Die 10er-Jahre

MeToo, Frauenstreik, Bundesrätinnen – es war das Jahrzehnt der wütenden Frauen

Die Wut ist pink und sie geht nicht mehr weg: Women’s March in Washington als Antwort auf Präsident Donald Trump, ein Jahr nach seiner Amtseinsetzung.

Die Wut ist pink und sie geht nicht mehr weg: Women’s March in Washington als Antwort auf Präsident Donald Trump, ein Jahr nach seiner Amtseinsetzung.

Durch das Engagement der Frauen könnte man meinen, jetzt wird alles gut. Doch bis zur Gleichberechtigung vergehen noch 100 Jahre.

Am 14. Juni 2019 fluteten Frauen die Strassen – in Bern, in Zürich, in Basel und anderswo, Frauenstreik, Hunderttausende Menschen marschierten für eine gleichberechtigte Schweiz. Es war einer der wichtigsten und grössten Tage der politischen Frauenbewegung der letzten Jahre und einer der wichtigsten Tage im letzten Jahrzehnt.

Ein vorläufiger Höhepunkt einer langen, jahrhundertealten Reise, die mit der Frau beginnt, die in den Augen so vieler noch immer die Dienerin ist, die Pflegende, die Nette, die Mutter. Diejenige, der man systematisch weniger Lohn zahlt und deren Meinung in der Öffentlichkeit weniger laut ­widerhallt. Eine Reise, die in den Köpfen von Feministinnen damit enden sollte, dass die Frau gleichberechtigt neben dem Mann steht.

Und, dass niemand mehr aufgrund seines Geschlechts diskriminiert wird. Egal, wen er liebt, egal, womit er sich identi­fiziert.

Biennale in Venedig: Mehr ­Sichtbarkeit für die Kunst der Frau

2010 gewinnt die erste Frau überhaupt einen Oscar für die beste Regie, Kathryn Bigelow für ihren Film «The Hurt Locker». Eine Sensation, ist die Rolle der starken Frau statt sexy Dekoration etwas, das im Filmbusiness nicht oft gezeigt wird. Künstlerinnen und Malerinnen, Kuratorinnen und Sängerinnen ergreifen immer öfter das Wort für mehr Präsenz und Wertschätzung, mehr weibliche Kunst in Ausstellungen, gleiches Gehalt für gleiche Arbeit.

Der Kurator Ralph Rugoff sorgt 2019 an der Biennale in Venedig zum ersten Mal für ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis und zeigt gleich viele Künstlerinnen wie Künstler. Die schwedische Malerin Hilma af Klint sorgt dieses Jahr mit 600'000 Besuchern für den Rekord. Nie wollten so viele Leute des Guggenheim-Museums in New York eine Ausstellung sehen.

Auch politisch beginnt das Jahrzehnt weiblich: Der Bundesrat zählt 2010 erstmals mehr Frauen an der Spitze der Regierung als Männer. Doris Leuthard, Micheline Calmy-Rey, Eveline Widmer-Schlumpf, Simonetta Sommaruga. Immerhin zwei Jahre lang. Ein langer Weg bis hierher. Seit 1970 sind Frauen im Kanton Zürich stimm- und wahlberechtigt.

Auf nationaler Ebene wurde das Frauenstimmrecht 1971 eingeführt, 1990 zwingt das Bundesgericht den Kanton Appenzell Innerrhoden durch eine Neuinterpretation seiner Verfassung zur sofortigen Einführung des Frauenstimm- und -wahlrechts.

Die Rufe nach Gleichberechtigung sind jahrhundertealt. Einige meinen, nun sei das Zeitalter der Frau gekommen, fürchten sich vor Umstürzen, meinen, man dürfe «jetzt gar nichts mehr sagen», nichts mehr erlaubt, keine Stammtischwitze, kein Sexismus. Einige Männer fürchten sich davor, denunziert zu werden, Umsturz der alten Ordnung.

Andere sagen: immer noch alles beim Alten. Die Frau ist immer noch die Exotin, wird als «Faktor Frau» gefeiert, wenn ihr etwas Bahnbrechendes gelingt – normal ist das noch nicht, eher die Ausnahme, und wenn die Feministinnen wieder schreien, rollen viele mit den Augen und denken sich: Jetzt ist aber gut.

Und Männer, die Kinderwagen schieben, werden häufiger, sind aber noch in der grossen Minderheit, städtische Phänomene in irgendwelchen linken Kreisen, ein richtiger Mann, der sorgt für die Familie, weint selten, und hoffentlich trägt er die Haare nicht lang.

Wir Schweizerinnen und Schweizer fremdeln mit Frauen in Führungsetagen, mit Vätern, die Teilzeit arbeiten, mit dem Ablegen von Geschlechterklischees. Bürgerliche haben vor ein paar Wochen das Referendum gegen den Vaterschaftsurlaub von zwei Wochen Länge ergriffen, wir liegen in puncto ­Familienpolitik, verglichen mit den OECD-Ländern, auf dem allerletzten Platz.

Obwohl eine Studie des Bundes 2018 zum Schluss kam, dass sich eine Elternzeit positiv auf die Gesundheit von Mutter und Kind, auf die Gleichstellung von Mann und Frau und auf die Wirtschaft auswirkt.

Die frohe Kunde von 42 Prozent Frauen in Bundesbern ist ein historischer Sieg, der uns innerhalb von ein paar Tagen im Vergleich zu unseren Nachbarländern nach vorne katapultierte – Frauen stehen politisch und vor allem wirtschaftlich aber noch hinten an.

Im «Global Gender Gap Report 2020» des Weltwirtschaftsforums liegt die Schweiz derzeit auf Platz 18, hinter Deutschland und Ruanda. Während die Kluft sich in der Politik verkleinert hat, ist der Graben in der Wirtschaft sogar grösser geworden. Der Frauenanteil in Verwaltungsräten liegt hierzulande bei aktuell etwas mehr als 20 Prozent – halb so wenig wie in Frankreich.

Unbewusste Bewertungsmuster lassen Frauen auflaufen

Auch deshalb, weil es sich genau bei Beförderungsvorurteilen um unbewusste Mechanismen handelt. Die Fachwelt spricht von «unconscious bias», psychologische Mechanismen, die bewirken, dass eine Frau, die sich gleich wie ein Mann verhält, schnell unsympathisch wirkt. «Von Frauen wird erwartet, dass sie mehr Wärme und Empathie ausstrahlen als Männer», sagt CEO und Verwaltungsrätin Esther-Mirjam de Boer, seit fast 30 Jahren in der Wirtschaft tätig.

Genau diese Tugenden, würden sie dann aber angewendet, empfinden Männer, die im alten Muster laufen, jedoch als nicht führungsstark. Ein Kreislauf.

De Boer engagiert sich mit ihrem Unternehmen für mehr Diversität in der Schweizer Wirtschaft. Und sagt: Die Lage sei immer noch schwierig. «Daran liegt es auch, dass sich viele erfolgreiche Frauen irgendwann selbstständig machen.

Weil dieses Unternehmensklima sich auf ihre Motivation und Leistung auswirkt.» Viele Frauen in Führungspositionen hätten schlicht die Ellenbogengesellschaft satt, die sie in eine Rolle dränge, der sie dann doch nicht gerecht würden.

Eine Chance für mehr Frauen in der Wirtschaft sieht de Boer im demografischen Wandel und dem Fachkräftemangel. Fehlen an allen Ecken und Enden Leute, überlegt man sich – so traurig das als Grund ist – eher, eine Frau einzustellen oder zu befördern. Doch in Bereichen, die boomen, sind Frauen weiterhin untervertreten.

Beispielsweise im Technologiebereich, wo Löhne zuletzt mit am stärksten gestiegen sind. Detailhandel, Pflege oder Büro, wo überdurchschnittlich viele Frauen arbeiten, wird weniger bezahlt. Sie sind auch in Berufen tätig, die besonders von der Automatisierung betroffen sind. Auf politischer Ebene greift die Schweiz jedoch zunehmend ein: Der Bundesrat entschied im Juni, dass börsenkotierte Firmen sich künftig rechtfertigen müssen, wenn sie weniger als 20 bis 30 Prozent Frauen auf den obersten Chefetagen beschäftigen.

Auch müssen Unternehmen mit mindestens 100 Arbeitnehmenden künftig alle vier Jahre eine Lohngleichheitsanalyse durchführen. Wer sich nicht daran hält, hat aber auch hier nichts zu befürchten.

«Die Gleichstellung muss klar bei der Politik anfangen»

Am 21. Januar 2017, dem ersten Tag nach der Amtseinführung von Donald Trump, marschieren Hundertausende durch die Strassen Washingtons, mit pinken, selbstgestrickten Mützen – die «pussy hats». Heute gilt dieser Marsch als der grösste Tagesprotest in der Geschichte Amerikas. Er wird zum Lauffeuer, über sieben Millionen Menschen laufen weltweit mit Protestschildern für mehr Gleichheit.

Am 9. März 2017 erscheint der Schweizer Film «Die göttliche Ordnung» von Regisseurin Petra Volpe. Sie will keine Schwarz-Weiss-Welt zeigen, in der Frauen die Opfer sind und Männer die Täter. Sondern aufzeigen, «wie die Frauen irgendwie in dieser Welt kleingehalten werden».

Das gibt auch die grünliberale Nationalrätin Kathrin Bertschy zu bedenken, Co-Präsidentin von Alliance F, dem Dachverband der Schweizer Frauenorganisationen. «Von mehr Chancengleichheit würden ja alle profitieren – auch die Männer hätten weniger Druck, immer alleine die Ernährer zu spielen, beide Teile hätten mehr Zeit für Familie und mehr Anerkennung von Teilzeitarbeit.»

Für sie ist klar, dass die Gleichstellung bei der Politik anfangen muss. «Wenn wir darauf warten würden, dass zuerst die ganze Gesellschaft Gleichstellung für normal hält, dann warten wir noch lange», sagt Bertschy – das liege schlicht daran, dass jede Generation wieder mit dem Status quo aufwachse. Die Geschlechterungleichheit wird reproduziert, das traditionelle Familienmodell in der Schweiz noch stärker gefördert als andere Modelle.

Der Hashtag«MeToo»: Innert 24 Stunden über 4 Mio. Mal benutzt

Am 15. Oktober 2017 ruft die Schauspielerin Alyssa Milano Frauen dazu auf, mit dem Hashtag «#MeToo» zu beweisen, dass Übergriffe nicht nur ein individuelles Problem sind, sondern ein gesellschaftliches und strukturelles. Eben war der Weinstein-Skandal pu­blik geworden, mehrere Frauen beschul­digten den Filmproduzenten Harvey Weinstein der sexuellen Belästigung, Nötigung und Vergewaltigung.

Der Hashtag wird zur internationalen Bewegung: Auf Facebook verwendeten ihn innerhalb der ersten 24 Stunden 4,7 Millionen Benutzer auf der ganzen Welt, in Indien, Pakistan, den USA, der Schweiz.

Die Reise, die die Frauen angetreten haben, wird derweil noch lange dauern. Länger, als sie es sich vorstellen können, in dieser Aufbruchstimmung, zwischen Massenstreik und weiblicher Welle in Bundesbern. Ein ganzes Jahrhundert, bis die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen weltweit erreicht ist, schreibt das WEF in seiner neusten Studie, die vor ein paar Tagen erst erschien.

Ein Zeitrahmen, den man nicht akzeptieren könne, schrieb WEF-Gründer Klaus Schwab gleichsam dazu. Es müsse am Vorabend des 2020er-Jahres das Ziel globaler und nationaler Anführer sowie von Topmanagern sein, eine fairere und inklusivere Wirtschaft aufzubauen.»

Ohne die gleichberechtigte Einbeziehung der Frauen – «der Hälfte des weltweiten Talents» – könnten weder die Volkswirtschaften zum Wohle aller wachsen noch die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen erreicht werden.

Und bis dahin machen die Frauen weiter vorwärts.

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