Der Begriff «Heimat» erlebt ein Revival in der Politik. Die SVP macht ihn zum Fundament ihres Parteiprogramms 2019–2023. «Für uns steht Heimat für den Zusammenhalt der Schweiz», sagte Nationalrat Peter Keller, neuer SVP-Programmchef, in der «Schweiz am Wochenende».

Doch selbst bei der SP, dem Gegenpol der SVP, wird «Heimat» zum Thema. SP-Vizepräsident Beat Jans arbeitet an einem Buchprojekt zu «Heimat für Linke», zusammen mit Publizist Matthias Zehnder. «Wir suchen dafür verschiedene Autoren», sagt Jans. «Bereits zugesagt hat Helmut Hubacher.» Erscheinen soll das Buch im Wahljahr 2019.

Jans und Zehnder starten das Projekt, weil sie bei der Linken ein Problem orten: Sie könne keine Identität vermitteln. Die Schweiz habe aber mehr zu bieten als «Fahnenschwingen, Eidgenossen-Mythos und Deregulierung», wie es Jans formuliert. «Werte, mit denen sich Linke stärker identifizieren könnten als Rechte.»

Jans denkt an die direkte Demokratie, die humanitäre Tradition, den Genossenschafts-Geist und den Service public. «Die direkte Demokratie ist eine gewaltige Errungenschaft der Schweiz», sagt er. «Auch das humanitäre Engagement macht das Land aus.» Mit ihren Allmend-Genossenschaften sei die Schweiz vom Gemeinschaftsgedanken geprägt und verfüge seit je über einen starken Service public. «Die SBB gehören uns allen», sagt Jans. Besonders stolz sei er darauf, «dass wir alle gemeinsam den längsten Tunnel der Welt finanzierten». Auch der Gemeinschaftsgedanke beeindruckt Jans. «Gewinne werden in der Schweiz nicht einfach an Private abgegeben, sondern vergemeinschaftet», sagt er. «Das sind linke Werte, die das Land stark geprägt haben.»

Der Konflikt in der SP

Es gilt bei den Schweizer Sozialdemokraten als umstritten, ob die SP den Begriff «Heimat» thematisieren oder ihn schlicht und einfach der Konkurrenz überlassen soll. «Ich halte nichts von der Idee eines linken Patriotismus», sagt etwa SP-Nationalrat Cédric Wermuth. «Das Problem des Begriffs Heimat besteht darin, dass er schnell eine Loyalität einfordert.» Es sei aber nicht seine Aufgabe, dafür zu sorgen, «dass es den Menschen in der Schweiz besser geht als den Menschen anderswo». In liberalen Staaten schwörten Menschen keinen Treueeid auf Nationen. «Ein liberaler Staat ist dazu da, die Rechte der Bürger durchzusetzen», sagt Wermuth. «Niemand muss patriotische Gefühle entwickeln. Man muss die Schweiz nicht einmal mögen, um Schweizerin oder Schweizer zu sein, wenn man nicht will.»

Wermuth weiss, dass sich die SP seit je «in einem ungelösten Spannungsverhältnis» befindet zwischen zwei Polen: dem nationalen Pol und dem Pol aus internationalistischer Perspektive. Wermuths Folgerung: «Das muss man aushalten.»

Jans ist nicht der erste Sozialdemokrat, der Heimat links verorten will. Seine Basler Ständerats-Kollegin Anita Fetz hatte 2001 am Rednerpult des Nationalrats den UNO-Beitritt in einem Schweizerkreuz-T-Shirt propagiert. Sie betonte damals, die nationalen Symbole gehörten nicht der SVP alleine. Unter diesem Motto lancierte die SP dann eine Plakatkampagne für die Wahlen 2003. Sie zeigte eine Rütlischwurgruppe in EU-, UNO- und Schweizerkreuz-Hemden mit dem Slogan: «Unser Patriotismus kennt keine Grenzen».

2011 versuchte sich die damalige SP-Vizepräsidentin Jacqueline Fehr an der «sozialdemokratischen Heimat». Mit fünf Co-Autoren lancierte sie einen zehnseitigen «Heimat»-Leitfaden, der eine parteiinterne Diskussion hätte anregen sollen. Doch der Input versandete.

Beat Jans nimmt einen neuen Anlauf, nicht über die Partei, sondern direkt über die Öffentlichkeit. «Die Haltung meiner Generation, die sich mit Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch in totaler Opposition zum eigenen Land befand, stimmt für mich nicht», sagt Jans. Er habe oft im Ausland gearbeitet und dabei realisiert: «Im Herzen bin ich Schweizer und eigentlich ziemlich stolz darauf. Irgendwie bin ich Patriot.»

Auch bei den anderen Parteien hat der Begriff «Heimat» an Bedeutung gewonnen. Grünen-Präsidentin Regula Rytz sagt, sie wolle der SVP den Begriff Heimat streitig machen, etwa über den Heimatschutz. In ihrer 1.-August-Rede in Spiez vor einem Jahr sagte sie: «Wer die Heimat liebt, schützt die Gletscher vor dem Klimawandel, die Alpen vor dem Transitverkehr und unsere einzigartigen Landschaften vor der Zersiedelung.» Das kam besonders gut an.

Bei der CVP ist es Gerhard Pfister, der Heimat verstärkt zum Thema gemacht hat, seit er 2016 Präsident geworden ist. «Es ist sinnvoll, Identitäts- und Herkunftsfragen wieder selbstbewusster ins Feld zu führen», sagte er in einem NZZ-Interview zu Heimat. «Nicht im Sinne einer Ausgrenzung. Wir haben uns zu lange fremdgeschämt für unsere Herkunft.» Und im neuen CVP-Leitbild schreibt Pfister: «Als echte Volkspartei handeln wir aus der Mitte der Gesellschaft heraus. Wir sind wertkonservativ, freiheitlich und solidarisch. Wir halten die Schweiz zusammen.»

«Aus Liebe zur Schweiz»

Unter Ex-Präsident Philipp Müller hatte die FDP ihr «Aus Liebe zur Schweiz» schon 2013 entdeckt. Das Label sei in einem Brainstorming zur neuen Kommunikation der Partei entstanden, erinnert sich Müller. «Seither verwenden wir es in allen Mitteilungen.» Das sei vor allem von den eigenen Mitgliedern sehr positiv aufgenommen worden. Nach dem Motto: «‹Heimat› ist kein Begriff, der durch eine andere Partei monopolisiert ist», sagt Müller. «Auch die FDP hat ‹Heimat› zu bieten, aber eben in einem liberalen Sinn.» Als freie und offene Wertegemeinschaft, mit sozialer Absicherung, wenn nötig.