Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) sehen sich nach der Tötung der beiden Kinder in Flaach heftigen Vorwürfen ausgesetzt. Nun kontert Guido Marbet, der Präsident der Konferenz für Kindes- und Erwachsenenschutz, die Kritik. Es gebe zwar Verbesserungsbedarf, aber niemand müsse Angst haben vor der Kesb.

Von der Heftigkeit der Kritik sei er überrascht, und sie sei in diesem Ausmass auch nicht nachvollziehbar. Da das neue Recht erst seit zwei Jahren bestehe, gebe es in vielen Fragen noch Unsicherheiten. Ausserdem seien die Behörden völlig überlastet, sagte Marbet in Interviews mit dem «SonntagsBlick» und der «NZZ am Sonntag».

«Auch unter dem alten Recht»

Die 146 Kesb müssten jährlich rund 125 000 Verfahren bearbeiten, die meisten davon allerdings im Bereich Erwachsenenschutz. Viele Behörden machten seit zwei Jahren nur Überlebensübungen und brauchten einfach mehr Personal. Das ganze System werde derzeit umgewälzt. Die Skepsis gegenüber der neuen Organisation sei verständlich. Jetzt würden jedoch tragische Einzelfälle, die es auch unter dem alten Recht gab, hochstilisiert.

Dass die SVP die Kesb eine «Stasi-Behörde» nennt, erschüttere ihn. Diese Aussage diffamiere die riesige Aufbauarbeit der Mitarbeitenden. Bevor eine Kesb handle, müsse immer erst eine Gefährdungsmeldung durch Schulen, Spitäler, Sozialdienste oder Polizei vorliegen. Erst danach prüfe die Kesb die Notwendigkeit von Sofortmassnahmen.

Alle Betroffenen werden von der Kesb angehört, auch die Kinder. Das sei eine klare Verbesserung gegenüber dem alten Recht. Gleichzeitig räumt Marbet jedoch auch Verbesserungsbedarf ein, beispielsweise müsse die Schwelle für Gefährdungsmeldungen klar sein. Für die Antwort auf die Frage, wann die Kesb eingeschaltet werden müsse und was im Bereich von Schule und Sozialdiensten in den Gemeinden gelöst werden könne, brauche es Richtlinien. An diesen werde zurzeit gearbeitet.

«Pikettdienst enorm wichtig»

Verbesserungsbedarf sieht Marbet auch bei der Kommunikation. So müsse an der Verständlichkeit der Entscheide gearbeitet werden, und sie sollten den Betroffenen mündlich erklärt werden. Dies sei jedoch Aufgabe der Beistände und Anwälte der Betroffenen. Sie hätten den Auftrag zu erklären, was passiert ist.

Wünschenswert sei sicher ein Pikettdienst, den es in vielen Kantonen gebe. Ein Pikettdienst sei «enorm wichtig» sagt auch Marc Graf, Psychiater und Leiter der Forensischen Klinik der Universitären Psychiatrischen Kliniken in Basel, in einem Interview mit der «SonntagsZeitung». Man müsse alle Schwellen senken, die dazu führten, dass Informationen über eine Gefährdung von Kindern verloren gingen.

Bereitschaft wird kleiner

Die Mitarbeiter trügen eine enorme Verantwortung. Wenn man sie dann, wie nach dem Fall Flaach, unter Polizeischutz stellen müsse, werde die Bereitschaft, solche Aufgaben zu übernehmen, immer kleiner.

Die Forderung aus der Politik, die Kesb abzuschaffen und die früheren Laiengremien wiedereinzuführen, lehnt Graf strikt ab. Er sei selbst in einer kleinen Gemeinde Vertretungsbeistand für Kinder gewesen. «Und ich habe völlige Inkompetenz und Hilflosigkeit aufseiten der Behörden erlebt. Das war nicht Boshaftigkeit. Sie waren einfach überfordert.»

Eltern sollen gewerbsmässigen Betrug begangen haben

Dass die Kesb im Fall Flaach eingegriffen hat, dafür gab es offenbar Gründe: Das Paar soll vom gewerbsmässigen Betrug gelebt zu haben. Gegen die beiden laufen mehrere Betreibungen. Gemäss «Sonntagszeitung» verkaufte der Vater der getöteten Kinder auf einer Auktionsplattform im Internet iPhones, lieferte aber nie welche.