Pflege
Pflegefachleute sollen auch weiter nicht abrechnen dürfen – die Ärzte behalten die Oberhand

Die Politik will verhindern, dass Pflegefachleute ohne ärztlichen Auftrag Leistungen abrechnen können. Man fürchtet sich vor höheren Gesundheitskosten. Der Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner ist erzürnt.

Anna Wanner
Drucken
Darf die Pflegerin oder muss der Arzt entscheiden, ob der Patient seine Beweglichkeit trainieren soll? KEYSTONE/Gaetan Bally

Darf die Pflegerin oder muss der Arzt entscheiden, ob der Patient seine Beweglichkeit trainieren soll? KEYSTONE/Gaetan Bally

KEYSTONE

Zuerst sah es für die Zukunft der Pflege ausgesprochen gut aus: Die Gesundheitskommissionen (SGK) des National- und Ständerats hatten ohne Gegenstimme eine Initiative abgesegnet, die den Pflegefachpersonen mehr Kompetenzen zuschreiben will.

Der Grund: Heute muss für jede Leistung die Anordnung eines Arztes vorliegen – zum Beispiel wenn einem Patienten Kompressionsstrümpfe angelegt werden müssen oder dieser Hilfe bei der Mund- oder Körperpflege braucht. Auch für einfache Untersuchungen und Behandlungen bedarf es der Zustimmung eines Arztes. Dazu zählen die Messung des Pulses oder Blutzuckers, das Einführen von Kathetern oder das Reinigen und Versorgen von Wunden.

Arzt trifft die Entscheide

Nicht nur der Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK) hielt die Situation für unbefriedigend. Auch die SGK bekannte sich zum Ziel, die Attraktivität des Pflegeberufs zu steigern, indem den Pflegefachleuten mehr Verantwortung übertragen werden soll. In der Praxis bedeutet das: Pflegepersonen dürfen Patienten ohne Rücksprache mit Ärzten abklären und beraten. Und sie dürfen ihnen bei der Bewältigung des Alltags helfen: beim Essen, Ankleiden und Beine-Einbinden. Hingegen entscheidet immer noch der Arzt, wann ein Verband gewechselt oder wann die Sonde für künstliche Ernährung entfernt werden muss.

Plötzlich im Gegenwind

Selbst der Bundesrat anerkannte in einem 2015 veröffentlichten Bericht, dass die heutigen Vorgaben nicht mehr der Realität entsprächen: Ärzte würden «faktisch in vielen Fällen den vom Pflegefachpersonal erhobenen Pflegebedarf» gutheissen. Kurz: Wenn eine Pflegerin etwas beantragt, nickt es der Arzt in der Regel ab.

Trotz den vielseitigen Bekenntnissen zur Stärkung der Pflege hat der Wind jetzt gekehrt. Der Bundesrat lehnt die Vorlage ab. Und auch im Nationalrat ist ihr Stand plötzlich äusserst wacklig. Wenn das Geschäft Ende April erstmals in den Nationalrat kommt, könnte es abstürzen.

Einerseits wollen SVP und FDP gar nicht auf die Vorlage eintreten – sie sehen offenbar keinen Handlungsbedarf. Andererseits haben dieselben Parteien derart markante Änderungen beantragt, dass Helena Zaugg, SBK-Präsidentin, nun sagt: «Wenn die Änderungen durchkommen, entspricht die Vorlage nicht mehr dem, was wir wollen.» Zaugg redet von einer «Verwässerung». Deshalb geht der Verband nun in die Offensive.

Morgen Dienstag lässt der SBK seinem Ärger an einer Medienkonferenz freien Lauf: Die Position der Pflegefachpersonen im Gesundheitswesen würde durch die Veränderungen gar verschlechtert, steht in der Ankündigung. Denn neu könnten die Krankenversicherer entscheiden, mit welchen Pflegefachleuten sie Verträge abschliessen – und mit welchen nicht.

Kosten als Totschlag-Argument?

Während noch nicht alle Parteien ihre Haltung gefestigt haben, lehnt der Bundesrat die Vorlage laut jüngstem Bericht (2016) hauptsächlich aus zwei Gründen ab. Erstens befürchtet er eine Mengenausweitung: Wenn ein Pfleger die Leistungen, die er erbringt, gleich selbst abrechnen kann, besteht ein Anreiz, mehr zu machen, als nötig ist. Die Kontrolle des Arztes fällt weg.

Die Folgen wären höhere Kosten für Krankenkassen, also höhere Prämien. Der Bundesrat rechnet mit Mehrkosten von 25 bis 110 Millionen Franken. Zweitens weckten die neuen Kompetenzen für die Pflege Begehrlichkeiten bei Logopäden und Ergotherapeuten, die heute ebenfalls nur unter ärztlicher Anordnung abrechnen dürfen.

Nur: Die Zukunft der Pflege ist nicht alleine eine Kosten-, sondern auch eine Personalfrage. Im Bericht des Bundesrats von 2015 steht: Selbst wenn sich die Gesundheit alter Menschen positiv entwickeln wird, steigt der Pflegebedarf stark an. Von 125 000 Personen im 2010 auf gut 182 000 im 2030.

Dazu müssten mindestens 25 000 Pflegefachleute neu eingestellt werden. Das Problem: An Fachpersonal mangelt es bereits heute. Um Junge und Widereinsteiger besser rekrutieren zu können, schlug der Bundesrat noch 2015 vor, den Pflegeberuf attraktiver zu machen.

Aktuelle Nachrichten