Schweiz
Rabbiner Noam Hertig spricht von den Lichtern von Chanukka und wie Sabbat über Zoom geht

Der Rabbiner der israelitischen Cultusgemeinde Zürich glaubt an das Hoffnung Licht in jedem Menschen. Auch in den dunkelsten Zeiten.

Jocelyn Daloz
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Rabbiner Noam Hertig.

Rabbiner Noam Hertig.

Jocelyn Daloz

Das glockenspielähnliche Gelächter der Kinder im Inneren des Gebäudes kontrastiert mit den Kameras, den Sicherheitsschleusen, den Wachtleuten, die draussen an der Lavaterstrasse den Eingang bewachen.

Wie zahlreiche jüdische Organisationen schützt sich die israelitische Cultusgemeinde Zürich nach wie vor von möglicher Gewalt gegen ihre Mitglieder.

Das Fest der Lichter im dunklen Dezember

Umso fröhlicher erklingt im Haupteingang das Geschwätz der Kindergärtnerinnen, die sich allmählich in die oberen Räume zu ihren Schulräumen begeben. Dutzende herumrennende Mädchen und Buben, teils mit Kippa, die in ihren kindlichen Beschäftigungen kaum einem Blick zum grossen achtarmigen Leuchter werfen, das sechs angezündete Kerzen trägt.

«Es sind die zwei letzten Tage von Chanukka, und so fehlen noch zwei Lichter, bis das Fest vorbei ist», erklärt Noam Hertig. Der Rabbiner schlendert die Treppen hinauf, winkt einem jungen Burschen, der mit seiner Klasse das Schulzimmer betritt. «Mein Sohn», sagt der Geistliche, der uns dann zu einem grossräumigen Büro führt, das von Büchern nur so trieft. Einige sind hunderte von Jahren alt. Jüdische Gesetzesbücher, philosophische Auseinandersetzungen mit dem Glauben, Ausgaben der Tora und des Talmuds.

Wie die Makkabäer beharren

Die Diskussion zu Chanukka erlaubt einen Vergleich mit der jetzigen Situation, denn das ganze Fest ist ein Aufruf nach Hoffnung in der Dunkelheit, wie der junge Rabbiner erklärt. Das Ritual des Anzündens von acht Kerzen geht auf den Aufstand jüdischer Priester, den Makkabäern, gegen die religiöse Assimilationspolitik des griechisch-syrischen Herrschers Antiochos IV. zurück.

Nach langen Kämpfen gelang es ihnen, den jüdischen Tempel in Jerusalem von den Zeusstatuen zu befreien und erneut einzuweihen. Dafür mussten sie das ewige Licht zünden, doch das Öl würde nur für einen Tag reichen. Doch Wunder! Das Licht brannte trotz den mageren Ölreserven acht Tage lang.

«Das Wunder von Channuka steht sinnbildlich für die Wenigen, die es doch geschafft haben, sich gegen den Unterdrücker zu behaupten, und mit wenig Licht eine grosse Wirkung zu erzielen vermochten», sagt Hertig. Und diese Resilienz zu vermitteln sei in solchen Zeiten eine besonders bedeutende Aufgabe:

Im Schatten der Pandemie ein Schimmer Hoffnung zu leuchten kann sehr helfen. Das grösste Wunder ist eigentlich gar nicht, dass das Licht acht Tage lang brannte, sondern dass die Makkabäer es überhaupt schafften, es anzuzünden.

Hertig hat bereits die Stattlichkeit eines ehrwürdigen Gelehrten, die kein Widerspruch darstellt mit den noch jungen Zügen seines Gesichtes. Das hat wohl damit zu tun, dass er sich seit langem mit dem jüdischen Glauben befasst; die Berufung zum Rabbiner erbte er von seinem Grossvater, seinerzeit Rabbiner in Vancouver, Kanada.

Nebst seiner Leidenschaft für die Religion pflegte er als junger Mann schon sein Interesse für Menschen und studierte zuerst Psychologie, bevor er die Rabbinerausbildung in Jerusalem aufnahm. So vermischt er weltliche Kenntnisse der Menschen mit seiner spirituellen Ausbildung.

Wie führt man ein Sabbat über Zoom, wenn das Nutzen von elektrischen Geräte verboten sind?

Seit März kommen beide Facetten seines Könnens vermehrt zum Zug. Die jüdische Gemeinschaft ist zusammengerückt, hat auf Zoom Anlässe gefeiert, die Jungen organisierten Einkäufe für die Alten. Eine Hürde am Sabbat: elektronische Geräte sind von Freitagabend bei Sonnenuntergang bis Samstagnachmittag verboten.

Also führte Hertig am Freitagnachmittag Einstimmungsrituale über Zoom. Im März blieb zum ersten Mal seit der Gründung 1862 die Zürcher Synagoge am Sabbat zu. Doch diese Zugehörigkeit spürte Hertig auch ohne physische Kontakte: «Darin liegt auch, glaube ich, die Kraft der Religion: Unser Sozialkapital als Gemeinschaft.»

Was will Gott von uns?

Theologisch sieht sich Hertig mit breiten philosophischen Fragen konfrontiert. Allerdings interessiert ihn weniger die Frage nach dem Ursprung eines Schicksalsschlages: «Darauf werden wir keine Antwort finden, auch in unseren Texten nicht», glaubt er. Vielmehr geht es ihm darum, dass sich alle fragen: «Was will Gott von mir jetzt?»

Und dafür findet er heilige Worte: In einem Gebet, das am jüdischen Neujahr, Rosch ha-Schana, sowie am Versöhnungstag Jom Kippur rezitiert wird. «Das Gebet blickt ins neue Jahr und fragt sich, was uns alles widerfahren wird: ‘Wer wird leben, wer wird sterben? Wer zu seiner Zeit, wer vor seiner Zeit? Wer durch Feuer, wer durch Wasser, wer durch Schwert? Wer durch Hunger? Wer durch Sturm? Wer durch Seuche?’».

An dieser Stelle stoppt der Rabbiner; dieses Wort klingt in solchen Zeiten besonders bitter. Noch vor einem Jahr schien diese Erinnerung an früheren Plagen obsolet. Noam Hertig deutet die Fragestellung des Gebets folgenderweise: «Wir haben keine Antwort auf viele Fragen. Auf einigen aber schon: Sind wir unserem Schicksal ausgeliefert? Wie können wir damit umgehen?»

Das Gebet antwortet:

Doch Umkehr, Gebet und Wohltätigkeit wenden die böse Qualität des Verhängnisses ab.

CH Media

Und so fühlt sich Hertig an den jüdischen Urglauben erinnert, dass alle Menschen einen göttlichen Funken in sich haben und das Licht verbreiten können: «Wir können etwas dazu beitragen, dass sich die Situation verbessert. Denn durch Umkehr – das heisst, unsere Taten zu hinterfragen, durch Gebet und vor allem durch Wohltätigkeit können wir Einfluss nehmen in dieser Zeit – zueinander schauen, auf andere aufpassen. So schaffen wir das.»

So wurden in den folgenden Tagen auch die weiteren Kerzen des Leuchters angezündet, sodass sie durch diesen trüben Winter Licht schenken mögen.

Über Gott und Corona, Teil 4

Dieser Artikel ist der letzte Teil einer vierteiligen Serie über Geistliche, die über Spiritualität in der Krise sinnieren und von ihren Erfahrungen in diesem belebten Jahr zurückblicken.

Teil 1: Priorin Irene vom Kloster Fahr

Teil 2: Imam Muris Begovic aus Schlieren

Teil 3: Pfarrerin Franziska Kuhn-Häderli aus Kleinbasel