Er war ein willkommener Gast bei den Kuratoren: Stefan G.* ging nicht nur im Naturhistorischen Museum in Basel ein und aus, sondern besuchte auch Sammlungen in Bern, Neuenburg, Wien, Stuttgart, Frankfurt, München und Berlin: Freundliche Anfragen und sein umfangreiches Fachwissen öffneten alle Türen zu den Sammlungen der Greifvögel.

Doch im November 2012 warnten sich die Museumsdirektoren gegenseitig vor dem Mann: Nach und nach flog auf, dass er die ausgestopften Tiere nicht nur begutachtet und fotografiert, sondern überall auch Federn oder gar ganze Flügel ausgerissen hatte.

In der Kleidung versteckt

Das Ausmass der Sammelleidenschaft war endlos: Da eine Handschwinge eines Schneebussards, dort vier Stossfedern eines Fledermausfalken, mal ein Unterarm eines Steinadlers, dann wieder beide Armschwingen einer Schneckenweihe. Als Versteck genügte jeweils die Schreibmappe oder Kleidung. «Er kam, sah und stahl», fasste Staatsanwältin Lea Lanz das Verhalten am Dienstag zum Prozessauftakt in Basel zusammen.

Die Restauration sei in vielen Fällen nicht mehr möglich, die Exponate seien daher nie mehr in einer Ausstellung zu sehen. In Anspielung auf das ungewöhnliche Hobby des 44-Jährigen meinte sie etwas ironisch, die Sammelleidenschaft des Mannes sei wohl eine «starke Triebfeder» gewesen. Verteidiger Daniel Borter nahm die Steilvorlage auf und sagte, sein Mandant habe wohl eine Meise.

Der Mann selber ist mittlerweile geständig, relativiert die Geschichte allerdings. «Die Präparate waren teilweise bereits beschädigt, sie waren nicht alle in einem guten Zustand. Das mag schwer nachvollziehbar sein, ist aber definitiv so», meinte er. Auch seien keineswegs alle Arten selten oder ausgestorben. «Mir war nicht bewusst, dass ich einen Schaden anstelle», sagte er.

Für ihn steht nun einiges auf dem Spiel: Die Staatsanwaltschaft fordert für den gelernten Tiefbauzeichner eine unbedingte Freiheitsstrafe von vier Jahren wegen gewerbsmässigen Diebstahls und qualifizierter Sachbeschädigung. Auch die Zivilforderung ist happig: Die Museen haben einen Gesamtschaden von 5,9 Millionen Franken ausgerechnet, den sie nun geltend machen. So viel ist bei dem Mann wohl nicht zu holen: Er besitzt zusammen mit seiner Frau zwar eine Eigentumswohnung, diese ist allerdings mit einer Hypothek belastet.

Der dumme Vogel stiehlt die Feder

Der Beitrag von TeleM1 zum Prozess

Jede Feder katalogisiert

«Wäre der wissenschaftliche Wert der Sammlung wirklich so gross, dann hätte man sie wohl auch entsprechend gesichert», kritisierte allerdings der Verteidiger vor Gericht. Es sei hier gar nicht möglich, den Wert der Federn jeweils genau zu bestimmen. «Mein Mandant wurde nicht überwacht, nicht kontrolliert, er ist jeweils einfach aus dem Museum herausspaziert.» Er stellte auch die Frage, wie gross das wissenschaftliche Interesse an den Vögeln wirklich sei, wenn über Jahre hinweg niemand die Schäden feststelle.

Beim Angeklagten beschlagnahmte man rund 17'000 Federn, die Staatsanwaltschaft fotografierte und katalogisierte über Jahre hinweg jedes Stück und glich die Daten mit den Listen der Geschädigten ab. Alle Beteiligten sind sich einig, dass das Diebesgut vorerst komplett an das Naturhistorische Museum in Basel gehen soll, zusammen mit den anderen betroffenen Museen wollen die Fachleute dann die weitere Zuordnung der Federsammlung vornehmen.

Auf die Idee kam der Mann durch einen Tauschkollegen, der ihm davon erzählte, wie einfach man im Museum Federn entwenden kann. Auch dieser Kumpel muss sich nun wegen Sachbeschädigung, Diebstahl und Hehlerei vor Gericht verantworten. Allerdings ist vieles bereits verjährt, für ihn beantragte die Staatsanwältin eine bedingte Strafe von 20 Monaten. Das Urteil fällt am Mittwoch.

* Name der Redaktion bekannt.