Bundesratswahlen
Mit Parmelin rückt ein Tessiner Bundesrat in die weite Ferne

Mit drei Romands in der Regierung dürfte es viele weitere Jahre dauern, bis der Kanton Tessin seinen Bundesrat bekommt. Selbst Parlamentarier aus dem Süd-Kanton sehen das ein.

Annika Bangerter
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Mit der Niederlage von Norman Gobbi und der Wahl von Guy Parmelin ist der Weg für einen Tessiner Bundesrat auf Jahre hinaus versperrt.

Mit der Niederlage von Norman Gobbi und der Wahl von Guy Parmelin ist der Weg für einen Tessiner Bundesrat auf Jahre hinaus versperrt.

Keystone

Ein Kanton wartet. Seit 1999 der CVP-Politiker Flavio Cotti aus dem Bundesrat zurückgetreten ist, fordern Tessiner Politiker wiederholt einen Vertreter in der Landesregierung. Auch bei der diesjährigen Bundesratswahl. Mit Norman Gobbi brachte die SVP zwar einen Kandidaten aus der italienischsprachigen Schweiz ins Spiel. Aufgrund seiner Lega-Vergangenheit polarisierte er aber stark.

Für die SP war er nicht wählbar, aus dem bürgerlichen Lager des Tessins erhielt er jedoch breite Unterstützung. Sie hofften, dass Gobbi den kantonalen Anliegen in Bern Gehör verschafft. Gestern sind diese Hoffnungen zerplatzt.

«Als Tessiner ist der heutige Wahlausgang natürlich eine Enttäuschung», sagt der Tessiner Nationalrat und FDP-Fraktionspräsident Ignazio Cassis. Doch mit der gestrigen Wahl von Guy Parmelin hat sich die Ausgangslage für das Tessin zusätzlich verschlechtert: Mit dem Waadtländer vertreten neu drei Romands die Landesregierung - eine historische Konstellation. «Solange sie im Bundesrat sitzen, sind die Chancen auf einen Tessiner Bundesrat gleich null. Die Deutschschweizer würden niemals einen Sitz für den Kanton Tessin opfern», sagt Ignazio Cassis.

Die Bundesratswahlen 2015 in Bildern
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Guy Parmelin sagt vor den Medien. er möchte für alle Schweizerinnen und Schweizer da sein.
Guy Parmelin steht den Medien wenige Stunden nach seiner Wahl Rede und Antwort.
Der aktuelle Bundesrat mit drei Romands: Didier Burkhalter, FDP, Kanton Neuenburg (3. von links), Alain Berset, SP, Kanton Freiburg (2. von rechts) und Neo-Bundesrat Guy Parmelin, SVP, Kanton Waadt (ganz rechts)
«Ich schwöre!» Der Bundesrat wird vereidigt. Von links: Doris Leuthard, Ueli Maurer, Didier Burkhalter, Simonetta Sommaruga, Johann Schneider-Ammann, Alain Berset, Guy Parmelin, Walter Thurnherr (Bundeskanzler).
Die Parmelins in Bursins. Mutter Jeannine, Vater Richard und Bruder Christophe Parmelin wenige Augenblicke, nachdem die Wahl von Guy Parmelin perfekt ist.
SVP-Nationalrat Guy Parmelin (links) erhält von Parteipräsident Toni Brunner (Mitte) und Fraktionschef Adrian Amstutz Gratulationen.
Umringt von Fotografen und Parlamentariern - der neue Bundesrat: Guy Parmelin.
Die entscheidenen Sekunden, bevor das Resultat des dritten Wahlgangs bekannt wird.
Magdalena Martullo-Blocher, SVP-GR, Mitte, gibt ihre Stimme in die Wahlurne.
Bundesratskandidat Thomas Aeschi, rechts, gibt seine Stimme in die Wahlurne.
Angelo Paparelli, Michele Foletti und Daniele Caverzasio, von links, Politiker der Lega dei Ticinesi... ... und Anhaenger von SVP-Bundesratskandidat Norman Gobbi, verfolgen am Fernsehen die Bundesratswahlen
Rosmarie Quadranti, BDP-ZH, links, umarmt ihre zuruecktretende Bundesraetin Eveline Widmer-Schlumpf nach deren Rede vor der Vereinigten Bundesversammlung.
Amstutz bei seiner Rede.
Die Wahlboxen werden für die Auszählung ausgeleert.
SVP-Nationalrat und Parteipräsident Toni Brunner (l.) und Bundesratskandidat Guy Parmelin unterhalten sich.
Der Aargauer GLP-Nationalrat Beat Flach gibt seinen Stimmzettel in die Urne, welche ihm Ratsweiblin Nathalie Radelfinger hinhält.
Die Ratsweibel warten mit den Wahlurnen auf ihren Einsatz.
Die Bundeskanzlerin Corina Casanova wird verabschiedet.
Standing ovation für die abtretende Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf.
Im Fokus: Die Finanzministerin zu Beginn des Bundesratswahltag.
Thomas Aeschi sitzt neben Neu-Nationalrätin Martullo-Blocher.
Thomas Aeschi am Mittwochmorgen vor den Wahlen.
Auf dem Weg in den Nationalratssaal - Thomas Aeschi.
Die Vereinigte Bundesversammlung wählt am Mittwoch den Gesamtbundesrat.
In der Nacht der langen Messer tauschen sich Politiker und Journalisten aus.
Die Parteipräsidenten tauschen sich über ihre Wahlstrategie in einer Elefantenrunde aus.
Nationalrat Aeschi bringt SP-Nationalrätin Jacqueline Badran zum Lachen.
Das Hotel Bellevue Palace war das Zentrum des Politgeschehens der Nacht von Dienstag auf Mittwoch.

Die Bundesratswahlen 2015 in Bildern

Keystone/Marcel Bieri

Tessiner müssen warten

Das bestätigt auch FDP-Parteipräsident Philipp Müller. Der Anspruch der italienischsprachigen Schweiz sei zwar berechtigt. Nach dem gestrigen Wahlausgang müsste sie aber auf den Rücktritt eines Romand warten. «Mit vier Bundesräten aus der lateinischen Schweiz wäre die Gesamtbevölkerung nicht angemessen vertreten», sagt Philipp Müller.

Diese Meinung teilen auch Tessiner Politiker wie CVP-Nationalrat Fabio Regazzi. Obwohl er einen Vertreter für das Tessin fordert, sei es für ihn undenkbar, dass in der aktuellen Konstellation ein Deutschschweizer Sitz an den Kanton Tessin geht. «Das wäre nicht richtig. Der Bundesrat muss die Bevölkerung repräsentieren. Mit drei Deutschschweizer Sitzen wäre dies nicht der Fall», sagt Regazzi.

Er hat sich im Vorfeld der Bundesratswahl für Gobbi ausgesprochen. War die Unterstützung des polarisierenden Kandidaten zu voreilig? Nein, findet Regazzi, man müsse die Chancen packen, wenn sie da sind. Er sieht in Gobbis Resultat zudem ein wichtiges Zeichen: «Viele Parlamentarier haben im ersten Wahlgang nicht für Gobbi persönlich gestimmt, sondern das Tessin unterstützt», sagt Regazzi. Das Parlament habe damit anerkannt, dass der italienischsprachigen Schweiz ein Bundesrat zustehe.

CVP-Ständerat Filippo Lombardi wurde lange als möglicher Nachfolger von Bundesrätin Doris Leuthard gehandelt.

CVP-Ständerat Filippo Lombardi wurde lange als möglicher Nachfolger von Bundesrätin Doris Leuthard gehandelt.

Keystone

Weniger Chancen für Lombardi

Trotz des symbolischen Erfolgs ist die Vertretung in der Landesregierung für die Tessiner noch weiter in die Ferne gerückt als noch vor der Wahl Parmelins. Ist der Kanton also die grosse Verliererin der diesjährigen Bundesratswahlen? Die Tessiner SP-Politikerin Marina Carobbio verneint. «Es werden neue Chancen kommen», sagt sie.

Obwohl auch sie sich einen Vertreter für die italienischsprachige Schweiz im Bundesrat wünscht, hat sich die Nationalrätin schon früh gegen Norman Gobbi ausgesprochen. «Für dieses Amt reicht es nicht, Tessiner zu sein. Es braucht dafür einen valablen Kandidaten», sagt sie.

Wiederholt als möglicher italienischsprachiger Bundesrat gehandelt wurde CVP-Urgestein Filippo Lombardi. In der Legislatur 2012/2013 war er der erste Tessiner seit 25 Jahren, den die kleine Kammer zum Ständeratspräsidenten wählte. Um ihm eine fünfte Amtszeit in Bundesbern zu ermöglichen, gewährte die kantonale Partei Lombardi eine Ausnahme – die Statuten sehen vier Legislaturperioden vor.

Mit der Wahl von Guy Parmelin hat das Parlament nun praktisch eine Absage an Lombardi als möglichem Nachfolger von Parteikollegin Doris Leuthard formuliert. «Sollte Doris Leuthard zurücktreten, dann glaube ich heute nicht mehr, dass ihr Nachfolger aus dem Tessin kommen kann. Ich gehe davon aus, dass es für den Kanton in den nächsten vier Jahren keine neue Chance gibt», sagt FDP-Fraktionschef Ignazio Cassis.

Wäre der Zuger Thomas Aeschi neuer Bundesrat geworden, hätte das Tessin weiterhin hoffen dürfen. Haben dessen Politiker es also verpasst, für den Deutschschweizer Thomas Aeschi zu weibeln? «Wir haben lobbyiert. Da wir aber nur zehn Parlamentarier sind, ist unsere Macht begrenzt», sagt CVP-Nationalrat Fabio Regazzi. Er hofft nun auf die nächste Gelegenheit. Wann diese eintrifft, sei schwer abzuschätzen. Eine Möglichkeit kommt ihm aber dennoch in den Sinn: «Sollte Burkhalter in den nächsten Jahren zurücktreten, hätte Ignazio Cassis echte Chancen.»

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