Bahnverkehr

Pannen und Diebstähle vermiesen Passagieren das Reisen im Schlafwagen

Passagiere in einem Schlafwagenabteil der ÖBB.

Passagiere in einem Schlafwagenabteil der ÖBB.

Zugfahren ist wegen der Klimabewegung wieder populärer geworden. Beim gefragten Nachtzugangebot sehen sich die Betreiber aber mit Pannen und Sicherheitsproblemen konfrontiert.

Zum Klimagipfel in Lausanne vom vergangenen Montag reisten 450 junge Aktivisten aus 37 Ländern Europas an, die meisten von ihnen mit dem Zug oder anderen öffentlichen Verkehrsmitteln. Auch manche Schweizer dürften ihre Sommerferien aus Flugscham mit dem Zug statt mit dem Flugzeug angetreten haben. Denn zumindest das Nachtzugangebot in der Schweiz scheint von der Klimabewegung zu profitieren: Wie unsere Zeitung jüngst berichtete, beobachten die SBB für das erste Halbjahr 2019 einen positiven Trend.

In Zukunft sollen wegen der stärkeren Nachfrage neue Reiseziele dazukommen, zusammen mit den ÖBB wollen die SBB das Angebot ausbauen – möglicherweise nach Westeuropa. Toni Häne, Chef Personenverkehr, äusserte diese Woche in einem Interview seine klare Präferenz für Barcelona. Heute rollen Nachtzüge nach Hamburg, Berlin, Graz, Wien, Budapest, Zagreb und Prag.

Wer Nachtzug fährt, muss allerdings auch mit Pannen rechnen. So erreichten unsere Zeitung viele negative Rückmeldungen über jüngste Reisen, die über einen schlechten Schlaf wegen des Geruckels auf den Schienen hinausgingen. Demnach war zum Beispiel mal der Heizungsregler defekt und die Luft im Abteil unerträglich heiss. Ein andermal wurde ein Waggon an einen falschen Zug gekoppelt, sodass die Passagiere nicht in der gewünschten Stadt aufwachten. Wieder ein andermal fiel ein Schlafwagen ganz aus, sodass sich eine Familie auf Sitzplätze im ganzen Zug verteilen musste.

Neue Züge für über 200 Millionen Franken

Den Österreichischen Bundesbahnen ÖBB, die die Nachtzüge für die Schweiz und für Deutschland betreiben, sind solche Probleme bekannt: «Das Rollmaterial, das für diese Strecken eingesetzt wird, ist noch nicht auf dem neusten Stand», sagt ein Sprecher auf Anfrage. «Als wir die Züge von der Deutschen Bahn übernommen haben, war klar, dass wir in neues Wagenmaterial investieren müssen. Die Alternative wäre gewesen, sich ganz aus dem Nachtzuggeschäft zurückziehen.»

Die ÖBB bieten den Nightjet seit Dezember 2016 an. Damals übernahmen sie teilweise das Rollmaterial der Deutschen Bahn, welche ihre City Night Line einstellte. 2018 sind mit den Nachtzügen der ÖBB 1,4 Millionen Passagiere durch Europa gefahren. Tendenz steigend.

Das neue Wagenmaterial ist bereits bestellt. Für über 200 Millionen Euro haben die ÖBB dreizehn komplett neue Züge bei Siemens in Auftrag gegeben. Diese werden Liegewagen mit höchstens vier Betten sowie Schlafwagen mit Dusche und WC enthalten. Zudem wird es kleine Ein-Bett-Abteile geben, die Passagieren mehr Privatsphäre bieten.

Die Lieferung eines so grossen Auftrags dauert freilich – das geht nicht von heute auf morgen. Die ÖBB rechnen damit, dass sie die Züge gegen Ende 2022 in Betrieb nehmen können. Aktuell sei das Unternehmen zudem daran, bestehende Liegewagen im Innern gänzlich zu erneuern.

In Zügen treiben Diebesbanden ihr Unwesen

Ebenfalls zu Bedenken geben Rückmeldungen über Diebstähle in Nachtzügen. So sollen auf einigen Strecken professionelle Diebesbanden ihr Unwesen treiben, die mitten in der Nacht einsteigen, schlafende Passagiere in nicht abgeschlossenen Abteilen bestehlen, und beim nächsten Halt wieder aussteigen. Dies bestätigen die ÖBB: «In den letzten Monaten ist es vor allem bei Verbindungen in den Süden zu solchen Diebstählen gekommen. Wir haben deshalb schon das Sicherheitspersonal aufgestockt», sagt der Sprecher.

Auf einigen Strecken würden zudem auch Polizisten regelmässig durch die Nachtzüge patrouillieren. Nun sei die Anzahl leicht erhöht worden. «In jedem Wagen ist ausserdem immer ein ÖBB-Mitarbeiter anwesend. Pro Nachtzugfahrt sind also viele Mitarbeiter im Einsatz.» Tatsache sei jedoch, ergänzt der Sprecher, dass es Diebe auf Nachtzüge absehen könnten. Den Fahrgästen werde deshalb stets empfohlen, das Abteil abzuschliessen.

Dass Sicherheit in Nachtzügen ein sehr schwieriges Thema ist, zeigen auch die Erfahrungen der SBB. Wie Toni Häne, Chef Personenverkehr, gestern auf Anfrage sagte, war dies einer der zentralen Gründe, weshalb die SBB den Betrieb der Nachtlinien vor zehn Jahren überhaupt eingestellt hatten. Bei der heutigen Kooperation mit den ÖBB tragen die SBB noch das Kostenrisiko für die Schweizer Verbindungen.

Auch unterstützen sie die ÖBB zum Beispiel beim Billett-Vertrieb und stellen Personal auf Streckenabschnitten in der Schweiz zur Verfügung. Der Ausbau des Nachtzugangebots wird laut einem SBB-Sprecher unter denselben Bedingungen erfolgen. Das Rollmaterial werde aber von der ÖBB beschafft.

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Autor

Gabriela Jordan

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