«Wir rechnen mit mehreren hunderttausend Opfern allein in unserem Land.» So viele Vögel fliegen gemäss Hans Schmid, dem Leiter Fachbereich «Überwachung Vogelwelt» bei der Vogelwarte in Sempach, in die Scheiben von Gebäuden. Diese Zahl wird sich in Zukunft drastisch reduzieren, denn die Glas Trösch Holding AG in Bützberg hat zusammen mit der Vogelwarte ein neues Glas entwickelt, das die Tiere davon abhält, in die Scheibe zu fliegen. «Dies ist ein Meilenstein, weil es bislang für solche Sonnenschutzscheiben, die wir als sehr heikel für Vögel taxie-
ren, bisher keinen wirklich brauchbaren Schutz gab», so der
Biologe.

Die Zusammenarbeit von Glas Trösch mit der Vogelwarte begann vor rund acht Jahren. «Wir wurden von der Firma anfragt», erzählt Hans Schmid. Ziel des sechs- bis siebenköpfigen Teams um Hans Schmid und Roman Graf, Leiter Entwicklung bei Glas Trösch, war es, ein Glas zu entwickeln, das die Vögel meiden. «Die Tiere fliegen aus zwei Gründen in die Scheibe: Weil sie dahinter etwas sehen oder weil sich darin etwas spiegelt», erklärt Graf die Ausgangslage der Entwicklung. «Wir haben die Hauptbedürfnisse aus unserer Sicht skizziert. Daraus entstanden Ideen, wie dies technisch umgesetzt werden könnte», beschreibt Schmid das Vorgehen.

Zahlreiche Tests waren nötig

2005 fanden in einer Tiefgarage erste Tests mit einem speziellen Glas statt. «Wir merkten bald, dass das bei künstlichem Licht nicht funktioniert», sagt Roman Graf. Ende 2005 baute das Team deshalb auf dem Col de Jaman ob Montreux eine Testanlage mit Flugkanälen. Einzelne Vögel wurden fliegen gelassen und hatten die Wahl, auf eine Scheibe mit oder ohne Markierungen zu fliegen. So konnte eruiert werden, welche Markierungen besonders wirkungsvoll sind. «Da wir vor den Scheiben feine Netze spannten, kamen dabei keine Vögel zu Schaden», betont Hans Schmid.

Drei Produkte sind das Resultat

«Allein auf der Anlage ob Montreux haben wir rund 470 Tests durchgeführt», sagt Graf. Weitere folgten in Sempach. Insgesamt waren es gegen tausend. Und weil die Tests zum Schutz der Tiere jeweils nur im Frühling oder Herbst durchgeführt werden konnten, dauerte die Testserie über drei Jahre. «Während dieser Phase stellten wir fest, dass die Herstellung nur eines Glases für alle Bedürfnisse nicht möglich ist», hält Graf fest.

Entstanden sind schliesslich drei Produkte: Silverstar Birdprotect Home für Wohnhäuser, ein Glas, das irritierende Reflexionen unterdrückt. Birdprotect Street für Balkonabschrankungen, Bushaltestellen etc. mit einer Struktur, die für Mensch und Tier gut sichtbar ist, und Birdprotect Office, ein Isolierglas, bei dem die Verglasung durch Streifen auch für die Tiere sichtbar wird. Die Streifen werden wetterseits auf das Glas eingebrannt und halten so die Vögel davon ab, in die Scheibe zu fliegen.

Pilotversuch in Sursee

Ende 2008 war das Produkt fertig. Die Geschäftsleitungen der beiden Partner wollten damit aber noch nicht auf den Markt. «Sie wollten eine Verifikation in einem Pilotversuch in Freiheit», sagt Graf. Das erste reale Testobjekt ist die neue Sporthalle Kottenmatte in Sursee, deren Fassade abwechselnd mit einem normalen und mit einem speziellen Glas ausgerüstet wurde. «Wir stellen eine 90-prozentige Wirksamkeit fest», sagt Graf. In die Scheiben ohne Schutz flogen 34 Vögel, in diejenige mit Streifen nur vier.

Seit diesem Jahr sind die Vogelschutzgläser auf dem Markt. «An der Swissbau zeigten wir sie erstmals einem breiten Publikum», sagt Corinne Grünig, Leiterin Marketing Schweiz bei Glas Trösch.

Obwohl die Scheiben etwas mehr kosten – man rechnet für ein ganzes Fenster mit einem Zuschlag von 15 bis 35 Prozent – hofft das Team um Roman Graf und Hans Schmid, dass künftig zum Schutze der Vögel vermehrt oder nur noch solche Gläser benutzt werden.