Der US-Sharingdienst Lime zieht in der Schweiz per sofort alle E-Trottis aus dem Verkehr. Grund dafür ist ein technischer Defekt. Denn watson sind mehrere Fälle bekannt, bei denen die Vorderbremse wegen Softwareproblemen bei vollem Tempo urplötzlich blockierte. Der Bug führte zu mehreren Unfällen, bei denen Lime-Fahrer im Spital landeten. 

Erst durch Recherchen von watson ist Lime überhaupt auf die mysteriösen Unfälle aufmerksam geworden. Das Unternehmen hat nun die Notbremse gezogen. 

Lime-Sprecher Roman Balzan bestätigt gegenüber watson: «Wir gehen den Hinweisen aktuell nach. Bis die Situation geprüft ist, haben wir als Sofortmassnahme beschlossen alle E-Trottinette in Zürich und Basel einzuziehen. Wir sind dabei jedes einzelne Gerät und die Software zu prüfen». 

Auf der Lime-App sind sowohl in Zürich als auch in Basel bereits keine E-Scooter mehr ausleihbar. Insgesamt betreibt der US-Tech-Gigant in der Schweiz eine Flotte von mehreren hundert E-Trottis. 

Die folgenden von watson aufgedeckten Fälle haben Lime zum Handeln gezwungen: 

Fall 1

Besonders schlimm trifft es den Basler Arzt Matthias Meier*. Am 3. November 2018 fährt er mit seinem Lime-Scooter vor der Uniklinik am Rheinknie durch, als zuerst die Tacho-Anzeige ausfällt. «Wie beim Velofahren blockierte wie aus dem Nichts die Vorderbremse und ich flog kopfvoran durch die Luft, hatte keine Chance zu reagieren», sagt Meier. Er bricht sich beim Sturz den linken Ellbogen.

«Immerhin verunfallte ich direkt neben der Notaufnahme», witzelt der Basler. Die Folgen sind für den selbstständigen Arzt aber weniger lustig. Operation, mehrtägiger Spitalaufenthalt. Physiotherapie. Danach kann er mehrere Tage nicht arbeiten und ist nun bis Mitte Januar zu 50 Prozent arbeitsunfähig. «Der Bruch ist kompliziert, ich muss sehr vorsichtig sein und kann meine Patienten nur eingeschränkt behandeln», so der Arzt.  

Fall 2

Der Zürcher Computerspezialist Dominic Peterhans* schnappt sich am 30. Oktober an der Leonhardstrasse in Zürich ein E-Trotti von Lime. Doch er kommt nicht weit. «Zuerst wurde das Display dunkel, dann blockierten die Bremsen bei 25 km/h. Das Schloss rastete urplötzlich ein», so Peterhans zu watson, er fliegt kopfvoran zu Boden. «Ich konnte nicht mehr aufstehen.»

Ausschnitt aus dem Beschwerdemail an Lime des Zürcher Computerspezialisten.

Ausschnitt aus dem Beschwerdemail an Lime des Zürcher Computerspezialisten.

Beim Unfall kugelt er sich die Schulter aus und wird mit der Ambulanz ins Unispital Zürich eingeliefert. «Ich hatte Glück im Unglück. Aber Menschen können so bei einem Unfall sterben», schreibt Peterhans in einem mehrseitigen Beschwerdemail an Lime, das watson vorliegt. 

Der Zürcher verlangt nun Antworten vom US-Tech-Gigant: Wie ist es möglich, dass sich der Scooter während der Fahrt plötzlich ausschaltet und die Bremsen blockiert? «Dieser Bug ist ein Sicherheitsrisiko für die Nutzer wie auch für die Firma selbst». 

Fall 3

Robert Meier* stürzte Ende November beim Bahnhof Basel ebenfalls nach einer Brems-Blockade und zog sich Schürfwunden zu. «Ich bin richtig ‹gruusig› auf die Fresse gefallen. So etwas darf nicht wieder passieren». 

Die watson-Recherchen zeigen: Alle drei Fälle weisen exakt dasselbe Crash-Muster auf. Es ist also kein Einzelfall, wie es die Lime-Verantwortlichen im ersten watson-Bericht von Mitte Dezember erklärten. Schon damals war der zweite Basler Unfall bei Lime aktenkundig. Offenbar wurden die Schweizer Verantwortlichen vom Kundendienst, der sich in den USA befindet, darüber nicht informiert. 

Trotz des mehrseitigen Beschwerdeschreibens hat IT-Spezialist Peterhans bis heute keine Antwort erhalten. «Lime hat ein ernsthaftes Problem. In den USA könnte so ein Bug das Unternehmen Millionen kosten und das Geschäftsmodell gefährden». 

Peterhans will aber so oder so weiter auf Lime-Scootern durch Zürich fahren. «Die Chance ist zwar klein, dass so was wieder passiert. Aber wenn die elektronische Bremse ausfällt, sollte man sofort vom Bike springen», sagt er zu watson. 

«Der Unfall ist einzig Folge eines Produktfehlers»

Matthias Meier hat inzwischen einen Anwalt engagiert, der seine Interessen gegenüber Lime vertritt. «Es geht mir auch darum, dass mein Unfall aktenkundig wird. Denn es stimmt einfach nicht, dass nie etwas passiert. Der Unfall ist einzig Folge eines Produktfehlers.»

Lime entschuldigt sich bei den Nutzern für die lange Bearbeitungszeit der eingegangen Beschwerden: «Wir stehen mit den Betroffenen in Kontakt. Wir haben uns bei ihnen für die lange Wartezeit entschuldigt. Es ist klar, dass so etwas nicht passieren dürfte. Wir gehen den Ursachen für die Verzögerung nach und prüfen, wie wir die internen Abläufe verbessern können», so Balzan.