Zum Tod von Otto Stich
Man mochte Otto Stich , weil er kein Zyniker war

Das politische Leben des Otto Stich: Wie der Solothurner vom spröden Kassenwart zum populären Staatsmann wurde. Der gestern verstorbene alt Bundesrat war kein begnadeter Redner, kein Blender, kein Showman. Dafür hatte er viel Bodenhaftung.

Stefan Schmid
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«Ein Synonym für stur ist konsequent. Ich bin sehr konsequent.» Otto Stich auf einem Foto von 2006. Key

«Ein Synonym für stur ist konsequent. Ich bin sehr konsequent.» Otto Stich auf einem Foto von 2006. Key

Zwei Szenen, die symptomatisch sind für den Menschen Otto Stich: Es war ein grauer, kalter Novemberabend in den frühen 90er-Jahren. Finanzminister Stich weilte auf Einladung des kantonalen Gewerkschaftsbundes in St. Gallen. Thema seines Vortrags: Der Zustand der Bundesfinanzen. Die Schweiz steckte in einer tiefen Rezession, in der Bundeskasse klafften bedrohliche Löcher. Der Saal war zum Bersten voll. Längst nicht nur Linke und Gewerkschafter hörten dem knorrigen Bundesrat zu. Im bürgerlichen St. Gallen, wo nur CVP-Mann Kurt Furgler Heldenstatus genoss, war der SP-Finanzminister beliebt. «Während ich zu euch spreche», sagte Stich gewohnt leise, aber bestimmt, «sind die Schulden der Eidgenossenschaft bereits wieder um 600000 Franken gestiegen.» Die Leute nickten. Sie mochten ihn, weil er kein Zyniker war. Die Schuldenwirtschaft sei eine «Katastrophe für unser Land», sagte Stich.

Sozialdemokrat und Obersparer der Nation. Wie passte das zusammen? Geld, das man nicht hat, darf man auch nicht ausgeben. Das verstand jeder. Im Gegensatz zu den Bürgerlichen war Stich aber bereit, die Steuern zu erhöhen: Autobahnvignette, Schwerverkehrsabgabe, Heizölzoll. Den sozialen Kahlschlag, den neoliberalen Staatsabbau, den Wirtschaftsführer damals ultimativ predigten, lehnte Stich ab. Die «Neue Zürcher Zeitung» schimpfte ihn «Fiskalisten». Das Volk aber folgte ihm.

Otto Stich wurde an Stelle von Lilian Uchtenhagen in den Bundesrat gewählt. Am 7. Dezember 1983 erklärte er Annahme der Wahl.
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An einem SP-Sonderparteitag wurde 1984 über den Verbleib im Bundesrat entschieden.
Frauenkiller Otto Stich 1986 im Gespräch mit Nationalrätin Eva Segmueller (CVP).
Alt Bundesrat Otto Stich ist tot
Bundesräte Pierre Aubert und Otto Stich im Gespräch
Alt Bundesrat Otto Stich ist gestorben

Otto Stich wurde an Stelle von Lilian Uchtenhagen in den Bundesrat gewählt. Am 7. Dezember 1983 erklärte er Annahme der Wahl.

Keystone

Zweite Szene: Auf dem Wanderweg im Oberengadin, wo Otto Stich im schicken Hotel Waldhaus in Sils Maria oft seine Sommerferien zu verbringen pflegte. Klobige Wanderschuhe, rote Socken, dunkelbraune Manchesterhosen, einen hellbraunen Rucksack, Pfeife im Mund. Otto Stich blieb stehen, schüttelte Hände, sprach mit den Menschen, die ihn meist herzlich grüssten und ziemlich unschweizerisch direkt ansprachen. Otto Stich, der Arbeitersohn aus dem Kanton Solothurn, war «einer von uns». Die Menschen spürten: Otto Stich ist, wie er ist. Authentisch, glaubwürdig, bodenständig. Und vor allem: anständig.

Stich, der Sprengkandidat

Dabei hatte alles so schlecht angefangen. Otto Stichs Wahl im Dezember 1983 war ein Affront. Die SP portierte Lilian Uchtenhagen, die zusammen mit Parteichef Helmut Hubacher, Andreas Gerwig und Walter Renschler zur sogenannten Viererbande gehörte. Diese spurte die vermeintlich historische Wahl vor. Erstmals sollte eine Frau in die Schweizer Regierung gewählt werden. Es kam anders. Stich, der ehrgeizige Machtmensch, war vorgewarnt. Der sozialdemokratische Bundeskanzler Walter Buser setzte ihn am Vorabend ins Bild, dass die SP versuchen werde, potenzielle Sprengkandidaten unter Druck zu setzen.

Christoph Blocher (SVP): «Otto Stich war als Finanzminister gut bei den Ausgaben. Bei den Einnahmen war er halt doch ein Sozialdemokrat. Ich habe mit Otto Stich immer sehr gut zusammenarbeitet. Er war zwar ein unkonventioneller Linken.»
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Paul Rechsteiner (SP): «Unter Otto Stich war es unvorstellbar, dass die Grossbanken sagen, wo es lang geht.»
Susanne Leutenegger Oberholzer (SP): «Otto Stich hatte mich bei Coop als Prokuristin eingestellt. Ich habe ihn als Frauenförderer erlebt»
Hans-Jürg Fehr (SP): «Viele, die Otto Stich gewählt hatten, haben dies später bedauert. Denn Otto Stich war ein senkrechter Sozialdemokrat.»
Maximilian Reimann (SVP): «Otto Stich war kein Populist. Er folgte immer seinen Überzeugungen.»

Christoph Blocher (SVP): «Otto Stich war als Finanzminister gut bei den Ausgaben. Bei den Einnahmen war er halt doch ein Sozialdemokrat. Ich habe mit Otto Stich immer sehr gut zusammenarbeitet. Er war zwar ein unkonventioneller Linken.»

Keystone

Der ehemalige Nationalrat Otto Stich galt als Sprengkandidat, wenn auch als nicht besonders aussichtsreicher. Stich schaltete sein Telefon aus. In der «Nacht der langen Messer» fiel die Entscheidung: Die Bürgerlichen waren nicht bereit, die SP-Frau zu schlucken. FDP-Mann Felix Auer, ein alter Studienfreund Otto Stichs, informierte tags darauf den Solothurner, der in Basel in seinem Büro sass. Die SP schäumte. Parteichef Hubacher, der sich bis zuletzt nur schlecht mit Stich verstand, plädierte für den Austritt der SP aus dem Bundesrat. Am Parteitag stellten die Genossen dem frisch gewählten Bundesrat einen Kaktus auf den Tisch. Es half alles nichts. Die SP-Basis wollte in der Regierung bleiben. Die Bürgerlichen lachten sich ins Fäustchen. Mit dem konservativen Stich, so glaubten sie, habe man der SP ein Ei gelegt und durch die Hintertür einen sechsten bürgerlichen Bundesrat installiert.

Stich, der Sozialdemokrat

Sie sollten sich täuschen: Otto Stich kämpfte bald für die sozial Benachteiligten, bald für die Frauen. Steuersenkungen lehnte er ab. Die Ausländerhatz der SVP verurteilte er scharf. Eigensinnig, unkäuflich, berechenbar. Der spröde Kassenwart bekam Profil. Jene, die ihn wählten, lamentierten. Stichs Wahl, plötzlich ein Unfall. «Wir wählen Dich ab, wenn Du nicht spurst», soll der inzwischen verstorbene Thurgauer FDP-Nationalrat Ernst Mühlemann in einer Debatte in Richtung Finanzminister geraunt haben. Stich blieb unbeeindruckt. Die SP fand Gefallen.

Stich, der Querkopf

Gegen aussen kühl liess Stich auch die jahrelange Kampagne, die der Ringier-Verlag und dessen publizistisches Flaggschiff «Blick» gegen ihn führten. Stich verweigerte dem selbstverliebten Chefpublizisten Frank A. Meyer den Schmusekurs, den dieser vielen Politikern aufzwang. Eine Anfrage für ein Arbeitsessen soll Stich so beantwortet haben: «Erstens pflege ich beim Arbeiten nicht zu essen und zweitens beim Essen nicht zu arbeiten. Und drittens möchte ich beides ohne Frank A. Meyer tun.» Stichs Popularität stieg. Sogar beim «Blick». Denn er mutierte zusehends zum Anti-Blocher. Ausgerechnet er, der linke Querkopf. Stich war kein begnadeter Redner, kein Blender, kein Showman. Doch wenn er in der TV-«Arena» sprach, wurde es still. Man hätte ihn sonst auch gar nicht verstanden. Blocher, der schlagfertige Populist, musste schweigen und zuhören.

Immer wieder griffen die Moderatoren ein, damit der amtierende Finanzminister seine Argumente darlegen konnte, ohne dauernd unterbrochen zu werden. Kurz vor seinem Rücktritt liess sich Stich gar für eine Parteishow der SP einspannen. Einziges Ziel: Blocher und seine SVP zu neutralisieren. Die Fäden zog Parteichef Peter Bodenmann, viel jünger zwar und oft auch anderer Meinung als Otto Stich. Aber clever genug, den populären Bundesrat für die Partei ins Rampenlicht zu stellen. Der Plan ging auf, die SP gewann die Wahlen.

Zu Stichs Erfolgen gehörten der Beitritt zum Währungsfonds und die Einführung der Mehrwertsteuer. Den Lötschberg-Tunnel konnte er ebenso wenig verhindern wie das Beitrittsgesuch zur EU. So populär Stich am Ende seiner Amtszeit und darüber hinaus war: Viele hielten ihn für stur und unbelehrbar. «Ein Synonym für stur ist konsequent», sagte Stich. «Und ja: Ich bin sehr konsequent.»

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