Menschen mit Behinderungen
«Das hat mich politisiert»: Islam Alijaj (35) und Luana Schena (21) kämpfen für Akzeptanz im gesellschaftlichen Leben

Bisher waren es stets die Behindertenorganisationen, die Politik machten für die Behinderten. Das ändert nun. Die Behinderten selbst wollen mit einer Initiative erreichen, dass sie künftig gleichberechtigt und selbstbestimmt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können.

Othmar von Matt 2 Kommentare
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Islam Alijaj (links, 35) und Luana Schena (21) vom Verein Tatkraft wollen die Situation in der Behindertenpolitik massiv verbessern.

Islam Alijaj (links, 35) und Luana Schena (21) vom Verein Tatkraft wollen die Situation in der Behindertenpolitik massiv verbessern.

Fabio Baranzini

Islam Alijaj sitzt am Tisch, lacht immer wieder verschmitzt. Er ist 35, verheiratet, hat zwei Kinder – und sitzt im Rollstuhl wegen einer Zerebralparese. Das ist eine Hirnschädigung, die dazu führt, dass Betroffene nur wenig Kontrolle über ihre Muskeln und Bewegungen haben. Er sagt: «Humor ist ein guter Türöffner.»

Luana Schena, 21, ist Geographie-Studentin an der Uni Zürich. Sie ist blind, hat ein Sehvermögen von nur 2 Prozent. Sie ist zudem sehr lichtempfindlich, weil sie in beiden Augen keine Iris hat. Während des Gesprächs hält sie ihr Handy immer mal wieder direkt vors Gesicht.

Es zeigt Nachrichten in Grösstbuchstaben an, die sie lesen kann. Sie kommen von der European Geography Organisation. Sie wird dort Kassiererin – und muss parallel zur Diskussion mit dem Journalisten einige Fragen per Nachricht beantworten.

Alijaj und Schena wollen der Behindertenpolitik Schub geben

Alijaj und Schena wollen der Schweizer Behindertenpolitik neuen Schub geben. Sie bereiten eine Inklusions-Initiative vor. Sie wird am Mittwoch auf dem Bundesplatz angekündigt – im Rahmen des Tags der Demokratie. Die Unterschriftensammlung startet im nächsten Jahr. Mit besten Chancen: Wecollect, die Plattform für direkte Demokratie, hat ihre Unterstützung bereits zugesagt.

«Wir wollen, dass technische Hilfsmittel künftig ebenfalls zu den Assistenzleistungen für die Menschen mit Behinderungen zählen – und dass diese Leistungen generell massiv verbessert werden», sagt Alijaj. Es seien diese Leistungen, die garantierten, dass die Schweiz die Behindertenrechtskonvention der UNO endlich umsetze. «Und das ist die Grundlage für alles andere.»

Der Verein Tatkraft wurde 2018 gegründet - und hat sechs Angestellte

Das Ziel der Konvention – und der Inklusions-Initiative – ist klar: Menschen mit Behinderungen sollen gleichberechtigt und selbstbestimmt am Leben in Politik, Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft teilnehmen.

Trägerin der Initiative ist der Verein Tatkraft. Alijaj hat ihn 2018 gegründet. Der Verein ist von und für Menschen mit Behinderungen. In den letzten zwei Jahren gelang es Alijaj, sechs Stellen für Tatkraft zu schaffen. «Dafür brauchte es Hirnschmalz», sagt er. Schena sitzt ebenfalls im Vorstand des Vereins.

Wie moderne Schweizer Tellerwäscher-Märchen

«Rampe ist zu steil»: Rollstuhlfahrer Islam Alijaj muss einen Umweg machen, um als Präsident ins Büro seines Vereins Tatkraft zu gelangen.

«Rampe ist zu steil»: Rollstuhlfahrer Islam Alijaj muss einen Umweg machen, um als Präsident ins Büro seines Vereins Tatkraft zu gelangen.

Fabio Baranzini (Zürich, 13. September 2021)

Ihre Geschichten muten an wie moderne Schweizer Tellerwäscher-Märchen. Alijaj kam als einjähriges Kind aus dem Kosovo in die Schweiz und verbrachte sein ganzes Schulleben in der Sonderschule. Trotzdem hat er es zum eidgenössisch diplomierten Kaufmann und zum Webprogrammierer gebracht. 2019 kandidierte er für die Zürcher SP für den Nationalrat. Er kam auf 63’000 Stimmen, nur 14’000 fehlten ihm für einen Sitz.

Islam Alijaj ist einer der Protagonisten des neuen SRF-Dokfilms «Handicap Behinderung: Das Märchen von der Inklusion». Einen Traum konnte er aber nicht realisieren: jenen von einem Wirtschafts- und Informatikstudium.

«Ich werde Nationalrat. Vielleicht in 10 Jahren, vielleicht in 20 Jahren. Aber ich werde Nationalrat»: Islam Alijaj im SRF-Dokfilm Handicap «Behinderung: Das Märchen von der Inklusion».

SRF/Youtube

Die Anreize würden völlig falsch gesetzt, sagt Alijaj

Der Chefausbildner des Betriebes, bei dem er die kaufmännische Lehre absolvierte, wollte ihn unbedingt im Betrieb halten. Weil der Betrieb jährlich eine fünfstellige Summe dafür erhielt, dass der Arbeitsplatz mit einem Menschen mit Behinderung besetzt war.

Dieses Beispiel zeige, dass die Anreize völlig falsch gesetzt seien, sagt er. «Das hat mich politisiert.» Er nahm dann das Behindertenwesen im Selbststudium unter die Lupe. Daraus entstand der Verein Tatkraft, der auch das Projekt «Behindertenpolitik.ch» lancierte.

«Dieses fördert Behinderte in der Politik genauso, wie das Alliance F mit dem Projekt ‘Helvetia ruft’ für die Frauen tut», sagt Alijaj. Über Crowdfunding sammelte er dafür 25'000 Franken. Parallel dazu bewegte Tatkraft die Uni Zürich zur Studie «Disabled in Politics». Sie erscheint diesen Herbst.

«Wenn du so weitermachst, landest du in der Behindertenwerkstatt»

Auch Luana Schena verbrachte fünf Jahre in der Sonderschule, obwohl sie die ersten beiden Jahre unter den besten Schülerinnen einer Unterstufenklasse war. Sie machte dann persönlich eine schwierige Zeit durch.

Inzwischen studiert Schena Geographie und möchte doktorieren. In der Politik versuchte sie sich ebenfalls. Sie sass in der Geschäftsleitung der SP des Kantons St. Gallen und war Co-Wahlkreispräsidentin der SP Sarganserland. Für die Kantonsratswahlen 2020 war ihr ein guter Listenplatz versprochen worden.

Islam Alijaj und Luana Schena vom Verein Tatkraft.

Islam Alijaj und Luana Schena vom Verein Tatkraft.

Fabio Baranzini (Zürich, 13. September 2021)

«Du solltest dich nicht auf deine Behinderung reduzieren»

Doch dann zog man ihr eine grüne Kandidatin vor. Auf das Argument, eine behinderte Person hätte doch Signalwirkung, sagte man ihr: «Du solltest dich nicht auf deine Behinderung reduzieren.»

Schena gab das Engagement in der SP und in der Politik enttäuscht auf. Nun kommt sie aber darauf zurück und legt sich für die Inklusions-Initiative ins Zeug. Es sei wichtig, die Situation im Behindertenwesen so zu benennen, wie sie eben sei, betont sie: «Es ist nicht ein bisschen nicht gut. Es ist nicht gut.» Sie kritisiert auch die Behindertenorganisationen und -institutionen. Selbst wenn sie viel Gutes machten, seien sie zum Teil festgefahren.

Luana Schena in einer Talkrunde zu Digitaler Demokratie im Politforum Käfigturm Bern.

Politforum/Youtube

Die Situation der Behinderten sei in vielen Bereichen sehr schwierig, sagt auch Caroline Hess-Klein, Abteilungsleiterin Gleichstellung von Inclusion Handicap, dem Dachverband der Behindertenorganisationen. Der UNO-Behindertenrechtsausschuss wird 2022 unter die Lupe nehmen, wie die Schweiz die Behindertenrechtskonvention umsetzt, die sie 2014 ratifiziert hat.

Probleme beim Wohnen, im Arbeitsmarkt, in Bildung und Politik

In gewissen Bereichen werde es eine Rüge absetzen, denkt Hess-Klein. Beim Wohnen etwa. «Wir haben noch immer ein System, das stark von Behinderteninstitutionen geprägt ist», sagt sie. Vor allem für schwer oder mehrfach Behinderte sei es kaum möglich, eigenständig zu wohnen.

Auch im ersten Arbeitsmarkt ortet sie Probleme. «Es gibt da keinen Schutz vor Diskriminierung», sagt Hess-Klein. «Weder bei der Anstellung noch bei der Kündigung.» Und im Bereich Bildung sei «weder bei den Kantonen noch den Schulen ein Konzept zu sehen für ein inklusives Bildungssystem.»

16'000 Menschen dürfen nicht abstimmen

Probleme gibt es auch bei den politischen Rechten. Artikel 136 der Bundesverfassung besagt, dass Menschen, die «wegen Geisteskrankheit oder Geistesschwäche entmündigt sind», nicht abstimmen dürfen. Das betrifft 16'000 Menschen. Sehen lassen kann sich das Schweizer System jedoch bei den Sozial- und Invalidenversicherungen. Das sei «solide», sagt Hess-Klein.

Für Schena und Alijaj ist klar: «Es braucht frischen Wind, innovative Ideen, unternehmerisches Denken», wie es die blinde Geographie-Studentin formuliert. Alijaj sagt: «Wir wollen nicht nur reden, sondern vorwärts machen.»

Und tischt gleich ein neues Motto auf: «Mit Tatkraft Tatsachen schaffen.» Dieser neue Slogan überrascht selbst Leila Drobi, Projektcoach bei Tatkraft, die das ganze Treffen organisiert hat.

2 Kommentare
Anna Weber

Es wird sehr viel getan für Behinderte und dass Menschen mit einer Geistesschwäche nicht abstimmen können ist sicher jedem klar, da sie nicht selbständig beurteilen können und auf Hilfe von Drittpersonen angewiesen sind, das ist die Tatsache, das hat mit Diskriminierung nichts zu tun. Man bemüht sich auch um entsprechende Wohnunge und und ... Einem Arbeitgeber kann man auch keine Vorschriften machen mit dem müssen sie leben.  In den Schulen gibt es Lehrpläne die eingehalten werden müssen, da hat die Lehrerschaft zuwenig Zeit um sich speziell mit Behinderten abzugeben, für das haben wir die Sonderschulen und Ausbildungsstätten. Das Gejammer ist einfach völlig fehl am Platz.

Salome Fonseca

Ich hatte eine psychische Beeinträchtigung und habe in meinem Leben an 5 begleiteten Abeitsstellen und 3 mal länger in der Wirtschaft gearbeitet. Die Zweiklassengesellschaft ist perfekt, alle Behinderten werden meiner Meinung nach zu wenig gefordert, ev. könnte man sogar auch im Behindertenbereich leistungsabhängiger entlöhnen. Es gibt dem Einzelnen keinen Lebenssinn, wenn "viel für Behinderte getan wird", man so der arme Unterstützungsbedürftige bleibt und dabei hoffnungslos unterfordert wird. Die Diskriminierung duch Ausgrenzung in Werkstätten, Wohnheimen, Schulen und bei der Arbeit ist unendlich gross in der Schweiz, Sie könnten das wahrscheinlich begreifen, wenn Sie selber zu der Randgruppe von psychisch oder auch körperlich Behinderten gehören würden.

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