Bundesgericht

Nancy Holten über Kirchenglocken-Urteil: «Ich bin entsetzt, enttäuscht und vor allem erstaunt»

Ja zu nächtlichen Kirchengeläut: «Ich bin entsetzt»

«Ich bin entsetzt»: Nancy Holten im Interview nach dem Ja zum nächtlichen Kirchenglockengeläut.

Kirchenglocken dürfen nachts weiterhin alle 15 Minuten schlagen. Das hat das Bundesgericht zum Streitfall aus Wädenswil ZH entschieden. Die Aargauerin Nancy Holten von der IG Stiller will weiter für Ruhe und einen guten Schlaf kämpfen.

Die Glocken der evangelisch-reformierten Kirche Wädenswil ZH dürfen auch in Zukunft nachts alle 15 Minuten schlagen. Das hat das Bundesgericht in einem wegweisenden Urteil entschieden. Die Stadt und die Kirchgemeinde feiern damit einen Sieg über ein Ehepaar, das gegen den nächtlichen Viertelstundenschlag geklagt hatte. Es hatte gefordert, dass dieser zwischen 22 und 7 Uhr abgestellt wird.

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"Ich bin entsetzt, enttäuscht und vor allem auch erstaunt", sagt Nancy Holten, Sprecherin der Interessengemeinschaft IG Stiller, im "Fokus" von Tele M1. Sie hatte ein anderes Urteil erwartet.

Holten verweist auf eine Lärmstudie, auf die sich das Zürcher Verwaltungsgericht im Mai 2016 beim Urteil zum Wädenswiler Streitfall gestützt hatte. Dieses hatte im Sinn des Ehepaars entschieden. Das Bundesgericht dagegen hält die Lärmstudie für zu wenig aussagekräftig und fundiert. Messungen hatten ergaben, dass die Lautstärke des Geläuts am Kopfende ihres Bettes rund 43 Dezibel bei gekipptem Fenster und fast 55 Dezibel bei offenem Fenster beträgt. 

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"Man weiss, dass Leute bereits bei 40 Dezibel aufwachen", sagt Nancy Holten. Sie hofft nun auf weitere aussagekräftigere Studien. "Dann kann man die Augen nicht mehr vor diesen Realitäten verschliessen." Der Kampf sei noch nicht vorbei. Es brauche mehrere Anläufe, wie beim Frauenstimmrecht.

"Kirchenglocke ist Lärm"

"Für mich bedeutet eine Kirchenglocke Lärm", erklärt sie auf die Frage, was für sie lärmsensibel bedeute. "Das geht mir durch Mark und Bein." Vogelgezwitscher oder Regenprasseln seien natürliche Geräusche, damit habe sie kein Problem. Aber von Menschen erzeugte Lärmquellen wie Verkehrsgeräusche oder Kirchenglocken seien ein unnatürlicher Lärm. Dieser "stört und stresst uns auch innerlich".

Sie betont, dass sie nicht gegen eine Tradition kämpfe, sondern dass sie sich für etwas einsetze, sprich für eine ruhige Umgebung und einen guten Schlaf.

Die IG Stiller behandle je länger desto mehr Fälle zu Kirchenglocken. "Ich denke, das wird weiter zunehmen." Sie hoffe, dass immer mehr Kirchgemeinden von sich aus entscheiden werden, den Schlag der Kirchenglocken einzustellen. "Das wird passieren. Diese Entwicklung kann man nicht aufhalten", ist sie sich sicher. (pz)

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Auch die höchste juristische Instanz sagt ja zum nächtlichen Kirchenglockengeläut. Die Beschwerdeführer sind entsetzt.

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