Kritik
Schweizer Bildungsforscher hält Pisa-Studie für wertlos: «Die Autoren sind wie renitente Schüler»

Die neueste Pisa-Studie sei wertlos, kritisiert der Schweizer Verantwortliche Stefan C. Wolter. Warum sein Vertrauen in die OECD erschüttert ist.

Dennis Bühler
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Stefan C. Wolter, Leiter Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF) kritisiert die PISA-Studie.

Stefan C. Wolter, Leiter Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF) kritisiert die PISA-Studie.

KEYSTONE

Dennis Bühler: Herr Wolter, welche Schulnote geben Sie den Autoren der Pisa-Studie?

Stefan C. Wolter: Eine ungenügende.

Warum?

Als die OECD Anfang Jahrtausend mit den Pisa-Studien begann, war sie transparent und selbstkritisch. Doch leider hat sich diese Haltung ins Gegenteil verkehrt: Um möglichst keine Kritik akzeptieren zu müssen, stellt sich die OECD auf den Standpunkt, sie sei unfehlbar. Und sie unterstellt jedem Kritiker, er handle aus unlauterem Motiv – er zweifle die Methodik an, weil das Bildungssystem seines Landes bei der neuen Erhebung schlechter abschneide.

Auf die Schweiz trifft das nicht zu.

Richtig, unsere Ergebnisse sind stabil. Aber das nützt uns nichts, wenn wir den Resultaten keinen Glauben schenken können.

Stefan C. Wolter

Wolter ist Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF) in Aarau, Titularprofessor für Bildungsökonomie der Universität Bern und Gastprofessor an der Universität Basel.

Wie meinen Sie das?

Vor kurzem hat die OECD Bildungspolitiker und Wissenschafter aus der ganzen Welt nach Shanghai eingeladen, damit wir das vorbildliche Bildungssystem der chinesischen Millionenstadt kennen lernen können. In der neuen Pisa-Studie aber sind deren Schüler regelrecht abgestürzt. So ist es schwierig, der OECD weiterhin zu vertrauen.

Kurzum: Sie sehen in ihr nicht nur einen schlechten, sondern auch einen schwierigen Schüler.

Genau. Die Studienautoren sind wie renitente Schüler, die jede Diskussionsbereitschaft vermissen lassen.

Sind die Ergebnisse denn wirklich derart falsch, wie Sie uns weismachen wollen?

Ja. Ein Beispiel: Im Vergleich zur letzten Erhebung sollen Schüler in 15 von 35 OECD-Ländern Rückschritte gemacht haben, die gewaltig sind – in einem Ausmass, das zwischen einem Viertel- und einem halben Jahr Schulstoff entspricht. Und das, obwohl der Trend zuvor in all diesen Ländern stabil war. Das kann schlicht nicht stimmen.

Warum kann man die neuen Pisa-Ergebnisse denn nicht mit früheren vergleichen?

Vor allem, weil sich die Erhebungsmethodik grundlegend geändert hat: Während die Schüler die Pisa-Tests früher auf Papier und mit einem Bleistift lösten, beantworteten sie die Fragen nun erstmals mit dem Computer.

Endlich, könnte man sagen. Wir schreiben das Jahr 2016, Herr Wolter.

Noch ist viel zu wenig erforscht, wie Computertests aufgebaut sein müssen, damit sie den Forschungsgegenstand akkurat erfassen. Wir wissen nicht, ob wir die Fähigkeit der Schüler testen, mit Computer umzugehen, ihre Motivation, am Test teilzunehmen, oder wirklich ihr naturwissenschaftliches Wissen und ihre Schreib- und Lesefähigkeit, wie es unser Ziel wäre.

Ihre Haltung scheint mir antiquiert und fortschrittsfeindlich.

Richtig eingesetzt, böte der Computer grosse Vorteile. Beispielsweise kann man mit ihm messen, wie viel Zeit die Schüler bei einer Aufgabe verweilen. Diese Vorteile aber werden momentan noch mit riesigen Nachteilen erkauft. Ein Beispiel: Früher konnten die Schüler die Prüfung durchlesen, sobald sie ausgeteilt wurde, und dann mit jener Frage beginnen, auf die sie die Antwort sicher zu glauben wussten. Und sie konnten zurückblättern, wenn ihnen plötzlich eine Antwort einfiel. Nun müssen sie eine Frage nach der anderen abarbeiten. Das ist realitätsfremd.

Sie lassen kein gutes Haar an dieser Pisa-Studie. Warum zieht sich die Schweiz nicht von dieser internationalen Messung zurück, die uns pro Durchführung 3,3 Millionen Franken kostet?

Das Problem ist: Wenn wir uns ausschliesslich auf nationale Erhebungen verlassen und auf den internationalen Vergleich verzichten, besteht die Gefahr, dass wir die Qualität unseres Bildungswesens überschätzen.

Mit anderen Worten: Uns bleibt gar nichts anders übrig, als der Pisa-Studie die Treue zu halten.

Es ist ungekehrt: Wenn die OECD jetzt nicht aufwacht, bleibt uns nichts anderes übrig, als uns zurückzuziehen – selbst wenn uns dann der internationale Vergleich fehlt. Denn die Pisa-Studie ist nicht nur kostspielig, sondern generell ein Kraftakt: 6000 Schweizer Schülerinnen und Schüler sitzen einen halben Tag an einem Test, dessen Ergebnisse uns dann – zumindest in diesem Jahr – überhaupt nichts bringen. Das will ich langfristig nicht verantworten.