Jubiläum
Juden in der Schweiz und ihr langer Weg zur Emanzipation

Seit genau 150 Jahren sind die Schweizer Juden gleichberechtigte Schweizer Bürger. Am Sonntag wurden sie anlässlich des Jubiläums von Bundespräsident Johann Schneider-Ammann gewürdigt.

Simon Erlanger
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Jüdische Buben feiern in Zürich auf offener Strasse Purim. Sie haben sich mit traditionellen Männerkostümen verkleidet. Damit dieses religiöse Fest auch in der Öffentlichkeit abgehalten werden konnte, brauchten die Schweizer Juden einen langen Atem und viel Ausdauer.

Jüdische Buben feiern in Zürich auf offener Strasse Purim. Sie haben sich mit traditionellen Männerkostümen verkleidet. Damit dieses religiöse Fest auch in der Öffentlichkeit abgehalten werden konnte, brauchten die Schweizer Juden einen langen Atem und viel Ausdauer.

KEYSTONE

Es war ein knapper Entscheid: Mit 170 000 gegen knapp 150 000 Stimmen nahm am 14. Januar 1866 eine Mehrheit der damals nur männlichen Schweizer Stimmbürger die Teilrevision der erst 18 Jahre alten Bundesverfassung an. Es ging um die Gleichstellung der Schweizer Juden. Die Tatsache, dass den zum Teil seit Jahrhunderten ansässigen Schweizer Juden vom jungen liberalen Bundesstaat die vollen Bürgerrechte vorenthalten wurden, hatte zusehends für Irritation gesorgt.

Der radikal-liberale Bundespräsident Jakob Dubs beschrieb dies 1864 folgendermassen: «Wenn wir da einen Ausblick tun auf die Welt, so finden wir mit Beschämung, dass wir in dieser Judenfrage allein stehen oder in einer Gesellschaft, die fast noch schlimmer ist als das Alleinsein. Wir sind zum Fingerzeig der europäischen Gesellschaft geworden und man hat uns in Acht und Bann getan. Kein Staat will mehr einen Vertrag mit uns schliessen, wodurch wir einen Teil seiner Bürger zurücksetzen. Ohne grossen Schaden an unserer Ehre und an unseren Interessen ist dieser Zustand unhaltbar geworden. Schreiten wir deshalb zu dessen Beseitigung.» Zwölfeinhalb Kantone folgten Dubs und sagten Ja, zehneinhalb Kantone lehnten die Gleichstellung der Juden ab. Es waren die Romandie und die städtisch geprägten reformierten Kantone, die zustimmten. Die katholisch-konservativen Kantone lehnten ab. Ausnahmen waren das ablehnende Bern und das zustimmende Obwalden.

Mit der Abstimmung vom Januar 1866 fand eine jahrzehntelang dauernde Kontroverse ihr Ende. Die Schweizer Juden kamen in den Genuss der Bürgerrechte mit Freizügigkeit, Handels-, Gewerbe- und Niederlassungsfreiheit. Es dauerte aber nochmals bis zur Verfassungsrevision von 1874, bis auch die Glaubensfreiheit gewährleistet war. Seinen Abschluss fand der Emanzipationsprozess erst 1879 mit der Gewährung der Ortsbürgerrechte an die Juden der aargauischen Dörfer Endingen und Lengnau.

Sieben Jahrzehnte Kampf

Dort, im Surbtal, hatte alles begonnen. Seit dem 17. Jahrhundert waren Juden in diesen Gemeinden ansässig und geduldet, nachdem sie – mit Ausnahme der Gebiete des Bistums Basel im Dorneck und im Leimental – im Laufe des 14. und 15 Jahrhunderts aus den Städten und Orten der heutigen Schweiz vertrieben worden waren. Auch die Existenz der Surbtaler Juden blieb lange prekär. Am Rande der Gesellschaft lebend, blieben sie abhängig vom Wohlwollen der eidgenössischen Vögte in Baden, die periodisch den Schutzbrief der Surbtaler Juden erneuerten, im Gegenzug gegen exorbitante Abgaben und Steuern.

Daran änderte sich auch nichts, als sich allenthalben die Ideen der Aufklärung verbreiteten. Erst die französische Besatzung von 1798 brachte den Wandel. Aber sogar dann wurde die Gleichstellung zunächst nur französischen, mehrheitlich elsässischen Juden gewährt, die seit 1792 gleichgestellt und als französische Bürger mit den Besatzern in die Schweiz gekommen waren. Es waren diese Juden, die unter französischem Schutz neue Gemeinden in Städten wie Bern, Genf und Basel gründeten, wo den Juden seit dem 15. Jahrhundert der feste Aufenthalt verboten gewesen war.

Schneider-Ammann würdigt jüdische Schweizer

Bundespräsident Johann Schneider-Ammann hat anlässlich der Feier zu 150 Jahren Gleichberechtigung der Schweizer Juden die jüdischen Bürgerinnen und Bürger gewürdigt. Sie hätten die Schweiz entscheidend mitgeprägt, sagte er in Bern. «Die Schweiz wäre ohne ihre jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger nicht, was sie ist: ein starkes, kulturell vielfältiges, wirtschaftlich erfolgreiches und gesellschaftlich tolerantes Land», sagte Schneider-Ammann gemäss Redetext im Berner Kornhausforum. Auf die Nennung von Namen verzichtete er bewusst: «Die Liste wäre zu lang und eine Auswahl immer ungerecht.»

Laut Schneider-Ammann sollten die aktuellen Einwanderer die Juden als Vorbild nehmen. Die Juden hätten einen «Willen zur Integration». Sie lebten die Werte der Schweiz, ohne dabei die eigene religiöse und kulturelle Identität aufzugeben. «Wenn die neuen Einwanderer dem Beispiel der Juden folgen, dann kann Einwanderung auch zum Gewinn werden.»

Seit der Gleichberechtigung sei die Geschichte der Schweizer Juden eine Erfolgsgeschichte, sagte Herbert Winter, Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes. «Wir sind heute nicht einfach gut integriert – wir sind ein integraler Bestandteil dieses Landes und dieser Gesellschaft geworden.»

Dem Schweizer Judentum widmet sich auch die Fotoausstellung «Schweizer Juden – 150 Jahre Gleichberechtigung», welche ab Dienstag im Kornhausforum besucht werden kann. Die Ausstellung zeigt Porträts von 15 Jüdinnen und Juden, die in der Schweiz leben. Sie wird in den kommenden Monaten in verschiedenen Schweizer Städten zu sehen sein. (sda)

Auch die einheimischen Juden suchten nun ihre Umstände zu verbessern. Schon 1798 erbaten die Surbtaler Juden von der neuen Helvetischen Regierung die Gleichberechtigung. Die Franzosen hatten mit der Helvetischen Republik die Struktur der Schweiz bereits zwangsweise zentralisiert und modernisiert, was nicht auf Gegenliebe stiess und als gegen alte schweizerische Freiheiten gerichtet empfunden wurde. Vor diesem Hintergrund war die Debatte um die Emanzipation der Juden trotz ihrer kleinen Zahl von knapp 3000 zu einem zentralen Thema in der Auseinandersetzung zwischen Gegnern und Befürwortern der französisch inspirierten Helvetischen Republik geworden.

Dies äusserte sich in Gewalt. 1802 schliesslich kam es im «Zwetschgenkrieg» zu schweren Ausschreitungen. Die beiden Judendörfer Endingen und Lengnau wurden von einem Mob überfallen und geplündert. Dies geschah im Kontext der Auflösung der Helvetischen Republik. Letztlich gaben die Franzosen nach. 1803 stellte Napoleon mit der Mediationsakte das alte, dezentralisierte Schweizer System teilweise wieder her.

Nach Napoleons endgültiger Niederlage und der Neuordnung Europas am Wiener Kongress von 1815 versuchten die Schweizer Konservativen, die seit 1798 niedergelassenen Juden zu vertreiben. Obwohl deshalb die Zahl der fremden Juden zwischen 1815 und 1847 erheblich schrumpfte, harrten viele aus. Immer wieder intervenierte auch Frankreich aktiv zum Schutz seiner Bürger, so etwa Ende der 1830er-Jahre im Kanton Baselland.

Bundesstaat nur für Christen

1847 brachte der Sonderbundskrieg liberale Kräfte an die Macht. Mit der Bundesverfassung von 1848 begründeten diese die moderne föderalistische Schweiz. Der Sieg der Liberalen setzte den Bemühungen um die Vertreibung der Juden ein Ende. Die bürgerliche Gleichberechtigung brachte er aber nicht. In der Verfassung gewährte man nur Christen gleiche Rechte. Für Juden gab es immer noch keine Religions-, Handels- oder Niederlassungsfreiheit. Die Juden von Endingen und Lengnau konnten sich seit den 1850er-Jahren in Baden und Zürich niederlassen. 1856 erwirkte ein Bundesbeschluss die Wirtschaftsfreiheit und die Gleichheit vor Gericht sowie im Stimm- und Wahlrecht auf kantonaler und eidgenössischer Ebene, nicht aber auch auf lokaler. Verweigert wurde die Emanzipation vor allem auch wegen des Widerstands der Bevölkerung. Während anderswo die Emanzipation von aufgeklärten Eliten von oben verordnet wurde, verhinderte der demokratische Charakter der Schweiz eine rasche Gleichstellung der Juden.

Den Wechsel brachte erst Druck von aussen, als die USA, Frankreich, Holland und England wirtschaftlich intervenierten. Wie oben von Dubs beschrieben, drohten diese liberalen Staaten, keine Handelsverträge mehr mit der Schweiz zu schliessen, wenn diese den Juden nicht gleiche Rechte gewähre. Entscheidend waren die USA. Die Schweiz, um ihre Handelsbeziehungen besorgt, gab nach. Die Teilrevision der Bundesverfassung wurde aufgegleist und angenommen.

Emanzipation erst seit 1953

Die Gleichberechtigung der Juden wurde aber bereits 1893 wieder infrage gestellt, als das bis heute geltende Schächtverbot angenommen wurde. Ziel des Verbots war es, jüdische Zuwanderung in die Schweiz zu verhindern. Massnahmen und Sonderregeln zur Beschränkung jüdischer Einwanderung und zur Erschwerung der Einbürgerung von Juden wurden dann nach dem Ersten Weltkrieg intensiviert, mit der Flüchtlingspolitik des Zweiten Weltkriegs fortgeführt und erst nach 1953 aufgegeben. Erst seit diesem Jahr kann die Emanzipation der Schweizer Juden als verwirklicht gelten.