Kritik

«Schamlos hohe Preise»: Alle schiessen gegen die Pharmaindustrie

Der Hauptsitz des Pharmakonzerns Novartis. (Symbolbild)

Nur weil die Hersteller hohe Preise für Medikamente verlangten, sei der Eingriff des Bundes überhaupt nötig.

Die «überrissenen Preisforderungen» der Pharmaindustrie stünden am Anfang des Problems. Dies sagt Daniel Tapernoux, Mitglied der Geschäftsleitung der Stiftung SPO Patientenschutz. Die hohen Medikamentenpreise machten die Einschränkungen der Anwendung durch den Bund erst nötig. «Am meisten stört mich, dass dieses Problem auf dem Buckel der Patienten ausgetragen wird», sagt Tapernoux. Die Pharmaindustrie verhandle mit harten Bandagen. Dies gehe so weit, dass gewisse Hersteller damit drohten, ein Medikament in der Schweiz nicht auf den Markt zu bringen, sollte die Pharmafirma ihren Preis nicht durchsetzen können.

Die Krankenkassen und die Ärzte zeigen ebenfalls mit dem Finger auf die Pharmabranche. Das Bundesamt für Gesundheit müsse härter verhandeln, sagt Guido Klaus, Leiter Politik und Ökonomie beim Krankenversicherer Helsana. Gleichzeitig nimmt er das Amt in Schutz und verweist auf die Gesetze, welche die Festlegung der Medikamentenpreise festschreiben. Klaus spricht von einem untauglichen Regelwerk, das den Job der Behörde stark erschwere. Die Folge seien Verzögerungen bei der Zulassung und somit Probleme beim Zugang zu dringend wichtigen Therapien.

Ähnlich sieht es der Krankenkassenverband Santésuisse. «Unsere Mitglieder hätten lieber tiefere Preise als eine Einschränkung bei den Medikamenten», sagt Christoph Kilchenmann, Leiter Abteilung Grundlagen. Dies sei in der heutigen Situation mit der Preisfestsetzungsmacht der Pharmabranche jedoch nicht möglich. Yvonne Gilli vom Ärzteverband FMH doppelt nach: «Einzelne Medikamente werden in der Tat zu schamlos hohen Preisen auf den Markt gebracht.» Ein behördlicher Preisdruck sei deshalb notwendig, müsse jedoch differenziert erfolgen und dürfe die Versorgung der Patienten nicht gefährden.

Die Pharmaindustrie hat kein Verständnis, dass ihr der schwarze Peter zugeschoben wird. Die Unternehmen seien im Einzelfall sehr offen, was neue Preismodelle anbelange, sagt Heiner Sandmeier, stellvertretender Geschäftsführer des Lobbyverbands Interpharma. Hier zeige sich jedoch das Bundesamt für Gesundheit wenig flexibel. Wie die Krankenkassen bemängelt er die starren Preisregelungen des Bundes. Sandmeier spricht von einem sehr engen Korsett.

Letztmals wurde die Einschränkung der Verwendung von Medikamenten im Fall von Hepatitis-C-Präparaten diskutiert. Die damals neuen, hochwirksamen Arzneimittel waren sehr teuer. Das Bundesamt für Gesundheit hat deshalb deren Anwendung stark eingeschränkt. Die Pillen durften nur an Patienten mit weit fortgeschrittener Erkrankung abgegeben werden. Dies führte zu scharfer Kritik der Betroffenen und der behandelnden Ärzte. Es kam zu Protesten, wobei die Rationierung der Mittel durch den Bund angeprangert wurde.

Bund wehrt sich

Der Direktor des Bundesamts für Gesundheit, Pascal Strupler, wehrte sich unter anderem in einem Gastbeitrag in der NZZ. Die Einschränkung erfolge nach Kriterien der medizinischen Vernunft. Gleichzeitig gestand er ein, dass auch ökonomische Gründe eine Rolle spielten. Es handle sich bei den neuen Medikamenten um den Vorreiter einer neuartigen Preispolitik, «die versucht, möglichst viel Geld aus den steuer- und prämienfinanzierten Sozialversicherungssystemen der entwickelten Länder herauszupressen».

In der Folge kamen mehrere neue Präparate vergleichbarer Art auf den Markt. Zusammen mit der öffentlichen Kontroverse führt dies dazu, dass die Preise dieser Arzneimittel deutlich sanken. Der Bund weichte die Einschränkung der Medikamente auf, womit deutlich mehr Hepatitis-C-Patienten behandelt werden konnten.

Einen vergleichbaren Fall gab es seither nicht mehr. Die Einschränkungen sind heute weniger drastisch, im Gegenzug werden sie aber breiter angewendet. Dies erklärt, weshalb das Thema in der Öffentlichkeit kaum noch debattiert wird.

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