Die neue Generation wird unter anderen Bedingungen unterrichtet als ihre älteren Geschwister. Grund dafür sind die steigenden Schülerzahlen. Sie werden historische Höchstwerte erreichen. Die Folge: Die durchschnittliche Klassengrösse von 19 Kindern steigt. Darin sind sich Bund, Lehrer und Experten einig.

Doch selbst Klassen von 21 Schülern werden den Anstieg nicht komplett auffangen können. Schon heute suchen die Kantone dringend neue Lehrkräfte. Der oberste Lehrer der Schweiz, Beat Zemp, warnt deshalb vor einem Lehrermangel: «Im Vergleich zu 2015 werden 2025 fast 120 000 zusätzliche Schülerinnen und Schüler in den Klassenzimmern sitzen», sagt er. «Das wird ein massiver Zuwachs.» Hinzu kommt, dass viele Pädagogen bald in Pension gehen.

Teilzeitverbot in Genf

Ein weiterer Trend verschärft die ohnehin angespannte Situation: Der Lehrerberuf ist zum Teilzeitjob geworden. Arbeiteten Primarlehrer vor 20 Jahren meistens Vollzeit, ist das längst nicht mehr der Fall. Die Erstklässler haben zwar einen Klassenlehrer oder eine Klassenlehrerin, sie sind aber nicht mehr jeden Tag an der Schule. Frauen und Männer mit kleineren Pensen füllen die Lücke.

Spitzenreiter ist der Aargau. In keinem anderen Kanton arbeiten mehr Lehrer Teilzeit. Gemäss Bildungsbericht 2018 unterrichtet fast die Hälfte der Aargauer Primarlehrerinnen und -lehrer in einem Pensum unter 50 Prozent. Auch in Luzern, Solothurn oder Bern sind die Pädagogen öfter in tiefen Pensen beschäftigt (siehe nachfolgende Tabelle).

Ganz anders im Kanton Genf. Dort arbeiten Primarlehrer fast immer Vollzeit. Das ist kein Zufall, denn die Stellen werden entweder zu 100 Prozent oder im Jobsharing (2 mal 50 Prozent) ausgeschrieben. Der Kanton hat diese Regelung durchgesetzt, um einen Lehrermangel zu verhindern. Es ist faktisch ein Teilzeitverbot.

Nun könnte das Modell auch in anderen Regionen zum Vorbild werden. Es wäre die wohl effektivste Art, den Lehrermangel zu beheben. Denn Quereinsteiger und Studenten auszubilden, kostet viel Geld. «Würde jede Lehrkraft ihr Pensum um nur 10 Prozent erhöhen, gäbe es keinen Lehrermangel», sagt Stefan Wolter, Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung und Professor an der Universität Bern.

«Wenn sich der Lehrermangel verschärft, müssen die Kantone über ein Pflichtpensum diskutieren.» Nur noch Vollzeit-Stellen anzubieten, wäre laut Wolter allerdings kontraproduktiv. Das würde eine Kündigungswelle auslösen. Ein Mindestpensum von 50 bis 60 Prozent sei allerdings vorstellbar.

Das Modell hat bereits einige Befürworter. Für Rolf Dubs, renommierter Pädagoge und emeritierter Professor der Universität St. Gallen (HSG), ist die Teilzeit-Kultur ein Fehler: «Auf der Primarstufe sollten Teilzeitstellen komplett vermieden werden», sagt er. Dabei geht es nicht um Massnahmen zur Überwindung des Lehrermangels, sondern um die soziale und emotionale Beziehung der Lehrerinnen und Lehrer zu ihren Schülern.

Frauenfeindliche Regel?

«Ein gutes Verhältnis zwischen Kind und Lehrer ist entscheidend für den schulischen Erfolg», sagt er. Die Kleinen müssten spüren, dass ein Klassenlehrer ständig für sie da ist. Dieses Vertrauen sei schwierig zu vermitteln, wenn sich mehrere Lehrer eine Stelle teilen. Zudem würden auch Schulreisen und andere Aktivitäten darunter leiden. «Dass immer weniger Klassen- oder Skilager durchgeführt werden, liegt auch daran, dass sich niemand mehr dafür verantwortlich fühlt.»

Ganz neu ist die Idee des Teilzeitverbots nicht. 2013 kündigte der Kanton Freiburg an, Kleinpensen von 20 oder 30 Prozent für Lehrer zu verbieten. Es folgte ein Aufschrei der Lehrer. Als kontraproduktiv und frauenfeindlich bezeichnete Lehrerpräsident Zemp das Vorhaben, weil vor allem Frauen als Primarlehrerinnen davon betroffen waren. Der Kanton gab wegen des öffentlichen Drucks nach. Die Situation war allerdings eine andere: Die Schülerzahlen sanken damals noch.

Zemp weist darauf hin, dass die Vollzeitpensen heute nicht immer freiwillig reduziert werden. Oft sei es der letzte Ausweg, weil die Arbeitsbelastung für Lehrpersonen deutlich gestiegen sei. Deshalb kann er dem Genfer Modell nichts abgewinnen. «Würde man diese unflexible Regelung schweizweit einführen, dann könnten wir das Bildungssystem in der heutigen Form nicht aufrechterhalten.»

Rund 70 Prozent der Lehrer in der Schweiz arbeiten Teilzeit. Dass die Sonderregelung in der Westschweiz funktioniert, hat laut Zemp einen einfachen Grund: «Genf bezahlt die höchsten Löhne für Primarlehrpersonen und kann es sich daher leisten, eine solche Vorgabe zu machen.»

Der Lehrerpräsident hält deshalb andere Massnahmen für sinnvoller. Der Verband unterstützt das Vorhaben, mehr Männer für die Primarschule zu gewinnen. Der Bedarf ist gross, wie Zahlen des Bundes zeigen. So werden die Kantone Basel-Stadt, Graubünden oder Thurgau über die nächsten Jahre bis zu 20 Prozent zusätzliche Primarlehrer benötigen, wie Zahlen des Bundes zeigen. Dabei droht die Lage schon heute zu eskalieren. Ein Lehrerstreik wurde beispielsweise in Baselland kürzlich nur knapp abgewendet.

Bei der Anpassung der Pensen bleibt Zemp vorsichtig. Falls sich die Situation aber verschlechtern sollte, werde der Verband bei seinen Mitgliedern für eine Aufstockung der Pensen werben. «Aber natürlich auf freiwilliger Basis.»