Tabakwerbung

Nützt die Zurückhaltung der Ärzte der Tabaklobby?

In einem Punkt sind sich Schweizer Ärzte einig: Jugendliche sollen künftig keiner Zigarettenwerbung mehr ausgesetzt sein.

In einem Punkt sind sich Schweizer Ärzte einig: Jugendliche sollen künftig keiner Zigarettenwerbung mehr ausgesetzt sein.

139 Mediziner fordern vom Berufsverband FMH ein forscheres Auftreten bei der Debatte über Tabakwerbeverbote. Wenn die Ärzteschaft schweige, sei dies «eine willkommene Hilfe» für die Zigarettenindustrie.

Die Schweizer Ärzte liegen sich in den Haaren und das ausgerechnet in einer Frage, in der sie sich inhaltlich so einig sind wie bei kaum einem anderen Thema: Es braucht ein komplettes Verbot von Tabakwerbung, und das besser heute als morgen. Doch wie offensiv soll die Ärzteschaft für dieses Ziel kämpfen? Darüber gehen die Meinungen auseinander.

Heute ist die Schweiz ein kleines Paradies für Tabakkonzerne. In kaum einem anderen Land Europas geniessen sie bei der Bewerbung ihrer Produkte mehr Freiheiten: Die Zigarettenhersteller dürfen ihre Ware je nach Kanton auf Plakaten, in Printmedien, als Sponsoren von Anlässen, in Kinos und an Verkaufsstellen bewerben. Das Bundesamt für Gesundheit hält in seinen Unterlagen fest: «Die Schweiz ist eines der europäischen Länder mit der lockersten Gesetzgebung.»

Daran soll sich so schnell nichts ändern: Wenn der Bundesrat voraussichtlich im Herbst das neue Tabakproduktegesetz an National- und Ständerat überweist, wird darin ein umfassendes Werbeverbot wahrscheinlich fehlen. Er signalisierte bereits im Juni, dass es weiterhin möglich sein soll, auf Gegenständen mit Bezug zum Tabakkonsum, an Open-Air-Festivals und an Verkaufsstellen für Zigarettenmarken zu werben. Die Landesregierung macht damit eine Konzession an die Wirtschaftsverbände, die in einem vollständigen Werbeverbot einen unverhältnismässigen Eingriff in die Wirtschaftsfreiheit sehen.

In Ärztekreisen kommt die Kompromissbereitschaft von Gesundheitsminister Alain Berset gegenüber der Tabakindustrie schlecht an. Ein umfassendes Werbeverbot gilt als zwingend notwendig, um die Zahl der Tabaktoten zu reduzieren.

«Kompromiss als Vorwand»

Eine Gruppe von 139 Medizinern will nun den Ton verschärfen und fordert unter der Federführung des Lungenarztes Rainer M. Kaelin vom Berufsverband FMH ein forscheres Auftreten. Die Organisation habe es bisher verpasst, die Bevölkerung genügend aufzuklären, heisst es in dem Schreiben, das in der «Schweizerischen Ärztezeitung» erschienen ist.

Kaelin warnt, ohne klare Stellungbezüge in den kommenden Monaten bestehe die Gefahr, dass der Vorschlag des Bundesrates «unter dem Vorwand eines mehrheitsfähigen Kompromisses» vom Parlament angenommen werde. In der Folge würden Tabakfirmen auch künftig kaum «in ihren erfolgreichen Bemühungen eingeschränkt, junge Raucher zu rekrutieren». Das Schweigen der Ärzteschaft stelle «eine willkommene Hilfe» für die Tabakindustrie dar.

FMH-Präsident Jürg Schlup betont auf Anfrage, inhaltlich stehe sein Verband auf einer Linie mit Briefschreiber Kaelin. «Wir fordern ein umfassendes Werbe-, Sponsoring- und Promotionsverbot für Tabakprodukte. Das geht aus unserer Vernehmlassungsantwort klar hervor.» Wie offensiv sich sein Verband in der Debatte um das Tabakproduktegesetz engagieren werde, könne er zum jetzigen Zeitpunkt jedoch nicht sagen. «Der Gesetzesentwurf liegt noch nicht vor.»

Konzentration aufs Kerngeschäft

Nationalrätin und Ärztin Yvonne Gilli (Grüne/SG) findet, die FMH solle weiterhin zurückhaltend kommunizieren. Beim Lobbying im Bereich Tabakregulierung ist die Lungenliga federführend und primäre Ansprechpartnerin gegenüber dem Parlament. «Als Politikerin sehe ich keinen Grund, weshalb die FMH hier aktiv werden sollte.» Der Verband müsse «sehr sorgfältig abwägen», wie er nach aussen auftrete. «In der Regel konzentriert sich die FMH als Ärzteorganisation auf ihr Kerngeschäft und überlässt Themenfelder wie die Tabakwerbung anderen Organisationen.»

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