Asyl
Private Platzierung von Flüchtlingen verläuft trotz Interesse harzig

In der Waadt nehmen bald die ersten Privatleute, die sich auf einen Appell der Flüchtlingshilfe gemeldet haben, Vertriebene bei sich zu Hause auf. Bis dahin war es aber ein langer Weg.

Antonio Fumagalli
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Am Anfang stand ein Interview, das Beat Meiner im Herbst 2013 der Zeitung «Blick» gegeben hat. Meiner, Generalsekretär der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SHF), appellierte angesichts eines besonders tragischen Flüchtlingsdramas, das sich kurz zuvor im Mittelmeer ereignet hatte, an die Solidarität der Schweizer Bevölkerung. «Die private Unterbringung von Flüchtlingen ist eine sehr direkte und menschliche Form der Hilfe», sagte er.

Der Aufruf, obwohl er gar nicht als solcher geplant war, verlief nicht ohne Widerhall: Gemäss eigenen Angaben meldeten sich bislang über 200 Privatleute bei der Flüchtlingshilfe. Sie alle erklärten sich bereit, Flüchtlinge bei sich zu Hause unterzubringen. Für die SFH keine einfache Aufgabe, in aufwendiger Einzelarbeit überprüft sie nun die Unterkünfte der potenziellen Gastgeber auf deren Tauglichkeit für die Aufnahme von Flüchtlingen. Ideal ist ein separater Wohnteil mit eigener Küche und Nasszelle.

Ein grosszügiges Zuhause reicht aber bei Weitem nicht aus, um Flüchtlinge bei sich einquartieren zu können – mindestens so wichtig ist die persönliche Eignung. Denn auch wenn von den Gastgebern keine Rundumbetreuung verlangt wird, können schnell Missverständnisse entstehen. «Es ist nicht einfach, mit fremden Leuten auf engem Raum zu leben», sagt Meiner. Dass sich Personen aus finanziellem Interesse melden könnten, schliesst er jedoch aus – dafür seien die Entschädigungen von den Behörden zu niedrig.

Trotz des verhältnismässig grossen Interesses konnten im Rahmen der jüngsten Flüchtlingshilfe-Initiative bisher keine Vertriebenen bei Privatleuten untergebracht werden. Das wird sich aber bald ändern: Am weitesten fortgeschritten ist das Projekt im Kanton Waadt. «Es wird in den nächsten Tagen und Wochen zu Begegnungen zwischen Flüchtlingen und evaluierten Gastgebern kommen. Dabei soll festgestellt werden, ob die Parteien zusammenpassen», bestätigt Beat Meiner.

Wer ist zuständig?

Dass die Platzierung derart harzig verläuft, erklärt sich die Flüchtlingshilfe mit den umfassenden Abklärungen, die vor einer Platzierung getroffen werden müssen. Denn ohne die Einwilligung der Kantone läuft nichts. Diese sind grundsätzlich frei, über die Modelle der Betreuung von Flüchtlingen zu entscheiden. Wie das BFM auf Anfrage schreibt, wirft die Unterbringung bei Privatpersonen «beispielsweise die Frage auf, wer die Verantwortung trägt für das Wohl der Asylsuchenden oder für die Einschulung der Kinder».

Ohne den Rückhalt der Behörden kann die Flüchtlingshilfe keine Vertriebenen platzieren – denn funktioniert das Zusammenleben nicht, übernehmen Kanton und Gemeinde wieder das Ruder. So geschehen in Zürich im Rahmen eines Projekts einer anderen Hilfsorganisation. Ein Gastgeber zeigte sich überaus irritiert darüber, dass sich die Frauen der muslimischen Familie sofort verschleierten, wenn er den Raum betrat. «Wir versuchen, bereits im Vorfeld auf solche kulturellen Unterschiede aufmerksam zu machen. Nicht immer gelingt das aber», sagt Meiner.

Trotz harzigem Start: Von einem Misserfolg ihres Projekts will die Flüchtlingshilfe nicht sprechen. Man sei sich der Schwierigkeiten bewusst gewesen, so Meiner. Eine erste Bilanz will man Ende Jahr ziehen – Ziel sind «schweizweit bis dann mindestens 30 Platzierungen».

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