Statistik

Lohndiskriminierung: Wo sich die Schweiz im europäischen Vergleich positioniert

In den skandinavischen Ländern herrschen die geringsten Lohnunterschiede vor. (Themenbild)

In den skandinavischen Ländern herrschen die geringsten Lohnunterschiede vor. (Themenbild)

Neue Zahlen zeigen erstmals das Ausmass der Lohndiskriminierung im europäischen Vergleich. Die Schweiz landet im Mittelfeld.

585 Franken: So gross ist der Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern mit identischer Ausbildung, Berufserfahrung und gleichem Jobprofil in der Schweizer Privatwirtschaft laut dem Bundesamt für Statistik (BFS). Im öffentlichen Sektor verdienen Männer sogar 608 Franken mehr als ihre weiblichen Mitarbeiterinnen mit identischem Profil.

Jene, die sich für Lohngerechtigkeit einsetzen, sprechen von Diskriminierung. Die Statistiker, die die Zahlen veröffentlichen, reden von «bereinigter Lohndifferenz». Erklärungen dafür, wieso zwei Menschen, die sich einzig punkto Geschlecht voneinander unterscheiden, derart unterschiedlich entlohnt werden, haben weder die Gerechtigkeitsaktivisten noch die Statistiker.
Der Kampf gegen die Lohndiskriminierung könnte aber bald neuen Auftrieb erhalten. Seit kurzem nämlich gibt es bereinigte Lohndifferenzstatistiken für alle EU-Mitgliedstaaten. Das lässt Vergleiche zu und demaskiert die schwarzen Schafe des Kontinents.

Die rechnerischen Argumente gegen die Lohndiskriminierung stellen die EU-Statistiker von Eurostat bereit. In einem Bericht an die europäische Direktion für Sozialstatistik hat Eurostat im Dezember 2017 erstmals entsprechende Zahlen vorgelegt.

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Sozialer Frieden gefährdet

Im Schnitt liegt der bereinigte Lohnunterschied in den untersuchten Ländern bei 11,2 Prozent. Die Schweiz liegt mit 9,9 Prozent auf dem mittelmässigen 11. von 29 Rängen. Die Zahl liegt leicht über den vom BFS berechneten 7,4 Prozent. Sabine Baumgartner gibt das zu denken. Die Sprecherin des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann sagt: «Diese Ungerechtigkeit hat Konsequenzen für die ganze Gesellschaft, weil sie weniger Einkommen für die Familie, tiefere Renten für Frauen, Wettbewerbsverzerrungen zwischen Unternehmen und eine Gefährdung des sozialen Friedens bedeutet.»

Problem ist vielen nicht bewusst

Das Problem sei den Firmen in der Schweiz selber oft gar nicht bewusst. «Die meisten Arbeitgebenden gehen davon aus, dass sie die Lohngleichheit einhalten», erklärt Baumgartner. «Nur die Durchführung einer Lohngleichheitsanalyse schafft Transparenz und zeigt auf, ob Frauen und Männer für gleichwertige Arbeit auch tatsächlich den gleichen Lohn erhalten.»
Hoffnung schöpft Baumgartner mit Blick auf ihren eigenen Arbeitgeber, den Bund.

Bundespräsident Alain Berset habe vor zwei Jahren die «Charta der Lohngleichheit im öffentlichen Sektor» lanciert, die Bund, Kantone und Gemeinden in die Pflicht nehme. Bisher haben neben dem Bund 13 Kantone und 26 Städte die Charta unterzeichnet, darunter der Kanton Basel-Stadt, der Kanton Zürich und die Städte Aarau, Baden und Olten. Die Kantone Aargau, Basel-Land und Solothurn gehören nicht zu den Unterzeichnenden.

Doch zurück aufs europäische Parkett: Den Spitzenplatz in Sachen Lohngleichheit belegt Belgien. Zwar verdienen Männer auch hier mehr als ihre weiblichen Pendants. Mit 1,8 Prozent ist der Unterschied aber so klein wie nirgendwo sonst.

Das überrascht selbst Hildegard Van Hove. Die Statistikerin am Belgischen Institut für die Gleichstellung von Frauen und Männern erklärt sich das gute Abschneiden ihres Heimatlandes so: «74 Prozent der Angestellten in Belgien sind Mitglieder einer Gewerkschaft. Ihre Löhne werden unabhängig vom Geschlecht in Gesamtarbeitsverträgen ausgehandelt.»

Vorbild Skandinavien

Wann die Schweiz zu den Topplatzierten wie Belgien, Schweden oder Norwegen aufschliessen wird, bleibt abzuwarten. Philipp Heller, Lohnexperte bei der Beratungsfirma Klingler Consultants, ist aber zuversichtlich, dass die Schweiz in die richtige Richtung steuert. «Der Staat nimmt aktuell beispielsweise dadurch Einfluss, dass er von Unternehmen, die sich um öffentliche Aufträge bewerben, einen Nachweis der Lohngerechtigkeit verlangt.» Genau diese proaktive Herangehensweise sei es, die etwa in Skandinavien dazu geführt habe, dass die Lohndiskriminierung dort stark zurückgegangen sei.

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