Schweiz

Schüleraustausch: Fast niemand will ins Tessin

Das Tessin hätte viel zu bieten. Zum Beispiel das Schloss Montabello in Bellinzona.

Das Tessin hätte viel zu bieten. Zum Beispiel das Schloss Montabello in Bellinzona.

Der Schüleraustausch zwischen den Sprachregionen findet praktisch nur zwischen der deutschen und französischen Schweiz statt.

Der Bundesrat hat die Förderung der italienischen Sprache und Kultur zu einer Priorität erklärt. Er möchte die Präsenz der dritten Landessprache in der Schweiz stärken. Zum Förderprogramm gehört auch der schulische Austausch zwischen den Sprachregionen, für welche in der Kulturbotschaft 2021–2024 zusätzliche 10 Millionen Franken budgetiert sind.

Im Rahmen der Vernehmlassung zur Kulturbotschaft, die im September auslief, hat sich das «Forum für die italienische Sprache in der Schweiz» positiv zu dieser Stossrichtung geäussert, aber gleichzeitig starke Zweifel an der realen Tragweite des Schüleraustausches angemeldet. «Denn der Schüleraustausch tangiert die italienische Sprache nur marginal», heisst es in der Stellungnahme, die vom Tessiner Erziehungsdirektor Manuele Bertoli und Forum-Koordinator Diego Erba unterzeichnet ist. Tatsächlich wird dies durch Zahlen belegt, welche Movetia, die Nationale Agentur für Austausch und Mobilität mit Sitz in Solothurn, zur Verfügung gestellt hat.

44 Schüler ins Tessin, 3507 in die Romandie

Demnach gingen auf Sekundarstufe I im Jahr 2018 genau 3507 Schülerinnen und Schüler aus der deutschen Schweiz für einen Austausch in die Romandie, aber nur 44 in die italienische Schweiz. Der Anteil entspricht folglich nur 1,2 Prozent. Auf Sekundarstufe II begaben sich 533 Austauschschüler aus der deutschen Schweiz in die französische Schweiz, aber nur 33 in die italienische Schweiz (5,8 Prozent).

Umgekehrt wählten 1728 Austauschschüler auf Stufe Sek I aus der Romandie die deutsche Schweiz, aber nur 42 die italienische Schweiz (2,3 Prozent), während bei den Sekundarschülern II 516 Romands in einen Deutschschweizer Kanton gingen, aber nur 31 in die italienische Schweiz. Aus der italienischen Schweiz wiederum nahmen 72 Sek-I-Schüler an einem Austauschprogramm mit den anderen beiden Sprachregionen teil, auf Sekundarstufe II 106 (24 in der deutschen Schweiz, 82 in der französischen Schweiz).

«Diese Daten zeigen, dass der wichtige Beitrag des Bundes für den Schüleraustausch fast ausschliesslich zu Gunsten der französischen und deutschen Sprache geht», sagt Diego Erba, ehemaliger Leiter des Tessiner Schulamtes. Das Italienische werde eindeutig diskriminiert. Movetia-Direktor Olivier Tschopp bestätigt die Zahlen, weist aber drauf hin, dass diese auch im Verhältnis zu den Schülerpopulationen der Sprachregionen gewichtet werden müssten. So zählt die deutsche Schweiz etwa 241843 Schülerinnen und Schüler auf Sek-II-Stufe, die italienische Schweiz aber nur 16984.

Austausch muss auch bei Lehrlingen und Lehrern gefördert werden

Gleichwohl räumt Tschopp ein: «Movetia ist sich der Situation bewusst.» Daher habe man etwa soeben das Programm «Impariamo insieme» (Gemeinsam lernen) zur Promotion der italienischen Sprache lanciert. Mit diesem Programm wird ein zweiwöchiger intensiver Einzelaustausch gefördert.

Doch das Problem liegt an der Wurzel. «Die italienische Sprache wird in den anderen Sprachregionen viel zu wenig unterrichtet, vor allem auf Sekundarstufe I», meint Diego Erba – seiner Meinung nach in Verletzung des Konkordats HarmoS. Ähnlich sieht es Movetia-Direktor Tschopp: «Um die Lage zu verbessern, müssten die Kantone vermehrt Italienisch in den Schulen einführen, dann sind auch mehr Austausche möglich.»

Das Forum für die italienische Sprache in der Schweiz ist überzeugt, dass zudem der Austausch nicht nur bei Schülern, sondern auch bei Lehrlingen und bei Lehrern gefördert werden muss. Tschopp wiederum regt an, auch neue Modelle wie interkulturelle Wochen einzuführen, um die Bedeutung des Italienischen aufzuwerten.
Gerhard Lob aus Bellinzona

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