Gottfried Locher

Oberster Schweizer Reformierter: «Der Islam muss sich zu Schweizer Werten bekennen»

«Ich möchte Wirkung erzeugen»: Gottfried Locher, der oberste Reformierte der Schweiz.Annette Boutellier/Lunax

«Ich möchte Wirkung erzeugen»: Gottfried Locher, der oberste Reformierte der Schweiz.Annette Boutellier/Lunax

Gottfried Locher, der oberste Reformierte im Land, redet über Macht und Frauen, Geld und Islam. Und er ruft zur Einigkeit auf – nur so sei der Niedergang der Kirche zu stoppen.

Das Treffen mit Gottfried Locher im Berner Büro seines Kommunikationsberaters beginnt leicht angespannt. Der Präsident des Evangelischen Kirchenbundes will im Juni wiedergewählt werden, was eigentlich eine reine Formsache ist. Aber Locher sieht sich teilweise heftiger, anonym vorgebrachter Kritik aus den eigenen Reihen ausgesetzt.

Herr Locher, sind Sie ein Sesselkleber?

Ich bin 51 Jahre alt, gesund und motiviert, darum ist im Moment kein Wechsel angesagt.

Sie kandidieren bereits für die dritte Amtszeit als SEK-Präsident …

Wir stecken mitten in einer Verfassungsrevision, und diese will ich jetzt erfolgreich zu Ende führen. Die Herausforderung ist gross. Es geht um die Zukunft: Wir brauchen einen Neuanfang in der evangelisch-reformierten Kirche Schweiz.

Mit Ihrem Kind, der neuen Verfassung, die die Kirche zu einer schlagkräftigen Institution bündeln will, wollten Sie die Macht an sich reissen, sagen Kritiker. Auf Kosten der teilweise reichen Kantonalkirchen. Wollen Sie die Kantone entmachten?

Nein, mir wäre sogar recht, wenn die Kantone mehr mitreden würden als bisher. Die Themen, die Ziele, die Aufgaben, das Budget: Alles gehört in die Kompetenz der Kantonalkirchen. Und sie wählen die Ratsmitglieder und das Präsidium. Ohne die Kantone geht auch in Zukunft nichts. Föderalismus ist Teil der reformierten DNA.

Es gibt Leute, die sagen, dass gewisse Kantonalkirchen Sie weghaben möchten.

Unsere Kirchenkonferenz hat mir gerade das Gegenteil mitgeteilt, grosse Unterstützung. Das spornt mich an, weiterhin mein Bestes zu geben für die reformierte Kirche, zum Beispiel bei den Bundesbehörden, in der Öffentlichkeit und in der Ökumene.

Manche halten Sie für machtbesessen, für einen, der das alleinige Sagen haben will …

Im Gegenteil, ich freue mich über alle, die mitreden. Um mich herum habe ich viele starke Persönlichkeiten mit eigenen Meinungen. Ich mag den Widerspruch. Ich mag den Wettstreit der Ideen.

Die Kirchenplattform ref.ch steht Ihnen kritisch gegenüber. Ist das Ausdruck eines Machtkampfs innerhalb der Kirche?

Es ist nicht an mir, die Motive von ref.ch zu hinterfragen. Kritik ist gut, solange wir das Wohl der Kirche im Auge behalten. Die «NZZ» schreibt vom «Niedergang der Institution» reformierte Kirche. Wir sollten darum unsere Kräfte bündeln. Mit vereinten Kräften sind wir überzeugender.

Die Mitgliederzahlen der Reformierten sinken seit Jahrzehnten. Sterben die Reformierten aus?

Die Lage ist besorgniserregend. Unsere Kirche wird offenbar für immer mehr Menschen irrelevant. Die teilweise noch hohen finanziellen Mittel täuschen vielerorts über die Krise in der Kirche hinweg. Wir müssen handeln, solange wir noch handlungsfähig sind. Weitermachen wie bisher ist keine Option.

Und wie genau wollen Sie handeln, was wollen Sie tun, um den Niedergang zu stoppen?

Ich möchte wieder mehr Begeisterung in der Kirche! Begeisterung für den christlichen Glauben, Begeisterung für eine Botschaft, die uns allen Orientierung geben kann, im Leben und im Sterben. Das ist das Evangelium, wie ich es verstehe. Wir haben unzählige hervorragende Pfarrerinnen und Pfarrer im ganzen Land. Sie gilt es nun zu stärken und zu fördern. Dazu möchte ich beitragen.

Sie sehen sich als eine Art reformierten Bischof. Aber wo bleiben die mahnenden Worte, wenn es um heikle und wichtige politische Fragen geht, wie Flüchtlinge oder soziale Gerechtigkeit?

«Pour-la-galerie»-Äusserungen sind nicht mein Ding. Ich möchte lieber Wirkung erzeugen. Vergangene Woche habe ich dem Bundesrat einen dringenden Aufruf gegen die Erleichterung der Kriegsmaterialausfuhr geschickt. Im Augenblick bereiten wir eine Stellungnahme gegen weibliche Genitalverstümmelung vor. Wenn möglich spreche ich zudem direkt mit den Entscheidungsträgern. In besonderen Fällen, etwa bei Menschenrechtsverletzungen, verlange ich eine Audienz bei einem Botschafter, das letzte Mal beim iranischen.

Erreichen Sie etwas mit solchen Demarchen?

Die Angesprochenen reagieren fast immer auf Interventionen durch den Kirchenbund. Ob sie sich direkt durch uns bewegen lassen, ist nicht messbar.

Sie beklagen gerne den Zustand Ihrer Kirche, eine Verweiblichung und Verweichlichung. Sind Sie ein Macho?

Mit einer starken Ehefrau und zwei schlagfertigen Töchtern kann ich das klar verneinen. Die Frauen in meinem Umfeld sind selbstbewusst und zielstrebig. Für einen Macho hätten die nur ein müdes Lächeln übrig.

Sie gelten als Verfechter der klassischen Rollenteilung: der Mann als Ernährer und Eroberer, die Frau als Hausfrau und Eroberte. Ist dieses Bild nicht überholt?

Natürlich ist dieses Bild überholt. Frauen und Männer begegnen sich auf Augenhöhe, und das ist auch gut so. Geld verdienen und Kinder erziehen ist gemeinsame Elternsache, jedes Paar soll selber entscheiden, wie es funktioniert. Leider habe ich das als junger Familienvater zu wenig umgesetzt. Im Rückblick bedaure ich, nicht mehr Zeit mit meinen Kindern verbracht zu haben. Sie haben mir das zum Glück verziehen, scheint mir, und meine Frau auch.

Sie haben auch den Ruf eines Charmeurs, der Frauen bezirzt.

Die einen werfen mir vor, ich sei machtbesessen, die anderen, ich sei zu charmant. Ich erlebe beides, Menschen die auf mich positiv reagieren und solche, die sich nicht für mich interessieren. Das gilt aber nicht nur für Frauen, sondern ebenso für Männer.

Im Buch «Gottfried Locher – Der ‹reformierte Bischof›» auf dem Prüfstand» sprechen Sie von der Sexualität, die alles dominiere. Etwa: «Als Mann in der Mitte des Lebens stelle ich fest, dass sich die Sexualität verändert. Sie meldet sich nicht mehr als Beute verschlingendes Raubtier wie in der Jugend.» Sprachen Sie hier von sich selbst?

Die Sexualität ändert sich auch bei mir mit dem Alter. In jedem Alter aber tragen wir die volle Verantwortung für unsere Entscheidungen und Handlungen. Ich habe ein von Eigenverantwortung geprägtes Menschenbild.

Was wollen Sie genau damit sagen: Dass nicht nur Männer, sondern auch Frauen für ihre Handlungen auch auf sexuellem Gebiet selbst verantwortlich sind?

Beide tragen sehr wohl dieselbe Verantwortung, sofern sie die Integrität des jeweils andern respektieren.

Sie reden nicht mehr gerne über die polarisierenden Aussagen im Buch, das 2014 erschien. Bereuen Sie die Aussagen?

Ich bedaure im Nachhinein, dass ich mich offensichtlich nicht konzis genug ausgedrückt habe, denn ich habe den ernsthaften Dialog gesucht und nicht die Provokation.

Es gab diesen Zwischenfall in London, als eine Schweizer Pfarrerin Aussagen aus dem Buch und das Gespräch mit Ihnen darüber als sexistisch empfand. Ist diese Sache bereinigt?

Die Reaktion mit viel Verspätung hat mich überrascht. Mir war zum Zeitpunkt des Gesprächs gar nicht bewusst, dass ich meine Kollegin vor den Kopf gestossen hatte. Das war auch nie meine Intention. Ich habe mich darum schriftlich entschuldigt. Meine Einladung zu einem direkten Gespräch unter Beizug einer Drittperson hat die Pfarrkollegin leider nicht beantwortet.

Man hört von Frauen, die sich von Ihnen verletzt fühlen. Ist Ihnen das bewusst?

Wo das der Fall ist, tut es mir ausgesprochen leid. Die Gleichbehandlung von Mann und Frau, der Respekt voreinander gerade in der Kirche, ist mir wichtig. Niemand hat das Recht, andere zu verletzen.

Sie tragen gerne das Hugenottenkreuz, eine Art protestantisches Malteserkreuz. Hierzulande empfinden das viele als peinlich bis anmassend, aber Ihnen scheint dieses Insigne wichtig. Warum?

Das Hugenottenkreuz ist seit einem halben Jahrtausend ein Symbol der verfolgten Christen. Noch immer geben Frauen und Männer für ihren Glauben ihr Leben, auch in unserer Zeit, im Nahen Osten, in Nordkorea, in Nigeria. Ich solidarisiere mich mit verfolgten Menschen, wenn ich das Kreuz trage. Dass ich dafür manchmal belächelt werde, nehme ich gerne in Kauf.

Gerüchteweise wird auch Ihr angeblich hoher Lohn beanstandet. Wie viel verdienen Sie?

220 000 Franken brutto. Im Kirchenbund gibt es Lohnbänder für alle Funktionen, auch für das Präsidium.

Wie viel ist das im Vergleich mit anderen Kirchengrössen?

Ich weiss es nicht.

Es heisst, dass Sie viele Spesen machen, gerne in den besten Hotels übernachten, auf Doppelzimmern bestehen und selbst auf Kurzstrecken Business fliegen. Stimmt das, und warum ist das so?

Es gibt ein Spesenreglement, das für alle gilt. Gebe ich für ein Hotelzimmer mehr aus, als das Reglement vorsieht, dann bezahle ich die Differenz selber. Und natürlich kontrollieren die Revisoren alle Ausgaben.

Im Juni kommt der Papst in die Schweiz, den Sie bewundern. Erhalten Sie eine Audienz?

Vermutlich nicht, Franziskus besucht ja nicht wirklich die Schweiz, sondern den Ökumenischen Rat in Genf. Er kommt am Morgen und will am Abend schon wieder heimfliegen. Aber vielleicht ändert er seine Pläne ja noch.

Reformierter «Papst» zu Besuch beim Papst in Rom: Franziskus empfängt Gottfried Locher (Mitte), Chef der Schweizer Reformierten, am 4. März 2016 im Vatikan.

Reformierter «Papst» zu Besuch beim Papst in Rom: Franziskus empfängt Gottfried Locher (Mitte), Chef der Schweizer Reformierten, am 4. März 2016 im Vatikan.

Was erhoffen und erwarten Sie vom Papstbesuch?

Wenig für die Schweiz, aber für den Ökumenischen Rat ist das wichtig, die Institution hat schon bessere Zeiten gesehen. Der Papst kommt zum 70-Jahr-Jubiläum.

Wären Sie im Grunde lieber Katholik?

Konfessionalismus ist nicht mein Ding, ich bin vor allem Christ. Beide Kirchen stecken in der Krise, wir sollten deshalb dringend voneinander lernen. Immer mehr Menschen haben immer weniger Verständnis für ein Hick-Hack unter christlichen Kirchen. Das sehe ich wie der frühere Abt Martin Werlen.

Umgekehrt gelten Sie nicht als grosser Freund der Muslime. Ist das so?

Ich suche mir Freunde nicht nach dem Glauben aus, und ich finde sie auch im Islam. Aber ich bin ebenso ein Freund des klaren Wortes, und dazu gehört auch, dass wir die Unterschiede ansprechen, die es zwischen den Religionen gibt. Der Islam in der Schweiz muss sich zu Schweizer Werten wie Toleranz und Gleichberechtigung bekennen. Dazu will ich beitragen, kritisch, aber wohlwollend. Vor zwei Wochen war ich Gast an der Jahresversammlung der Schweizer Muslime, es war eine herzliche Begegnung.

Der Islam ist auch in der Schweiz im Vormarsch. Was macht er besser als Ihre Kirche?

Der Vergleich hinkt: Der Islam kommt durch Zuwanderung in die Schweiz, die Menschen bringen ihre Religion mit. Über die religiöse Verwurzelung der muslimischen Frauen und Männer sagen die Zahlen nichts aus. Die reformierte Kirche muss ihren eigenen Weg finden.

Wenn Sie im Sommer nicht wiedergewählt werden, was machen Sie dann?

Das Kirchenbundspräsidium verlangt meine ganze Energie, über die Zeit danach kann ich nicht grübeln. Wie es kommt, ist es gut. An anderen Ideen und Projekten mangelt es mir nicht.

Und wenn Sie wiedergewählt werden?

Dann freue ich mich über das Vertrauen, das man mir schenkt. Und arbeite mit Begeisterung weiter.

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