Herr Levrat, was hat Sie dazu bewegt, für die Kundgebung gegen den Terror nach Paris zu reisen?

Christian Levrat: Es ging mir vor allem darum, ein persönliches Solidaritätszeichen zu setzen. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass die Antwort auf den Terror mehr Demokratie, mehr Toleranz, mehr Menschlichkeit sein muss – um die Worte des norwegischen Premiers Stoltenberg nach dem Breivik-Massaker zu verwenden. Der Trauermarsch war gleichzeitig auch eine Gelegenheit, mich mit führenden Sozialdemokraten aus anderen Ländern auszutauschen.

Sie haben nach dem Attentat von Paris sofort Ihr Facebook-Profilbild ausgetauscht, nun dieser Marsch. Kommt Ihnen die Gelegenheit einfach gerade recht, damit Sie sich profilieren können? Es kann ja niemand ernsthaft gegen Medienfreiheit und Demokratie sein.

Keinesfalls, es geht mir um die Sache. Wir müssen jetzt aufpassen, dass wir nicht wie die USA nach dem 11. September 2001 die Freiheitsrechte der Bürger massiv einschränken.

Die Bevölkerung sehnt sich aber nicht in erster Linie nach mehr Freiheit, sondern nach mehr Sicherheit.

Es ist klar, es braucht ein Gleichgewicht. Man kann weder ganz auf Toleranz, noch ganz auf Sicherheit setzen. Es wäre blauäugig, nun keine repressiven Massnahmen zu beschliessen. Aber die Botschaft der Millionen Demonstranten war: Wir wollen unsere Werte verteidigen, die in den Menschenrechten verankert sind. Der Druck auf die freie Meinungsäusserung wird in Europa schon bald zunehmen. Dagegen müssen wir entschieden ankämpfen. Sonst spielen wir nur den Terroristen in die Hände.

Der Nationalrat diskutiert demnächst darüber, ob der Nachrichtendienst mehr Kompetenzen erhalten soll. Bislang waren Sie skeptisch. Ändern Sie Ihre Meinung angesichts des Terrors nun?

Die Tätigkeit des Nachrichtendienstes war in den vergangenen Jahren von dubiosen Vorgängen gekennzeichnet. Auch hinter die Führung setze ich Fragezeichen. Es muss nun zuerst Ordnung geschaffen werden, um das Vertrauen der Bevölkerung und auch der ausländischen Dienste zurückzugewinnen.

Sie winden sich.

Ich werde meine Position zum neuen Gesetz erst nach den parlamentarischen Beratungen festlegen.

Die Gründung eines Schweizer Ablegers von Pegida zeigt: Vom Terror profitieren letztlich die Rechtsaussen-Kräfte. Bereitet Ihnen das als SP-Präsident Bauchschmerzen?

Die Unterstützer dieser Bewegung sind eine ernstzunehmende Gefahr für den Zusammenhalt in der Schweiz. Sie sind die objektiven Verbündeten der Terroristen, da sie den Hass zwischen den Religionen nähren. Es braucht nun genau das Gegenteil.

Am Mittwoch erscheint die erste Ausgabe von «Charlie Hebdo» seit den Anschlägen. Kaufen Sie sich eine?

Selbstverständlich. Ich bin ein grosser Fan und kaufe mir das Heft seit meiner Studentenzeit jede Woche am Kiosk. Angesichts der grossen Nachfrage dürfte es heute schwieriger als sonst werden, ein Exemplar zu kriegen.

Auf Ebay kriegen Sie übrigens gutes Geld für alte «Charlie Hebdo»-Ausgaben.

Wirklich? Ach, wenn ich die nur jeweils aufbewahrt hätte! (Lacht)