Solothurn
Potenzial hinter den Fassaden

Nachdem die Vereinigung Pro Vorstadt im März mit einer Be-standesaufnahme die Entwicklung der Vorstadt eingeläutet hatte, wurden am Samstag in einem zweiten Workshop Visionen entwickelt. Fazit: Hinter einer zum Teil abblätternden Fassade ist ein enormes Potenzial vorhanden.

Drucken
Teilen
Architektin Pro Vorstadt

Architektin Pro Vorstadt

Solothurner Zeitung

Katharina Arni-Howald

Teils sitzend, teils über Pläne gebeugt brüteten 14 vorwiegend mit der «Min-deren Stadt» vertraute Personen aus verschiedenen Fachbereichen über die Zukunft eines Quartiers, das zwar hübsche Winkel und beneidenswert viele Grünflächen hat, in den letzten Jahren aber arg vom Verkehr gebeutelt wurde - und unter einem nicht immer erfreulichen Liegenschaftswechsel leidet.

«Vernachlässigte Bausubstanz»

«Die Bausubstanz wird vernachlässigt, und die Berntorstrasse vergammelt», brachte es der Präsident der Vereinigung Vorstadt, Martin Tschumi, unverhohlen auf den Punkt und befand sich mit dieser Aussage in guter Gesellschaft. Zu viele Häuser gingen in den Besitz von Leuten über, die wenig Interesse daran hätten, die Vorstadt aufzuwerten und eher noch dazu beitrügen, diese zu entwerten, war man sich unisono einig.

«Wie kann man diese Entwicklung stoppen?», war denn auch die grosse Frage, mit der sich die Gruppe «Nutzung und Sicherheit» beschäftigte. «Mehr Transparenz schaffen und allenfalls eine Liegenschaftsbörse ins Leben rufen», war einer der genannten Ansätze. Ins Auge gefasst wurde auch die Möglichkeit, leerstehende Gewerberäume analog der Quartierentwicklung West vorübergehend zu einer tiefen Miete zum Beispiel an Handwerker zu vergeben, bis ein neuer Dauermieter gefunden ist.

Vereinigung Pro Vorstadt

Im Mittelpunkt des Brainstormings am vergangenen Samstag über die Zukunft der Vorstadt stand eindeutig der Dornacherplatz. Was aus dem einst gepriesenen und versprochenen Begegnungszentrum schliesslich geworden sei, lasse sich nicht anders als «ärgerlich» und «unerfreulich» bezeichnen. «Mit diesem Platz muss etwas geschehen, und zwar bald», waren sich alle Teilnehmer des Workshops einig. Und Visionen, wie es dort einst aussehen könnte, gab es mehr als genug.
Die einen könnten sich dort einen Handwerker- oder Weihnachtsmarkt vorstellen, andere dachten an ein Open-Air-Kino oder wie bereits gehabt an eine Eisbahn. Auch von einem Spielplatz für Erwachsene war die Rede, mit einem Mühlespiel, einem Schachfeld und einer Kugelbahnanlage. Auch Wasserspiele würden, ginge es nach einigen Visionären, Gross und Klein
erfreuen.
Grössere Pläne hatten jene Workshop-Teilnehmer, die an eine komplette Umnutzung mit einem Mix aus Läden und Freizeiträumen dachten. Diese könnten den Vereinen gratis zur Verfügung gestellt werden. Auch eine umfassendere Begrünung wäre möglich, die aller-dings auf Kosten der Nutzungsfläche gehen würde.
Mit den vielen und unterschiedlichsten Vorschlägen verfolgten die Ideengeber alle dasselbe Ziel: Auf dem Dornacherplatz muss man sich in Zukunft wieder aufhalten und wohl fühlen können. Dabei sollen die Aktivitäten die ganze Vorstadt beleben und gleichzeitig auf die restliche Stadt ausstrahlen. Einigen ein Dorn im Auge war bei dieser Gelegenheit auch die gegenüberliegende Häuserzeile am Bahndamm entlang, die den Anblick südwärts trüben würde. (KA)

Nicht sehr familienfreundlich

Was das Wohnen in der Vorstadt be-trifft, freuten sich die Teilnehmer über das zukünftige «Perron 1» und den «Sonnenpark», die einen modernen Mix aus Wohnen, Arbeiten und Einkaufen in die Vorstadt bringen würden. Im Argen liegt dagegen gemäss den Erkenntnissen des ersten Workshops die Ansiedlung von Familien. «Zurzeit wohnen vor allem Paare und Singles in diesem Stadtteil», erläuterte die selbstständige Architektin ETH, Susanne Asperger, die im Auftrag der Vereinigung Pro Vorstadt die beiden Workshops leitete, die gegenwärtige Situation. «Im Augenblick ist es schwierig, diesen Zustand zu ändern, denn das Wohnumfeld ist für Familien alles andere als ideal», stellte sie klar. Eine Möglichkeit, mehr Familien in die Vorstadt zu bringen, ortete man in der Reaktivierung des Kinderspielplatzes im Kreuzackerpark West. Geht es nach dem Willen der Visionäre, müsste dieser nicht schön «herausgepützelt» sein, sondern eher etwas wild und naturnah. Eine Aufgabe für den Spielplatzexperten Alex Oberholzer, war man sich einig. Laut dem Kommandanten der Stadtpolizei, Peter Fedeli, hätte der Robinsonspielplatz aber auch einen Haken: Er böte Drogendealern wunderschöne Verstecke.

Überhaupt gäbe es im Kreuzackerpark West einiges zu tun: Zum Beispiel die Umgestaltung des Rollhafens, um einen direkten Zugang zur Aare zu schaffen und eine Neugestaltung der dortigen Parkplätze. Angeregt wurde auch die Wiedereröffnung der Krumm-turmschanze und als verbindendes Element zwischen der Altstadt und der Vorstadt eine bessere Nutzung des Aareraumes. Dass auch die Aktivierung und die Auffrischung der Spitalkirche in Betracht gezogen wurde, wird die Kulturfreunde freuen.

Einig war man sich in der Gruppe «Verkehr», dass mehr Raum für Fuss-gänger und Restaurantbesitzer (Aussenbestuhlung im Sommer) geschaffen werden sollte und die Wengibrücke in ihrer jetzigen Form als Fahrbahn beibehalten werden müsse. In Betracht gezogen wurde die Einführung von Ampeln bei der Berntorstrasse, um zu vermeiden, dass sich die Busse dort kreuzen. Nachgedacht wurde auch über die Einführung von mehr Einbahnstrassen und die Schaffung einer eigentlichen Begegnungszone entlang der Aare nach dem Vorbild des Landhausquais. Von wo bis wo sich diese einst erstrecken wird, blieb allerdings noch offen.

Potenzial hinter den Fassaden

«Wir haben viele Ideen zusammengetragen, die nun in einem Bericht zu-sammengefasst und ausgewertet wer-den», sagte am Ende des Workshops Susanne Asperger. Gefreut habe sie sich vor allem über das hochmotivierte Team, das Grundlagen geschaffen habe, auf denen man nun aufbauen könne. «Hinter der abblätternden Fassade ist ein enormes Potenzial vorhanden», war sie überzeugt. Einige Vorschläge könnten bereits kurzfristig realisiert werden, für die Umsetzung anderer brauche es etwas mehr Zeit.

Aktuelle Nachrichten