Auffallend viele 18-Jährige bitten in der Schweiz um Asyl. Der Anteil junger Männer ist sowieso schon hoch. Der Ausreisser bei den 18-Jährigen über die letzten fünf Jahre lässt sich damit jedoch nicht erklären. Das Staatssekretariat für Migration (SEM) soll aus Minderjährigen ohne echte Papiere absichtlich Volljährige machen, vermutete der «Blick» in seiner Ausgabe von gestern. Er hat SEM-Zahlen der letzten fünf Jahre ausgewertet, die auch der «Nordwestschweiz» vorliegen (siehe Grafik).

Das Motiv: Erwachsene haben weniger hohe Schutzansprüche als Kinder. Einen volljährigen Asylbewerber kann die Schweiz also eher in sein Heimatland abschieben als einen Minderjährigen.

Die Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH) und das UNO-Kinderhilfswerk Unicef kritisieren das SEM. «In Gesprächen mit den Asylfachleuten des Bundes, in Interviews und an Fachtagungen – immer wieder haben wir auf die Unzuverlässigkeit der medizinischen Altersfeststellung hingewiesen», sagt Constantin Hruschka von der SFH.

Besonders problematisch finden die Hilfswerke die Methode, mit der das SEM das Alter von Asylbewerbern überprüft, der Handknochenanalyse (siehe Box rechts). Zur umstrittenen Methode würde viel zu rasch gegriffen, obwohl ein verbindlicher Entscheid von 2004 der damaligen Asyl-Rekurskommission festhält, dass solche Analysen nur mit äusserster Zurückhaltung gestattet sind.

Schummeleien bei Altersangabe

Tatsache ist: Bei Verfahrensbeginn sind Asylbewerber heute auf sich alleine gestellt, egal ob minderjährig oder nicht. Bei den Befragungen geht es unter anderem ums Alter. Genau dieser Umstand der fehlenden Unterstützung würde mit der Revision des Asylgesetzes korrigiert. Über sie stimmen wir im Juni ab. Hruschka von der Flüchtlingshilfe erhofft sich eine Besserung. Wegen der Rechtsvertreter, die die Asylbewerber von Beginn weg begleiten, wahlweise «Gratis-Anwälte» (SVP) oder «Beschleunigungsanwälte» (SEM) genannt.

«Der Rechtsvertreter wird dann dem Asylbewerber ab dem ersten Tag zur Seite stehen», pflichtet SEM-Sprecher Martin Reichlin bei. Niemand soll dann noch behaupten können, die Altersbestimmung falle hinter verschlossenen Türen.

Das neue Verfahren, wurde während der letzten anderthalb Jahre in Zürich getestet. Laut Reichlin wurden bis Ende November 2015 von 337 Asylbewerbern, die beim Eintritt als minderjährig galten, 195 nachträglich als volljährig eingestuft. Die Altersabklärung geschah unter den Augen des Rechtsbeistands. Für Reichlin ein Beleg dafür, dass die Praxis des SEM nicht verkehrt ist.

Zurück zu Alterszahlen des SEM. Sie können nicht über einen Kamm geschert werden. Schaut man sie sich nach Herkunftsländern an, so fallen Unterschiede auf: Bei Afghanen, Eritreern und Somaliern sind die Ausreisser bei den 18-Jährigen besonders deutlich. Weniger klar sind die Unterschiede bei den Nigerianern. Hier liegt der Peak bei den 22-Jährigen. Auch unter Syrern herrscht ein unklares Bild.

Umstände, die für Reichlin zeigen, dass im SEM nicht mutwillig an der Altersschraube gedreht wird. «Bei den Asylsuchenden aus Somalia ist die Schutzquote sowieso hoch, egal ob minderjährig oder nicht.» Hruschka von der Flüchtlingshilfe sieht das anders: «Somalier besitzen sehr selten Dokumente. Deshalb greift das SEM bei ihnen besonders oft auf die medizinische Methode zurück.»

Die Behörde erklärt die hohen Zahlen bei den 18-Jährigen so: Asylbewerbern werde automatisch Alter 18 zugewiesen, wenn ihre Angabe, minderjährig zu sein, mittels Altersüberprüfung korrigiert werden musste. «Unter den von uns als 18-Jährige gezählten Personen werden in der Realität viele 19- und 20-Jährige sein», so SEM-Sprecher Reichlin.
Den Vorwurf, aus Kindern Erwachsene zu machen, um sie rascher zurückschicken zu können, weist das SEM von sich.