Sperisen-Prozess

Polizeichef Sperisen spielt mit den Richtern Katz und Maus

Polizeichef von Guatemala zwischen 2004 und 2007: Der Schweizer Erwin Sperisen.

Polizeichef von Guatemala zwischen 2004 und 2007: Der Schweizer Erwin Sperisen.

Erwin Sperisen, der ehemalige Schweizer Polizeichef von Guatemala, versuchte sich am ersten Prozesstag in Genf vor unangenehmen Fragen der Richter zu drücken. Zudem sorgte eine Klägerin, die gar nichts über den Prozess weiss, für Aufregung.

Der ehemalige Polizeichef Guatemalas sitzt in den nächsten drei Wochen auf der Anklagebank des Genfer Strafgerichts. Die Anklage wirft ihm vor, 2005 und 2006 die Ermordung von zehn Häftlingen befohlen, geplant und in einem Fall gar selbst begangen haben.

Obwohl die Verbrechen in Guatemala begangen wurden, wird der Fall in der Rhonestadt verhandelt. Sperisen kam 2007 nach Genf, wo sein Vater in der diplomatischen Vertretung Guatemalas an der WTO tätig ist.

Weil die Schweiz grundsätzlich keine Staatsangehörige ausliefert, kommt es in Genf zum Prozess. Im Fall einer Verurteilung drohen dem 43-Jährigen über zehn Jahre Haft. Der Angeklagte bestritt die Vorwürfe bisher stets.

Zum Prozessauftakt am Donnerstag konnte Sperisen noch nicht zu den Tötungsdelikten befragt werden. Erst der „Plan Gavilan" kam zur Sprache. Der Plan diente der Suche von 19 aus dem Gefängnis ausgebrochenen Häftlingen.

Parallel zum „Plan Gavilan" soll die Ermordung der Häftlinge organisiert worden sein. Sperisen räumte vor Gericht ein, dass er vom Plan Kenntnis gehabt habe.

Bei detaillierten Fragen wich er jedoch oft aus oder schweifte in Erklärungen ab. Dies ärgerte zuweilen Gerichtspräsidentin Isabelle Cuendet: "Man hat den Eindruck, dass sie mit uns Katz und Maus spielen", sagte sie ihm am Abend.

Keine Marionette

Die Frage eines anderen Mitglieds des siebenköpfigen Gerichts, ob er als Polizeichef eine Marionette gewesen sei, verneinte er jedoch. Die Befragung des Angeklagten verlief wegen zahlreicher Fragen - vor allem von Seiten der Verteidigung - schleppend.

Die Verteidiger von Sperisen, Florian Baier und Giorgio Campa, hatten am Morgen für Furore gesorgt. Sie forderten vom Gericht die Zulassung von zwei Entlastungszeugen, darunter der ehemalige Präsident Guatemalas, Oscar Berger.

Dieser plane bereits, in die Schweiz zu reisen. Weiter wollten sie Alejandro Giammattei, den damaligen Direktor der Strafanstalten, vorladen. Viel zu reden gab vor dem Genfer Strafgericht auch ein Artikel der Westschweizer Zeitschrift „L'illustré".

Klägerin wusste angeblich von nichts

Ein Journalist dieser Zeitschrift hatte die einzige Klägerin ausser der Staatsanwaltschaft in Guatemala besucht. Es handelt sich um die rund 70-jährige Mutter eines getöteten Häftlings. Diese wusste gemäss dem am Mittwoch erschienen Artikel nichts vom Prozess.

Angeblich war ihr nicht einmal ihre Anwältin in Genf bekannt. Diese Anwältin nimmt derweil am Prozess teil und vertritt eben diese Klägerin. Die Anwälte Sperisens forderten - die Zeitschrift schwenkend - den Ausschluss dieser Klägerin vom Prozess.

Die Frau habe die ihr von der Internationalen UNO-Kommission gegen Straflosigkeit in Guatemala (CICIG) vorgelegte Klage unterschrieben, ohne sie zu lesen. Dies liess die Anwältin der Klägerin, Alexandra Lopez, nicht auf sich sitzen.

Anträge der Verteidigung scheitern

Ihre Mandantin habe sie mit dem Fall betraut. Die Verteidigung Sperisens wende seit einem Jahr viel Energie dafür auf, sie vom Prozess auszuschliessen. Die Versuche zeigten die Art des Angeklagten, ihm lästige Personen loswerden zu wollen, sagte Lopez.

Wie Alexandra Lopez stellte sich auch Staatsanwalt Yves Bertossa gegen die Anträge. Das siebenköpfige Gericht zog sich zur Beratung zu einer längeren Mittagspause zurück. Am Nachmittag gaben sie bekannt, dass die Anträge der Verteidigung abgelehnt werden. Der Prozess wird am Freitag mit der Befragung Sperisens zu den Delikten fortgesetzt.

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