Vatikan

Neuer Schweizergarde-Chef:«Franziskus ist eine echte Herausforderung»

Christoph Graf in der Gala-Uniform der Schweizergarde, einem Harnisch aus dem 17. Jahrhundert. keystone

Christoph Graf in der Gala-Uniform der Schweizergarde, einem Harnisch aus dem 17. Jahrhundert. keystone

Christoph Graf ist der neue Kommandant der Schweizergarde. Im Interview spricht er über seinen Arbeitgeber, Papst Fraziskus, und darüber, wie wichtig Disziplin und Glaube bei seiner neuen Herausforderung sind.

Sie sind nach 27 Dienstjahren in Rom vom Papst zum Kommandanten befördert worden. Ist das ein Traum, der in Erfüllung geht?

Christoph Graf: Nein, ich war in jedem Dienstgrad und mit jeder Aufgabe, die ich bei der Schweizergarde bisher ausgeübt hatte, glücklich gewesen. Ich hatte nie nach mehr gestrebt. Die Ernennung ist eine grosse Herausforderung und zugleich auch ein Zeichen des Vertrauens von Papst Franziskus mir gegenüber, wofür ich ihm sehr dankbar bin.

Wie sind Sie zur Schweizergarde gekommen?

In der Schweiz arbeitete ich bei der Post, zuletzt in Zofingen als Betriebsassistent. Nach zwei, drei Jahren fragte ich mich, ob das nun das Leben sei – noch 40 Jahre in einem Büro zu sitzen. Dann ist mir ein Prospekt der Schweizergarde in die Hand geraten. Das wäre doch etwas, dachte ich mir. Die Kirche lag mir schon immer am Herzen, und so meldete ich mich.

Wie wichtig ist der Glaube für den Dienst?

Er ist wichtig. Man muss wissen, wofür man diesen Dienst tut und für wen. Vor allem beim Nachtdienst, wenn man sechs bis acht Stunden einsam auf einem Posten steht im Apostolischen Palast. Dann muss man aus etwas Kraft schöpfen können, um diese Stunden auch auszuhalten. Ohne solides Glaubensfundament ist das schwer.

Sie haben Generationen von Rekruten erlebt. Wie haben sie sich verändert?

Es gab einen grossen Wandel. Als ich in den Achtzigerjahren in die Garde eingetreten bin, hatten wir noch mehr miteinander unternommen. Wir sind am Abend zusammen in den Ausgang gegangen, wir fuhren in der Freizeit zusammen ans Meer oder nach Florenz oder Neapel. Heute geht die Tendenz in Richtung Individualismus: Im Zeitalter von Facebook ziehen sich viele Gardisten mit dem Computer in ihr Zimmer zurück.

Sie haben auch drei Päpste erlebt. Franziskus ist aus Sicht eines Personenschützers vermutlich der Schlimmste . . .

(Lacht). Franziskus verhält sich vermutlich so, wie sich Johannes Paul II. verhalten hatte, als er gesundheitlich noch fit war. Aber Franziskus ist mitunter tatsächlich eine echte Herausforderung. Er macht Sachen, die man vorher nicht gekannt hat. Zum Beispiel ist er in Colombo vom Papamobil gestiegen, dann kam die Menge auf uns zu, und wir mussten versuchen, ihn wieder auf das Auto zu bringen. Da ist man gefordert.

Kann man als Offizier der Schweizergarde Einfluss nehmen auf sein Verhalten?

Man kann ihn auf gewisse Dinge aufmerksam machen. Aber das heisst natürlich nicht, dass er sich auch daran hält.

Was sagen Sie zum Vorwurf, die Garde sei nur noch Folklore?

Die meisten Leute kennen zwar die Schweizergarde, aber die wenigsten wissen, was sie wirklich tut. Der Hauptauftrag besteht darin, für die Sicherheit des Heiligen Vaters zu sorgen, und diesen Auftrag nehmen wir wahr. Wenn der Papst den Petersplatz betritt, haben die Schweizergarde und die vatikanische Gendarmerie die volle Verantwortung für seine Sicherheit. Das ist keine Folklore. Man sieht zwar die Gardisten in Uniform, aber zahlreiche andere wachen zusätzlich in Zivil über den Papst.

Und die Bewaffnung beschränkt sich nicht auf die Hellebarde?

Natürlich nicht. Wir haben die üblichen Schusswaffen zur Verfügung. Wir machen auch regelmässig Schiesstraining, besuchen Kurse in Personenschutz.

Im Zusammenhang mit der Verabschiedung Ihres Vorgängers wurde spekuliert, der Papst wolle die Schweizergarde abschaffen. Was wissen Sie darüber?

Ich habe mit dem Heiligen Vater geredet und kann nur sagen: Papst Franziskus schätzt die Schweizergarde, und er steht hinter uns. Der Papst hat nie an eine Auflösung der Schweizergarde gedacht.

Aber zumindest Reformen scheint der Papst anzustreben.

Im Zusammenhang mit dem Abgang meines Vorgängers Daniel Anrig ist auch darüber spekuliert worden. Aber das sind Erfindungen der Presse. Der Papst hat selber in einem Interview gesagt: Es handelt sich um einen ganz normalen personellen Wechsel, nichts weiter.

Von Anrig hiess es, er sei zu streng. Wie würden Sie Ihren eigenen Führungsstil beschreiben?

Mein Motto lautet: Man muss die Leute gern haben, damit man sie führen kann. Das will ich auch meinen Untergebenen weitergeben. Aber ebenso klar ist: Disziplin ist bei militärischen Organisationen das A und O. Das beginnt bei der Selbstdisziplin. Davon werde auch ich nicht abrücken. Wenn alle akzeptieren, dass es Regeln gibt, an die man sich halten muss, dann ist es nicht nötig, übergrosse Strenge an den Tag zu legen.

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