Schüler kaufen Matura in Neapel

Gymnasiasten des Istituto Fogazzaro in Lugano reisten 850 Kilometer, um die Matura abzulegen. Nun hat das Erziehungsdepartement gehandelt – doch das Vorgehen wirft Fragen auf.

Gerhard Lob, Lugano
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In einem Privatinstitut nahe bei Neapel sei es besonders leicht, die Maturität zu erlangen. (Bild: Keystone)

In einem Privatinstitut nahe bei Neapel sei es besonders leicht, die Maturität zu erlangen. (Bild: Keystone)

Das Tessiner Erziehungsdepartement hat dem Istituto Fogazzaro in Lugano-Breganzona die Lehrerlaubnis für die abschliessende Gymnasialklasse entzogen. Damit reagiert es auf eine Sendung des RSI, in welcher aufgedeckt wurde, dass etliche Schüler des Instituts an ein Privatinstitut in Pomigliano d’Arco, einem Städtchen in der Agglomeration von Neapel, gefahren sind, um dort die Matura abzulegen. Problematisch ist in erster Linie, dass sie dort gemäss Aussagen von Ex-Schülern unter der Bank mit den Antworten der Prüfungsaufgaben versorgt wurden, um ein Gelingen des Examens zu garantieren. Auch das Bezahlen einer Gebühr von 3000 Euro, die in Lugano bar einkassiert wurde, war die Regel.

Das Istituto Fogazzaro in Lugano gehört zu den Privatschulen im Tessin, welche auf die italienische Matura vorbereiten. Der Schwerpunkt liegt auf literarischen Fächern. Für die Prüfungen müssen die Schüler nach Italien. Dabei können sie selbst den Ort wählen. Die Maturitätsprüfungen finden in Como, Varese oder ­Busto-Arsizio statt, unweit der Schweizer Grenze, aber eben auch in Pomigliano d’Arco. Laut RSI war es unter den Schülern ein offenes Geheimnis, dass es dort besonders leicht ist, die Maturität zu erlangen. Und die Eltern waren offenbar bereit, diesen Weg zu unterstützen. Sie müssen immerhin rund 10000 Franken Schulgeld pro Jahr hinblättern. Doch dieser Einsatz kann sich lohnen: Eine italienische Matura berechtigt in der Schweiz zum Studium.

Späte Reaktion der Politik

Über die Schummelei «alla napoletana» mit der Matura hatten Medien erstmals vor einem halben Jahr berichtet. Doch erst jetzt hat das Erziehungsdepartement gehandelt, eine Administrativuntersuchung eingeleitet und dem Institut Fogazzaro bis auf weiteres die Lehrbewilligung entzogen. Erziehungsdirektor Manuele Bertoli (SP) verteidigte dies damit, das jetzt Beweise für das unkorrekte Vorgehen vorliegen würden. Das Institut hat den Beschluss angefochten. Der Anwalt des Instituts, Paolo Bernasconi, spricht von einem Skandal, weil nun der Unterricht für die Abschlussklasse ausgesetzt werden müsse. Auch die Eltern der Privatschüler sind auf den Barrikaden. Bernasconi sagt: «Ich habe nicht einmal Zugriff auf die Akten, die dem Entzug der Bewilligung zugrunde liegen.»

Bertoli wiederum verteidigt sein Vorgehen damit, den Ruf der korrekt agierenden Privatschulen verteidigen zu wollen. Gleichzeitig hat er eine Gesetzesänderung ausgearbeitet, welche es künftig verunmöglicht, dass Privatschulen im Tessin ihre Schüler auf eine Maturität vorbereiten, welche im Ausland abgelegt wird. Wenn diese Gesetzesänderung durchkommt, ist das Ende von Privatgymnasien wie dem Istituto Fogazzaro definitiv besiegelt.