Neues Führungsmodell
Aus einem Stadtpräsidenten werden zwei «cosyndics» – Yverdon wird neu im Jobsharing regiert

Ein Sozialdemokrat und eine Grüne wollen das Stadtpräsidium von Yverdon-les-Bains gemeinsam ausüben - mithilfe eines Kniffs. In Bern und Basel sind ähnliche Bestrebungen wegen mangelnder Rechtsgrundlage gescheitert. Grünen-Fraktionschefin Aline Trede hofft auf einen landesweiten Durchbruchs des Modells.

Christoph Bernet
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Die fünf rot-grünen Mitglieder der Stadtregierung Yverdons: Ganz rechts die künftigen «cosyndics» Carmen Tanner und Pierre Dessemontet

Die fünf rot-grünen Mitglieder der Stadtregierung Yverdons: Ganz rechts die künftigen «cosyndics» Carmen Tanner und Pierre Dessemontet

Valentin Flauraud / KEYSTONE

Die Absicht sei «erstaunlich und revolutionär», schreibt die Zeitung «24heures»: In Yverdon-les-Bains wollen sich Pierre Dessemonet (SP) und Carmen Tanner (Grüne) das Stadtpräsidium gleichberechtigt untereinander aufteilen. Anstelle eines Stadtpräsidenten («syndic») und eines Stellverterters («vice-syndic») sollen zwei «cosyndics» die Stadtregierung gemeinsam anführen. Rot-Grün hatte bei den Wahlen im März der FDP die Regierungsmehrheit entrissen. Da sich keine bürgerliche Gegenkandidatur abzeichnet, dürfte das Duo Dessemontet-Tanner still gewählt werden.

Ein Stadtpräsidium im Jobsharing ist in der Waadtländer Verfassung nicht vorgesehen. Das Gemeindegesetz präzisiert, dass jede kommunale Exeketuiveine Präsidentin oder Präsidenten und eine Stellverteterin oder Stellvertreter braucht.

In Yverdon soll es eine gesetzeskonforme Lösung geben. Formell wird Sozialdemokrat Dessemontet als Stadtpräsident kandidieren, die Grüne Tanner als Vizepräsidentin. Doch in der Praxis streben sie eine ausgewogene Arbeitsteilung an. Das Stadtpräsidium, bisher ein Vollzeitamt, soll zu einer 80-Prozent-Stelle reduziert werden, das Vizepräsidium hingegen von 60 auf 80 Stellenprozente ausgebaut werden.

«An der Spitze umsetzen, was wir von anderen fordern»

Die Ankündigung des neuen Führungsmodells habe in der Stadt viele Reaktionen ausgelöst, erklärt Pierre Dessemontet auf Anfrage von CH Media: «Viele waren unächst überrascht, aber haben rasch die Vorteile unserer Lösung erkannt.»

Er wird formell Stadtpräsident: Pierre Dessemontet (SP).

Er wird formell Stadtpräsident: Pierre Dessemontet (SP).

Jean-Christophe Bott / KEYSTONE

Die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Teilzeitmodelle, flexible Arbeitszeiten, Home Office: All das seien wichtige Anliegen im rot-grünen Wahlprogramm gewesen. Es sei nur konsequent, «wenn wir das, was wir von anderen fordern, auch an der Spitze der Stadtregierung umzusetzen beginnen», sagt Dessemontet. Moderne Arbeitsmodelle müssten auch in Exekutivämtern möglich sein.

Doch die Reform habe auch eine demokratiepolitische Komponente: «Wir streben in Yverdon einen weniger autoritären, stärker partizipativen Regierungsstil an», erläutert Dessemontet. Die Stadtregierung solle als Team arbeiten und auftreten. FDP-Stadrat Christian Weiler sagte gegenüber «24heures», er habe mit einem «atypischen Vorschlag» von Rot-Grün gerechnet. Inhaltlich wollte er ihn noch nicht bewerten.

Kandidiert offiziell als Vizepräsidentin: Carmen Tanner (Grüne).

Kandidiert offiziell als Vizepräsidentin: Carmen Tanner (Grüne).

Keystone

Rotes Licht für Jobsharing in Bern und Basel

In Yverdon wird zumindest ansatzweise umgesetzt, worüber anderenorts schon länger diskutiert wird. Das Stadtberner Parlament etwa verabschiedete 2018 ein entsprechendes Postulat. Die Regierung musste prüfen, ob Jobsharing mithilfe von «Team-Kandidaturen» auch in Exekutivmandaten umsetzbar sei.

Die Place Pestalozzi in Yverdon-les-Bains.

Die Place Pestalozzi in Yverdon-les-Bains.

Jean-Christophe Bott / KEYSTONE

In ihrer Antwort kam sie zum Schluss, dass die Nachteile überwiegen. Die politische Verantwortung eines Regierungsamts könne nicht zwischen Personen geteilt werden. In einem Gremium mit Vollzeit- und Teilzeitmitglieder seien Kollegialitätsprinzip und Machtbalance infrage gestellt. Und es sei unklar, ob «Teamkandidaturen» mit der von der Bundesverfassung garantierten Wahlfreiheit der Stimmbürger vereinbar sei.

«Dem Modell gehört die Zukunft»

Zu einem ähnlichen Schluss kam im April 2020 ein Rechtsgutachten im Auftrag der Basler Staatskanzlei. Es stellte fest, dass es für den Plan der Linkspartei Basta, mit einer Doppelkandidatur für den Regierungsrat anzutreten, keine rechtliche Grundlage gebe.

Nationalrätin Aline Trede (Grüne) hatte 2018 per Postulat ein Jobsharing-Modell im Bundesrat angestrebt. Sie freut sich über die Entwicklung in Yverdon: «Es ist wichtig, dass progressive Städte eine Pionierrolle übernehmen». Damit könnten Praxiserfahrungen gesammelt werden, die dem Jobsharing in Exekutiven landesweit zum Durchbruch verhelfen könnten, ist sie überzeugt: «Dem Modell gehört die Zukunft.»