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Klassentreffen: Die alten Krokodile melden sich zurück

Christian Blickenstorfer

Christian Blickenstorfer

Pensionierte Spitzendiplomaten des Eidgenössischen Departements des Äusseren (EDA) mischen mit einem Club die Schweizer Aussenpolitik auf. Die alten Netzwerke funktionieren immer noch bestens.

Gerufen hatten pensionierte Schweizer Diplomaten wie Christian Blickenstorfer, der ehemalige Botschafter in Washington und Berlin, und Werner Baumann, zuletzt Botschafter in Ottawa. Und alle kamen, Franz Blankart, Carlo Jagmetti, Max Schweizer und all die anderen bekannten «Krokodile», die Spitzendiplomaten des Eidgenössischen Departements des Äusseren (EDA).

Die Stimmung ist gelöst wie bei einem Klassentreffen. Die alten Herren tragen Krawatte und Anzug, sie begrüssen einander herzlich und sie verfallen sofort in den Smalltalk, den sie jahrzehntelang professionell pflegten.

Bankgeheimnis verschenkt

An der Universität Zürich diskutierten die beiden Alt-Botschafter Blickenstorfer und Baumann am Dienstagabend 90 Minuten lang über die Schweizer Aussenpolitik nach der Ära Calmy-Rey. Baumann lobte den Schweizer Auftritt in der UNO, wo sich das junge Mitglied seit 2002 mit geschickt vorgetragenen, originellen Ideen und cleveren Allianzen internationalen Respekt verschafft habe.

Er kritisierte aber das störrische Festhalten des Bundesrates am Bankgeheimnis und glaubt: «Wir hätten für die Preisgabe des Bankgeheimnisses ein Gegengeschenk erhalten können.» Sein Kollege Blickenstorfer betonte, er und andere Botschafter in wichtigen Hauptstädten hätten die Zentrale seit Jahren darauf aufmerksam gemacht, dass die Unterscheidung zwischen Hinterziehung und Betrug ausserhalb der Schweiz nicht verstanden werde. Auch er denkt, die Schweiz hätte für die Aufgabe des Bankgeheimnisses von den USA eine Gegenleistung aushandeln können, wenn Bern früher auf die Warnungen der Diplomaten auf den Aussenposten gehört hätte.

Am Beispiel des mächtigen Akteurs G-20, wo die Schweiz nicht Mitglied ist, wies Baumann auf den kontinuierlichen Machtverlust der Schweiz in den letzten 20 Jahren hin. «Die Schweiz ist heute eine wirtschaftliche Mittelmacht und politisch ungenügend vernetzt», kritisierte der Alt-Botschafter. Die wichtigsten aussenpolitischen Partner der Schweiz, die europäischen Nachbarn und die USA, würden sich regelmässig treffen, im Rahmen der EU, der Nato und der G-20 – allerdings immer ohne die Schweiz. «Wir sind draussen vor der Türe», so Baumann.

Gefragt nach dem idealen Nachfolger von Micheline Calmy-Rey, gab Podiumsteilnehmer Nicola Forster, der umtriebige Präsident der aussenpolitischen Denkfabrik «foraus», die ehrlichste Antwort. Er hoffe auf einen bürgerlichen Aussenminister, so der junge Politologe, und merkte an, dass Didier Burkhalter der Vize von Calmy-Rey und in seinem jetzigen Departement offenbar nicht allzu glücklich sei.

Berset, der «verhinderte Diplomat»

Forster erklärte aber politisch korrekt, auch der SP-Kandidat Alain Berset wäre durchaus ein valabler Aussenminister. «Er hat ja die diplomatische Aufnahmeprüfung, den Concours, erfolgreich bestanden und ist damit eigentlich ein verhinderter Diplomat», so Forster. Alt-Botschafter Blickenstorfer ergänzte undiplomatisch, ein SVP-Aussenminister wäre «nicht zielführend», das gäbe bloss «unnötigen Reibungsverlust». Er relativierte aber die Personalfrage generell: «Die Aussenpolitik wird vom Gesamtbundesrat gemacht. Es spielt keine Rolle, aus welcher Partei der EDA-Vorsteher kommt.»

Bundesräte kommen und gehen

Christian Blickenstorfer fügte schelmisch an: «Bundesräte kommen und gehen. Die Schweizer Aussenpolitik wird vom diplomatischen Apparat getrieben.» In der Verwaltung seien die Detailfachkenntnisse nun einmal am grössten.

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