Wildruhezonen
Luft für Skitourengänger wird dünner: Landet der Streit mit den Naturschützern bald vor Gericht?

Seit Juli 2012 dürfen nur noch die in den Karten des Bundesamts für Landestopografie vermerkten Routen begangen werden. Nun spitzt sich der Knatsch zwischen Naturschützern und Berggängern spitzt sich zu – möglicherweise beschäftigt er bald die Gerichte.

Jonas Schmid
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Die Fläche der Wildruhezonen nimmt stetig zu. Seit Juli 2012 dürfen von Skitourengängern nur noch die in den Karten des Bundesamts für Landestopografie vermerkten Routen benutzt werden. Stefan Hunziker/swiss-image

Die Fläche der Wildruhezonen nimmt stetig zu. Seit Juli 2012 dürfen von Skitourengängern nur noch die in den Karten des Bundesamts für Landestopografie vermerkten Routen benutzt werden. Stefan Hunziker/swiss-image

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Besonders im Winter kommen sich die Bedürfnisse von Wildtieren und Mensch in die Quere: Rehe, Hirsche und Gämsen benötigen dann viel Ruhe. Die Energie, die sie bei Störung durch den Menschen zur Flucht brauchen, fehlt ihnen zum Überleben. Umgekehrt schnallt sich der vom Hochnebel geplagte Städter gerne die Ski oder Schneeschuhe an, um sich in den Bergen zu erholen.

Diese Freizeitaktivitäten haben laut dem Bundesamt für Umwelt (Bafu) in den letzten Jahren stark zugenommen. Sie betreffen immer öfter auch abgelegene, unzugängliche Räume. Um den Wildtieren in sensiblen Gebieten die nötige Ruhe zu verschaffen, scheiden die Kantone Ruhezonen aus. Deren Fläche hat zuletzt zugenommen. Zusammen mit den Schutzgebieten (ehemals Jagdbanngebieten) machen sie rund zwölf Prozent des Berggebiets aus. Zehn Prozent davon sind rechtsverbindlich geschützt. Will heissen, wer sich nicht daran hält, kann gebüsst werden. Das Bafu und die kantonalen Jagdinspektorate stehen damit im Clinch mit dem Schweizer Alpen-Club (SAC) und dem Bergführerverband, die für einen freien Zugang zur Bergwelt kämpfen.

Glarus zu 27 Prozent unter Schutz

Der Konflikt spitzt sich zu. Seit Juli 2012 dürfen nur noch die in den Karten des Bundesamts für Landestopografie vermerkten Routen begangen werden. Manche Routen, die der SAC in seinen Führern beschreibt, gelten nicht mehr. «Wir sind ständig am ausloten, was noch möglich ist und was nicht», sagt René Michel vom SAC-Zentralvorstand. So stehe etwa der Kanton Glarus wegen neuer Ruhezonen bald zu 27 Prozent unter Schutz.

In Grindelwald führt die neue Regelung nun zum Aufstand der Bergführer. Sie wehren sich gegen die Sperrung dreier beliebter Skitouren am Schwarzhorn, das zwischen der Jungfrauregion und dem Haslital liegt. Der Streit beschäftigt möglicherweise bald die Gerichte, denn die Parteien sind weit von einer Einigung entfernt.

Das Berner kantonale Jagdinspektorat wies eine Beschwerde der Bergführer ab, mit der Begründung, diese seien dazu gar nicht legitimiert, da sie nicht beziffern könnten, wie hoch ihr Einkommensverlust sei. Die Bergführer widersprechen und legen in einem 20-seitigen Argumentarium dar, wie wichtig die drei Routen für ihren Erwerb sind. 80 000 Franken würde die gesamte Region pro Saison verlieren, so ihr Fazit. «Wir wollen gegen den willkürlichen Entscheid des Jagdinspektorats vor Gericht ziehen können», sagt Marc Ziegler vom Bergführerverein Grindelwald.

Die Argumente von Bund und Kanton für das Wildschutzgebiet seien wissenschaftlich nicht erhärtet. «Die Erfahrung zeigt, dass die Routen, die wir benützen, häufig viel Schnee aufweisen.» Gämsen hielten sich hingegen dort auf, wo wenig Schnee sei. «Wir stören sie also nicht», sagt Ziegler. Doch die Chancen auf Erfolg vor Gericht sind gering. Der Grund: 2015 haben die Bundesrichter entschieden, dass weder der Bergführerverband noch der SAC das Recht haben, sich gegen Wildruhezonen zu wehren. Ihre Betroffenheit sei nicht nachgewiesen, urteilten die Richter. Zudem liege die räumliche Flexibilität in der Natur des Bergführerstandes.

Die Politik soll helfen

Dass die juristischen Chancen gering sind, weiss Michel. Man wolle deshalb nun politisch aktiv werden, sagt er. «Das Bafu interpretiert seinen gesetzlichen Auftrag eigenwillig und kompromisslos.» Der naturnahe Tourismus müsse stärker in die Entscheide einbezogen werden. Einen Mitstreiter hat Michel im Urner FDP-Ständerat Josef Dittlin gefunden. Dieser verlangt in einem Vorstoss, dass die alte Regel, wonach die Skitouren auch anhand der SAC-Literatur definiert werden können, wieder aktiviert werden soll.

Seitens des Bundes wird eingewendet, dass die in der SAC-Literatur festgehaltenen Touren nie in einem transparenten Prozess erarbeitet worden sind, wie das bei den offiziellen Karten der Fall war. Entsprechend seien die Schutzbedürfnisse der Wildtiere darin nicht berücksichtigt.

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