Bern

Pastor verkaufte psychedelische Pilze als «Fleisch Gottes» – elf Jahre später steht er vor Gericht

David Schlesinger, Gründer der «Kirche der Heiligen Pilze».

David Schlesinger, Gründer der «Kirche der Heiligen Pilze».

Elf Jahre benötigen Berner Strafverfolger, um dem Guru der «Kirche der Heiligen Pilze» den Prozess zu machen.

Die Berner Justiz arbeitet in einem eigenen Zeitsystem. Im Juni 2006 durchsuchte die Polizei das Hotel Rüschegg-Eywald an der Grenze zum Kanton Freiburg und nahm den damals 36-jährigen Betreiber David Schlesinger fest, weil er einen Versandhandel mit verbotenen Drogenpilzen aufgebaut hatte. Mehr als ein Jahr verbrachte er danach in Untersuchungshaft. Mittlerweile ist er 47 Jahre alt und lebt auf Gran Canaria.

Die Berner Staatsanwaltschaft benötigte zehn Jahre, um die Anklageschrift zu erstellen. Sie umfasst zwar 126 Seiten, die der «Schweiz am Wochenende» vorliegen, und die Akten füllen 44 Bundesordner. Doch ganz so gross, wie die Staatsanwaltschaft ursprünglich annahm, ist der Fall nicht. Sie musste mehrmals über die Bücher und die Anklage anpassen. Die Staatsanwältin blitzte mit einem Antrag für eine Behandlung durch ein Dreiergericht ab. Dieses kann Freiheitsstrafen von mehr als zwei Jahren sprechen. Das Regionalgericht Bern-Mittelland delegiert allerdings nur einen Einzelrichter, die kleinste Gerichtsform mit Strafen von höchstens zwei Jahren. Der Prozess ist auf November angesetzt.

«Das Fleisch Gottes»

Schlesinger kündigt auf Anfrage an, er werde für die Verhandlung in die Schweiz fliegen. Der gebürtige Deutsche hofft auf einen «epochalen Prozess», der einen Beitrag zur Drogenlegalisierung leistet. Um das Interesse zu steigern, hat er einen Blog eingerichtet. Dieser zeigt, dass Schlesinger noch immer glaubt, was er vor einem Jahrzehnt als Gründer der «Sacred Mushroom Church of Switzerland» propagierte, der «Kirche der Heiligen Pilze». Der selbst ernannte Pastor sieht psychedelische Pilze, die eine ähnliche Wirkung wie LSD haben, als das «Fleisch Gottes». Fest steht: Ob die Kirchenmitglieder nun gläubig waren oder nicht, allen war eine veränderte Sinneswahrnehmung garantiert.

Das Geschäftsmodell war simpel. Für 120 Franken konnte jede Person Mitglied der als Verein geführten Kirche werden und dafür das «Sakrament» entgegennehmen. Auch wer eine Spende überwies, kriegte per Post die dem Grammpreis entsprechende Menge an Trockenpilzen. Der Guru belieferte Kunden in der Schweiz, Deutschland, Österreich und sogar in den USA. Die Drogen bestellte er in Holland; doch ein Teil wurde am Zoll in Basel abgefangen.

Die «Kirche der Heiligen Pilze» unterhielt zudem ein eigenes Zuchtprogramm. In anderthalb Jahren erzielte Schlesinger einen Erlös von rund 400 000 Franken. Damit finanzierte er den Betrieb seines Gasthauses, das er «Hexenhotel» nannte und in dem er Partys für 300 Personen organisierte. Die Gäste erhielten 10 bis 60 Gramm frische Pilze.

Nachdem Schlesinger das Hotel übernommen hatte, warb er 2005 in der «Berner Zeitung» um das Vertrauen der Dorfbevölkerung. Er kündigte «gesundheitsbewusste, rauch- und möglichst drogenfreie» Partys an. Dass er schon damals als PilzGuru auftrat, machte den Journalisten nicht stutzig. Dieser rapportierte, die Hotelküche werde Pilzgerichte in verschiedensten Formen, aber kein Schnitzel mit Pommes zubereiten.

Die Droge feiert ein Comeback

Die Razzia im Jahr 2006 führte in der Schweizer Kriminalstatistik zu einem Rekord an verzeigten Konsumenten. Erst seit 2004 verfolgt die Polizei den Konsum als Verstoss gegen das Betäubungsmittelgesetz. Halluzinogene wie psilocybin- und psilocinhaltige Pilze werden darin als abhängigkeitserzeugende Stoffe behandelt. In der Wissenschaft haben psychedelische Pilze und LSD in der Zwischenzeit ein Comeback erlebt.

Forscher der Universitäten Basel und Zürich führen nach einer langen Pause wieder Studien über die Verwendung der Drogen für Psychotherapien durch. Sie gehen dabei nicht von einem Suchtpotenzial aus. Das Berner Gerichtsverfahren wird nun zeigen, ob die Richter wie die Naturwissenschafter die Droge heute anders beurteilen. Es ist allerdings nicht davon auszugehen. Schlesinger ist angeklagt wegen gewerbsmässiger Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz.

Sogar die Berichterstattung über die Pilze kann heikel sein. Eine SRF-Journalistin, die 2008 eine «Rundschau»-Reportage über Schlesinger machte, wurde von einer Privatperson wegen Anstiftung zum Drogenkonsum angezeigt. Die Staatsanwältin traf Abklärungen, eröffnete aber schliesslich kein Verfahren. Doch allein dieser Vorgang, der normalerweise einige Monate in Anspruch nimmt, dauerte sieben Jahre.

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