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Plötzlich im Rampenlicht: Dieser Jungpolitiker ist das Gesicht hinter der Zersiedelungs-Initiative

Luzian Franzini im «Siedlungsbrei des Mittellands», im Hintergrund das Solothurner Dorf Egerkingen.

Luzian Franzini im «Siedlungsbrei des Mittellands», im Hintergrund das Solothurner Dorf Egerkingen.

Die Zersiedelungs-Initiative wird an der Urne scheitern. Doch was bleibt vom Abstimmungskampf für Luzian Franzini, den grünen Jungpolitiker, der zum Gesicht der Initiative wurde?

Ein klingelndes Handy ist in Zeiten des Abstimmungskampfs eigentlich ein gutes Zeichen – weil es Aufmerksamkeit bedeutet. Doch an diesem Morgen erreichen Luzian Franzini keine guten Nachrichten. «Ernüchternd», dieses Wort entfährt ihm einmal. Der grüne Jungpolitiker hat gerade erfahren, was am nächsten Tag auf allen News-Seiten stehen wird: Es sieht schlecht aus für die Zersiedelungs-Initiative, nur noch 37 Prozent wollen sie gemäss der neuesten Tamedia-Umfrage annehmen.

Die Umfrage der SRG weist zwar mit 47 Prozent einen höheren Ja-Anteil aus, doch der Trend ist eindeutig: Es geht abwärts für die Initianten. Und eigentlich steht jetzt schon fest, dass es am 10. Februar das Nein gibt, das angesichts der breiten Gegner-Allianz zu erwarten gewesen war.

Es ist nicht mehr als ein paar Wochen her, da kannte Luzian Franzini, den Lehrersohn mit dem Tessiner Nachnamen, kaum jemand. Der Rotkreuzer ist zwar schon seit 2016 Co-Präsident der Jungen Grünen, doch so richtig ins Rampenlicht hat ihn erst der Abstimmungskampf um die Zersiedelungs-Initiative gerückt.

Es ist gerade viel los im Leben des 23-jährigen Studenten der internationalen Beziehungen, «seit Neujahr hatte ich keinen freien Tag», sagt er. Er hat zwar diese Woche noch eine Prüfung geschrieben, Mikroökonomie, Uni Genf. Doch eigentlich dreht sich für ihn derzeit alles um die Zersiedelung, und das ist nicht verwunderlich. Denn Franzini, dem Jungpolitiker, bietet sich gerade eine riesige Chance.

Ständerat lehnt Zersiedelungsinitiative ab

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Der Ständerat lehnt die Zersiedelungsinitiative ab. Er beschloss die Nein-Empfehlung mit 34 zu 2 Stimmen bei 9 Enthaltungen und verzichtete auf einen Gegenvorschlag.

Glück, allein an die Urne zu gehen

Weil am 10. Februar keine andere Vorlage zur Abstimmung kommt, gehört die Aufmerksamkeit ganz der Initiative der Jungen Grünen. Und Franzini ist vielleicht nicht der Kopf hinter dem Anliegen, für das die ersten Pläne schon im Jahr 2014 geschmiedet wurden. Aber er ist zu ihrem Gesicht geworden.

Am vergangenen Freitag mass er sich in der «Arena» des Schweizer Fernsehens mit Simonetta Sommaruga, der neuen Umweltministerin. Die «Schweizer Illustrierte» publizierte unlängst eine Homestory, auf die mancher gestandene Politiker noch wartet. Und das alles führt zur Frage, was diese Abstimmung mit der Karriere von Franzini macht, den einst die Fukushima-Katastrophe und die Abwahl von Jo Lang – dem letzten linken Nationalrat aus dem bürgerlich dominierten Zug – im Jahr 2011 politisiert hat.

Franzini ist an diesem Tag in Egerkingen im Kanton Solothurn unterwegs. Er hat das Dorf vorgeschlagen, um zu zeigen, wie die zersiedelte Schweiz aussieht, gegen die er mit seiner Partei kämpft. Franzini, eng geschnittene Hose, über dem Hemd ein Kapuzenpulli, steht auf einer Anhöhe und schaut ins Tal.

Zersiedelungsinitiative bleibt umstritten

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Diese Initiative der Jungen Grünen ist nicht nur beim Volk umstritten. Sie spaltet auch die Gemüter durch alle politischen Lager hindurch.

Dort zerschneidet die A1 die Wiesen, daneben stehen Wohnsiedlungen, ein Einkaufszentrum, Gewerbehallen. Hie und da ist ein grüner Fleck freigeblieben. «Das hat doch etwas Beelendendes», sagt er. «Und dieser Siedlungsbrei ist symptomatisch für das ganze Mittelland. Es fehlt jede Struktur, alles ist planlos gewachsen.»

Gegen die Zersiedelung präsentieren die Jungen Grünen ein simples Rezept: keine zusätzlichen Bauzonen mehr. Die Kritik daran ist heftig. Radikal sei das Anliegen, der angedachte Abtausch der Bauzonen-Reserven nicht umsetzbar, es drohe gar noch mehr Zersiedelung, weil die vorhandenen Bauzonen oft am falschen Ort seien.

Und überhaupt, das lassen auch erfahrene linke Raumplanungspolitiker durchblicken: Von diesem komplexen Thema hätten die Jungen Grünen besser die Finger gelassen. Franzini entgegnet, das sei «arrogant, denn schliesslich müssen wir Jungen damit leben, wenn die ganze Schweiz zugebaut wird». Zudem lasse sich die Initiative durchaus umsetzen, wenn das Parlament das ernsthaft versuche, «man kann nicht jedes Detail in die Verfassung schreiben».

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Die Baufläche in der Schweiz soll begrenzt werden. Das fordern die Jungen Grünen mit der Zersiedelungsinitiative, über die am 10. Februar abgestimmt wird.

Ein durchzogener «Arena»-Auftritt

Im bisher wichtigsten Moment seiner Polit-Karriere, am Freitag im «Arena»-Studio, hatte Franzini einen durchzogenen Abend. Es ist eine «Arena», die nicht überkocht, wie das sonst manchmal passiert. Und das liegt auch an Franzini, der nicht poltert wie andere Jungpolitiker. «Ich bin nicht so der Haudrauf-Typ», sagt Franzini. Er hat in der «Arena» zwar Argumente und Fakten parat, aber die können nicht kaschieren, dass ihm die Ausstrahlung zuweilen abgeht. Bundesrätin Sommaruga hat einen eher ruhigen Abend.

Auch wenn im Abstimmungskampf nicht alles rund lief und auch wenn vor dem 10. Februar nur noch die Frage offen ist, wie hoch die Niederlage der Jungen Grünen ausfällt: Luzian Franzini hat viel Aufmerksamkeit bekommen, und das ist in der Politik ein hohes Gut. Zumal für einen, den Grünen-Präsidentin Regula Rytz als «grosses Talent» bezeichnet, der im Herbst aber knapp die Wahl in den Zuger Kantonsrat verpasst hat. Und was ist mit dem Bundeshaus?

Das würde ihn zwar reizen, sei aber «unrealistisch», sagt Franzini. Es gehe für die Linke in Zug in diesem Wahljahr darum, wieder einen Sitz zu erobern. «Ich werde mich für den Sitzgewinn der Linken im Kanton Zug einsetzen, auch wenn ich ihn nicht selber hole», sagt er. Und schiebt dann nach, er habe «auch keinen Stress».

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