Kirchenrecht
«Helvetia predigt!» Kirchenfrauen rufen zum Widerstand auf – wie sie die Kanzel erobern

In der katholischen Kirche dürfen eigentlich nur geweihte Männer predigen. So steht es im Kirchenrecht. Doch jetzt rufen Kirchenfrauen auch katholische Seelsorgerinnen dazu auf, am 1. August zu predigen. Das Motto lautet: «Helvetia predigt!»

Kari Kälin
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Das Geschlecht verwehrt den Zugang zu Ämtern: eine Katholikin vor einem Mariabild.

Das Geschlecht verwehrt den Zugang zu Ämtern: eine Katholikin vor einem Mariabild.

Bild: ap/Keystone

Sie wirken als Pastoralassistentinnen, gestalten Gottesdienste, besuchen Kranke, erteilen Religionsunterricht: Ohne Frauen käme die Seelsorge zum Erliegen. In der katholischen Kirche bleibt ihnen aber allein wegen des Geschlechts der Zugang zu diversen Ämtern verwehrt. Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass Rom bald Frauen zu Priesterinnen weihen lässt.

Den Unmut über die Ungleichbehandlung haben Kirchenfrauen schon beim nationalen Frauenstreiktag vor zwei Jahren auf die Strasse getragen. Jetzt lancieren Kirchenfrauen, unterstützt vom Schweizerischen Katholischen Frauenbund und von den Evangelischen Frauen Schweiz, ein Projekt für mehr Gleichstellung. Unter dem Motto «Helvetia predigt!» rufen sie Pfarreien und Kirchgemeinden dazu auf, Frauen am Sonntag, 1. August, als Predigerinnen einzuplanen.

Ab sofort können Pfarreien und Kirchgemeinden Gastpredigerinnen buchen. Die Liste mit den Kandidatinnen wird laufend aktualisiert. Melden können sich Theologinnen, Seelsorgerinnen, reformierte Pfarrerinnen und andere interessierte Rednerinnen. Fast 30 haben schon zugesagt.

Das Kirchenrecht behält die Predigt Männern vor

Bloss: In der katholischen Kirche dürften sich Frauen gar nicht von der Kanzel ans Volk wenden. Das Predigen, im Fachjargon Homilie, ist gemäss dem Kirchenrecht bei der Eucharistiefeier ausschliesslich geweihten Männern vorbehalten, also Priestern und Diakonen. Im letzten Juli rief der Vatikan die Predigtregeln in einer Instruktion explizit in Erinnerung.

Demnach dürfen so genannte «Laien» zwar in einer Kirche oder Kapelle predigen, wenn dies die Umstände, die Notwendigkeit oder der besondere Fall erforderten. «Während der Feier der Eucharistie dürfen sie jedoch die Homilie auf keinen Fall halten.» So gesehen, rufen die Kirchenfrauen aktiv dazu auf, das Kirchenrecht zu missachten.

Darüber scheint sich aber hierzulande niemand wirklich aufzuregen. Im Gegenteil. Felix Gmür, Bischof des Bistums Basel und derzeit Präsident der Schweizer Bischofskonferenz, kritisierte das Schreiben aus Rom ungewöhnlich scharf als theologisch defizitär – nicht nur wegen der Passage zur Homilie. «Ohne die «Laienpredigt» könnten viele Gottesdienste nicht mehr stattfinden», sagt Hansruedi Huber, der Sprecher des Bistums Basels. Der Bischof freue sich deshalb über die Frauenpredigt. Gmür zeigt sich generell offen für Frauenanliegen. Das bekräftigte er kürzlich in einem Tweet.

Das Bistum Chur mit seiner konservativen Führungsriege äusserte sich in der Vergangenheit ablehnend gegenüber predigenden Frauen und Männern ohne Weihe. Kurz vor der Einsetzung des neuen Bischofs Joseph Bonnemain lässt sich das Bistum aktuell nicht zu diesem Thema vernehmen.

Frauen sind von der Kanzel nicht mehr wegzudenken

In den Bistümern Basel und St. Gallen, aber auch in vielen Kirchgemeinden des Bistums Chur, legen Frauen seit Jahrzehnten die Heilige Schrift aus. Kurzum: Predigerinnen sind im kirchlichen Alltagsleben gar nicht mehr wegzudenken, römische Direktiven hin oder her. Ein Grund ist der Priestermangel. Der Frauenbund verlange mit «Helvetia predigt!» nichts, das nicht schon gelebt würde, sagt Silvia Huber vom katholischen Frauenbund.

«Wir wollen den Frauen mehr Sichtbarkeit verleihen. Als ausgebildete Theologinnen können sie die Bibeltexte genauso gut auslegen wie Männer», sagt Huber. Sie feilt schon jetzt an Textbausteinen für die Predigt vom 1. August.

Die Schweizer Bischofskonferenz hat der gelebten Realität schon lange Rechnung getragen. Im Jahr 2005 formulierte sie in einem Dokument Regeln für Predigten und räumte nicht geweihten Männern und Frauen Spielraum ein – auch zur Entlastung der immer weniger und älter werdenden Priester. Allerdings baten die Bischöfe, daraus kein eigentliches Predigtrecht der Pastoralassistentinnen und -assistenzen abzuleiten, ein Recht, welches ihnen nicht zukomme. Priester und Diakone seien kraft ihrer Weihe die ersten Verkündiger des Evangeliums in den Pfarreien, und sie sollen diesen Auftrag auch regelmässig erfüllen.

In Rom gibt es Verständnis für die «Notlösung»

Diesen Kompromiss stellte die Bischofskonferenz damals dem Vatikan vor. Gemäss der NZZ zeigte Rom Verständnis für diese «Notlösung», befürchtete aber auch, die Ausnahme könnte zum Normalfall werden. Was sie schon längst geworden ist, ohne dass der Papst eingeschritten wäre. Er duldet offenbar die zum Gewohnheitsrecht avancierte Praxis