Nuklearsicherheit
Kommunikatives Durcheinander beim Ensi

Die Atomkatastrophe von Fukushima hat das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) auf Trab gebracht. Doch mit seiner Krisenkommunikation macht das Ensi keine gute Figur.

Drucken
Teilen
Ensi-Direktor Hans Wanner mit Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey

Ensi-Direktor Hans Wanner mit Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey

Keystone

«Je länger, umso verworrener wird das Ganze, für uns ist es schwierig, die Sachlage einzuschätzen», sagt Jürg Buri, Geschäftsleiter der atomkritischen Schweizerischen Energie-Stiftung. Und SP-Nationalrat (BL) und Atomkritiker Eric Nussbaumer spricht von einem «kommunikativen Durcheinander».

Tatsächlich waren die Ensi-Stellungnahmen der letzten Tage alles andere als einheitlich: Anfang letzter Woche räumte Vize-Direktor und Anlagentechnik-Abteilungsleiter Georg Schwarz gegenüber dem Schweizer Fernsehen ein, dass die AKW in Mühleberg und Beznau auf Jahre hinaus nicht ausreichend vor schweren Erdbeben geschützt seien.

Keine verbindlichen Aussagen

Zwei Tage später sorgte Ensi-Direktor Hans Wanner für Aufsehen, als er gegenüber «10 vor 10» verlauten liess, dass die Sicherheitsanforderungen wegen Fukushima neu bewertet werden könnten und eine solche Neubewertung Konsequenzen für den Weiterbetrieb gewisser AKW haben könnte. Dass das AKW Mühleberg vom Netz genommen werden müsste, schloss er nicht aus. Tags darauf schaltete sich die Mühleberg-Betreiberin BKW ein, die die Aussagen von Wanner relativierte. Und gleichentags hielt Ralph Schulz, der Leiter der Abteilung Sicherheitsanalysen, fest, dass zu allfälligen Schliessungen von Schweizer AKW keine raschen Entscheide zu erwarten seien.

Am Freitag dann drückte das Ensi plötzlich wieder aufs Gaspedal: Bis Ende März müssen die AKW-Betreiber aufzeigen, dass ihre Kraftwerke sicher betrieben werden können. Und schliesslich liess sich am Wochenende im «Der Sonntag» noch Georges Piller, Leiter der Abteilung Strahlenschutz, zitieren: «Wenn ein Werk nicht beweisen kann, dass Erdbeben und Hochwasser bewältigt werden können, wird es abgeschaltet – am 1. April oder in den darauf folgenden Tagen.»

Wieso kommt Druck erst jetzt?

«Dass das Ensi nun vorwärts macht, ist zwar richtig», sagt Nussbaumer. Aber man müsse sich schon fragen, weshalb dieser Druck auf die AKW-Betreiber erst jetzt komme. Aufgrund der «Pegasos-Studie» wisse man seit 2007, dass die Erdbebengefährdung in der Schweiz viel grösser sei als angenommen. Trotzdem sei seither kaum etwas unternommen worden. «Nun haben wir 2011, das geht viel zu langsam», meint der SP-Nationalrat. Ins selbe Horn stösst Jürg Buri: «Das Ensi geht mit Samthandschuhen mit den AKW-Betreibern um», sagt er. Gerade beim AKW Mühleberg befinde man sich bezüglich Erdbebensicherheit «im Blindflug». Die Hoffnung, dass das Ensi am Ende eine Abschaltung von Mühleberg verfügt, mag Buri zwar nicht begraben, doch dieses Szenario hält er für unwahrscheinlich, «weil sich das Ensi damit diskreditieren würde». Denn die Reaktoren sind dieselben wie vor «Japan». «Müssten sie jetzt plötzlich vom Netz, so hätte dies schon lange vorher geschehen müssen», meint Buri.

Neuste Ensi-Information: AKW müssen neue Auflagen erfüllen

Die Schweizer Atomkraftwerke müssen nach dem Unfall in Japan erste neue Auflagen erfüllen. Ensi-Direktor Hans Wanner erläuterte diese gestern in Bern. Dabei geht es insbesondere um die Lagerbecken für Brennelemente. Die AKW-Betreiber müssen zeigen, dass sie diese im Notfall kühlen könnten. Falls sie diesen Nachweis nicht erbringen können, wäre dies aber kein Grund für eine sofortige Abschaltung, sagte Wanner. Eine fehlende Notkühlung sei keine «unmittelbare Gefahr». Eine sofortige Abschaltung schliesst Wanner zwar nicht aus. Eine solche würde das Ensi aber nur beschliessen, wenn die Sicherheit im Normalbetrieb gefährdet wäre.(Ruedi Studer/sda)

Aktuelle Nachrichten