eigenes Ding durchzog, ist typisch für Secondos. «Kultur ist wandelbar und verhandelbar», sagt Gianni D’Amato. Schliesslich trage jedes Individuum eigene Erfahrungen und Präferenzen in sich. «Jeder muss seinen eigenen Weg finden.» Mit seiner Schweizer Frau und seinen Kindern spricht d’Amato nur Schweizerdeutsch.

«Würde ich nur mit meinen Kindern Italienisch sprechen, wäre das irgendwie künstlich.» Er selber wendet die italienische Sprache vor allem in seinem Berufsumfeld an und liest jeden Tag auch die italienische Zeitungen «La Repubblica» und «L’Unità». Eine Tradition, die er beibehalten möchte.

Mehr als eine Kultur in sich zu tragen, in einem «Hybridzustand» zu leben, ist laut Professor Christian Giordano durch die Globalisierung für viele Menschen der Normalfall. Ein längerer Auslandaufenthalt reicht schon aus, damit ein Mensch eine kulturelle Eigenschaft, mit der er sich identifizieren kann, übernimmt und in seine Ursprungskultur integriert.

Bei Secondos, bei denen mindestens zwei verschiedene Kulturwelten krass aufeinanderprallen, ist dieser Hybridzustand lediglich stärker ausgeprägt. «So stark, dass etwas Drittes entsteht. Etwas Neues, das zwischen den beiden Kulturen einzuordnen ist», so Giordano.

Nichts geht verloren

«Kultur ist ein wandelbares Gebilde, das wir flexible Menschen in uns tragen und auch immer wieder neu definieren», sagt Giordano. Jeder sammelt in sich Kultur-Teilchen wie in einem Topf. Je nachdem, was man gerade mehr auslebt und was einem mehr entspricht, steigt vom einen oder vom anderen mehr an die Oberfläche. Verloren geht dabei nichts, sagt Giordano: «Alles, was man einmal aufgenommen hat, bleibt im Unterbewusstsein erhalten.»

Papa sagte mir als Kind immer: «Deine italienische Muttersprache ist ein Schatz. Du musst ihn gut aufbewahren.» Damals seufzte ich innerlich. Das Italienische war mir so selbstverständlich, dass es mich nicht kümmerte. Viel lieber hätte ich die vier Fälle des Deutschen so natürlich beherrscht wie meine Schweizer Gspänli. Jetzt, da mir der Akkusativ längst kein Kopfweh mehr bereitet, bin ich froh, dass ich meinen Kulturtopf gefüllt habe. Danke, Mama! Grazie, papà!

Dieser Artikel wurde von AZ-Stagiaire Deborah Onnis als Abschlussarbeit für die MAZ-Journalistenausbildung eingereicht und angenommen.