Die Buben wurden in Erziehungsanstalten wie die «Rettungsanstalt zur Aufnahme der verwaisten und verwahrlosten Jugend» auf Schloss Kasteln bei Oberflachs AG gesteckt - und das alles, weil sie angeblich verhaltensauffällig gewesen sein sollen.

Heute soll ihnen am Gedenkanlass für Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen zumindest Anerkennung für ihr erlebtes Leid wiederfahren (siehe Box).

Aber nicht nur ihnen. Der Anlass widmet sich, wie es der Titel schon sagt, allen Opferkategorien, die von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen betroffen waren, wie Hansruedi Stadler, Urner alt Ständerat und Delegierter für Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen, sagt. «Es ist eine Art moralische Wiedergutmachung. Weitere Fragen stehen aber im Raum.»

Für die Zürcher SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr ist der Gedenkanlass ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg «zur Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels der Schweizer Sozialgeschichte». Fehr präsidiert die Parlamentarische Gruppe Fürsorgerische Zwangsmassnahmen.

Sie fordert einen besseren Aktenzugang, Beratungsstellen, finanzielle Entschädigungen und eine breite historische Aufarbeitung. «Unsere Kinder und Enkel sollten über dieses Kapitel Schweizer Geschichte so gut Bescheid wissen wie über Wilhelm Tell.»

Tatsächlich ist nicht jedermann klar, dass die Schweiz die Europäische Menschenrechtskonvention 1974 wegen der sogenannten administrativen Verwahrung nur mit einem Vorbehalt ratifizieren konnte. Erst sieben Jahre später wurde das Fürsorgewesen menschenrechtskonform.

Noch 1972 zwangssterilisiert

Dass es sich nicht um Vorgänge handelt, die vor 100 Jahren geschahen, beweist ein eindrückliches Beispiel: Am Gedenkanlass wird heute auch eine Frau zum Publikum sprechen, die noch 1972 zwangssterilisiert wurde. «Diese Frau ist sogar ein Jahr jünger als ich», sagt der 59-jährige Hansruedi Stadler.

Gerade auch deshalb ist für den Zürcher Historiker Thomas Huonker vor allem wichtig, «dass es nicht nur bei Entschuldigungen bleibt». Man habe jetzt die Chance, die Opfer angemessen zu entschädigen.

Bestes Beispiel dafür sei Irland. Dort erhielten Missbrauchsopfer aus kirchlichen und staatlichen Heimen Entschädigungen im Gesamtbetrag von 1,28 Milliarden Euro. Die Höhe der gesamten Entschädigungssumme in der Schweiz sei schwierig abzuschätzen, so Huonker.

Sie dürfte sich aber in einem ähnlichen Rahmen wie in Irland bewegen. «Das ist im Vergleich zu Bankenrettungen oder zur Anschaffung von Militärflugzeugen nicht so ein riesiger Betrag.»

Medizin-Branche nicht vertreten

Der Gedenkanlass wird vom Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement in Zusammenarbeit mit diversen Organisationen wie dem Schweizerischen Bauernverband, Vertretungen reformierter und katholischer Kirche oder dem Verband Heime und Institutionen Schweiz, Curaviva, durchgeführt. Ärzte- oder Psychotherapeuten-Vereinigungen werden hingegen nicht vertreten sein.

Die Verbindung der psychiatrisch-psychotherapeutisch tätigen Ärztinnen und Ärzte FMPP erhielt weder eine Einladung noch eine Anfrage zur Teilnahme, wie das Sekretariat auf Anfrage der «Nordwestschweiz» verlauten lässt.

Dasselbe gilt für die Verbindung Schweizer Ärztinnen und Ärzte FMH. Hansruedi Stadler dazu: Man habe nicht auf jede involvierte Institution zugehen können.

Jacqueline Fehr hofft derweil, dass der Anlass tatsächlich als Start einer umfassenden Aufarbeitung dient: «Die Voraussetzungen für eine Klärung sind jetzt geschaffen.» Die Erfahrung zeige aber, dass nun weiteres Engagement nötig sei und dafür sei sie auf jeden Fall bereit.