Lawine
Lawinenunglück: Hätten die Bergbahnen Schneesportler davon abhalten sollen, die Piste zu befahren?

Ein Pistenretter tat seine Arbeit – und starb. Was lief schief in Crans-Montana? Wahrscheinlich ist: Die Piste war am Dienstagnachmittag offiziell offen.

Daniel Fuchs
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Der Schnee türmt sich auch nach den Sucharbeiten. Zum Glück gibt es keine Hinweise mehr, dass da noch jemand darunterliegt.

Der Schnee türmt sich auch nach den Sucharbeiten. Zum Glück gibt es keine Hinweise mehr, dass da noch jemand darunterliegt.

Mit voller Wucht trifft die Lawine am Dienstag um 14.23 Uhr im Skigebiet Crans-Montana VS auf die Piste. Menschen verschwinden in einer Schneewolke. Andere machen sich aus dem Staub. Wie derjenige Skifahrer, der das Ganze filmt. Sein Video kursiert nun online. Auf einer Einstellung ist kurz ein Motorschlitten zweier Patrouilleure zu sehen. Die beiden Pistenretter sind zur Bergung eines Verletzten ausgerückt, wie die Betreiberin der Bergbahnen gestern schrieb.

Patrouilleure und der Verletzte werden von der Lawine getroffen und mitgerissen. Alle drei sowie eine vierte Person können mit Verletzungen geborgen werden, einer der Retter, ein 34-jähriger Franzose, wird in lebensbedrohlichem Zustand ins Spital geflogen, wo er am Mittwochmorgen seinen schweren Verletzungen erliegt. Er hinterlässt eine Frau und zwei Kleinkinder.

War die Piste offen?

Eine Lawine trifft eine Piste voller Schneesportler – es ist das Worst-Case-Szenario eines jeden Pistensicherheitschefs. Was lief schief in Crans-Montana? Wahrscheinlich ist: Die Piste war am Dienstagnachmittag offiziell offen. Dafür spricht die hohe Zahl der Schneesportler, die sich auf der schwarzen Piste mit dem Namen «Kandahar» befanden. Üblicherweise befördert die Gondelbahn zum Startpunkt der Piste, der Plaine-Morte auf knapp 3000 Metern, keine Schneesportler mehr, wenn die einzige Piste talwärts geschlossen ist. Das ist insbesondere an frühlingshaften Tagen der Fall, typischerweise im März. Wie diese Zeitung jedoch berichtete, liess sich auch am Unglückstag auf der Website der Bergbahnen die Meldung abrufen, wonach die Piste um 12.15 Uhr geschlossen werden sollte. Zweifel sind gesät. War die Piste wirklich offen? Und wenn Ja, weshalb wurde sie entgegen des Online-Hinweises nicht geschlossen?

Adank Barbara

Wer nach Antworten sucht, stösst auf Widersprüche. Ein Mitarbeiter des Restaurants Les Violettes, wo Skifahrer auf die Gondel zur Plaine-Morte umsteigen, ist sicher: «Die Piste war den ganzen Tag offen am Dienstag. Auch an den Tagen davor.» Die Online-Info über die Schliessung der Piste um 12.15 Uhr aber taucht in einer erweiterten Google-Suche für die vergangenen Tage immer wieder auf. Wollte man die Piste schliessen, tat es aber trotzdem nicht? Die Bergbahn-Betreiberin bringt keine Klarheit in die Angelegenheit. Weder bei Fragen zum Pistenstatus noch zur Website. Sie verweist auf das laufende Verfahren durch die Walliser Justiz.

Möglich ist: Die Verantwortlichen haben die Situation nicht richtig eingeschätzt und fälschlicherweise darauf verzichtet, die Piste zu schliessen. Ein Indiz dafür liegt in den Bulletins des Schnee- und Lawinenforschungsinstituts SLF in Davos. In den vergangenen Tagen warnte es im Gebiet Crans-Montana oberhalb von 2500 und in Südlagen am Nachmittag explizit vor Nassschnee- und Gleitschneelawinen. Für Montag, dem Tag vor dem Unglück, sogar mit Gefahrenstufe 3 von 5, also «erheblich». Am Dienstag dann setzte das SLF die Gefahrenstufe auf 2 «mässig» zurück. Die Verantwortlichen von Crans-Montana aber schlossen die Piste auch am Montag wahrscheinlich nicht. Trotz höherer Gefahr.

Ähnlicher Vorfall am Schilthorn

Anderswo jedenfalls handelten Bergbahnen vorsichtiger. Zum Beispiel am Schilthorn im Berner Oberland, wo wie in Crans-Montana eine einzige exponierte Piste die obere Sektion des Skigebiets mit der unteren verbindet. Letzten Samstag um 12.30 Uhr ging auf diese schwarze Piste mit dem Namen «Kanonenrohr» ebenfalls eine Nassschneelawine nieder. Die Piste war um 12 Uhr geschlossen worden, keine Schneesportler wurden verschüttet. Der Schilthornbahn-Direktor Peter Egger schreibt: «Das Kanonenrohr wurde auch am 19. Februar um 12 Uhr geschlossen.» Also am Tag des Unglücks in Crans-Montana.

Lawinenniedergang in Crans Montana VS
22 Bilder
Bei einem Lawinenabgang im Skigebiet von Crans-Montana im Unterwallis sind mindestens vier Menschen verletzt worden.
Davon befindet sich eine Person Lebensgefahr. Drei sind leicht verletzt.
Ob es weitere Vermisste gab, ist unklar – die Polizei geht aber davon aus.
Der Kommandant der Kantonspolizei Wallis, Christian Varone, informierte an einer Medienkonferenz am Dienstagabend.
Die Polizei richtete für Angehörige eine kostenlose Helpline unter der Nummer 0848 112 117 ein.
Im Einsatz stand rund 240 Rettungskräfte von Polizei, Rettungskolonnen, Armee sowie Sanitätern.
Weiter befanden sich acht Helikopter und zwölf Lawinenhunde vor Ort.
Die Lawine löste sich gegen 14.15 Uhr an einem Hang in der Region La Plaine Morte, dem höchstgelegenen Bereich des Skigebiets Crans-Montana.
Die Piste Kandahar wurde dabei auf einer Länge von etwa 400 Metern verschüttet.
Insgesamt hatte der Schneekegel ein Ausmass von einer Länge von 840 Metern und einer Breite von 100 Metern.
Eine Lawine im Skigebiet von Crans-Montana VS hat am Dienstag mehrere Personen mitgerissen.
Beim Lawinenniedergang auf eine gesicherte Skipiste oberhalb von Crans-Montana VS sind am Dienstagnachmittag mindestens vier Personen verletzt worden
Dies gab die Kantonspolizei Wallis am Dienstag um 19 Uhr vor den Medien in einer vorläufigen Bilanz bekannt.
Insgesamt hatte der Schneekegel ein Ausmass von einer Länge von 840 Metern und einer Breite von 100 Metern.
Der Lawinenabgang ereignete sich am frühen Nachmittag in der Region La Plaine Morte. Laut Polizeiangaben wurde die Piste Kandahar auf einer Länge von 300 Metern verschüttet.
Medienkonferenz am Dienstagabend zum Lawinenniedergang in Crans Montana mit Staatsrat Frederic Favre (l.) und Christian Varone, Kommandant der Kantonspolizei Wallis (r.)
Medienkonferenz am Dienstagabend zum Lawinenniedergang in Crans-Montana: Staatsrat Frederic Favre.
Medienkonferenz am Dienstagabend zum Lawinenniedergang in Crans-Montana: Bergbahn-Direktor Philippe Magistretti (l.) und Staatsrat Frederic Favre (r.)
Medienkonferenz am Dienstagabend zum Lawinenniedergang in Crans-Montana.
Medienkonferenz am Dienstagabend zum Lawinenniedergang in Crans-Montana: Bergbahn-Direktor Philippe Magistretti (l.) und Marius Robyr, OK-Präsident des Skirennen in Crans-Montana
Medienkonferenz am Dienstagabend zum Lawinenniedergang in Crans-Montana: Jean-Marc Bellagamba, Rettungsdienst-Chef des Kantons Wallis.

Lawinenniedergang in Crans Montana VS

Le Nouvelliste

Ob eine Piste freigegeben ist oder nicht, gehört hinsichtlich Haftung zu den entscheidenden Fragen. Ebenso entscheidend ist, ob Schneesportler abseits der Piste die Lawine ausgelöst haben oder ob sich diese spontan löste. In letzterem Fall wäre massgebend, ob der Lawinenabgang voraussehbar gewesen wäre oder nicht. Alles Fragen, mit denen sich die Walliser Justiz nun befasst.

Im Skigebiet von Crans-Montana stehen heute Nachmittag um 14.23 Uhr die Bahnen für eine Minute still. Im Gedenken an den verstorbenen Pistenretter. Es grenzt an ein Wunder, dass keine weiteren Menschen den Tod fanden.

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