«Irreparable Schäden»
Kein Fernunterricht: SVP will Oberstufe und Berufsschulen um jeden Preis offen lassen

Wenn sich die mutierten Coronavirus-Varianten weiter ausbreiten, könnten die Schulen der Sekundarstufe geschlossen. SVP-Nationalrätin Diana Gutjahr will das verhindern - und warnt vor dramatischen Folgen für den Lehrstellenmarkt.

Christoph Bernet
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SVP-Nationalrätin Diana Gutjahr posiert in ihrem Metallbauunternehmen in Romanshorn TG (Archvibild Januar 2020)

SVP-Nationalrätin Diana Gutjahr posiert in ihrem Metallbauunternehmen in Romanshorn TG (Archvibild Januar 2020)

Benjamin Manser

An der Bundesratssitzung vom Mittwoch stand einmal mehr das Coronavirus auf der Traktandenliste. Auch die Schulen waren ein Gesprächsthema. Die Landesregierung liess sich von der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) und der wissenschaftlichen Corona-Taskforce über mögliche weitergehende Massnahmen im Schulbereich informieren. Stand heute überwiegen für Bundesrat, Kantone und Taskforce die Nachteile einer Umstellung auf Fernunterricht gegenüber den Vorteilen. Am Wochenende war der Ruf nach Schulschliessungen lauter geworden, zumindest im Bereich der nicht-obligatorischen Sekundarstufe II (Gymnasien, Mittel- und Berufsschulen).

Sollten die neuen, stärker ansteckenden Virusvarianten allerdings rasch ausbreiten, könnte eine Schliessung von Schulen aufs Tapet kommen, schreibt der Bundesrat in einer Mitteilung. Das Innendepartemen EDI von Bundesrat Alain Berset (SP) erarbeitet nun gemeinsam mit der EDK mögliche Szenarien für die Sekundarstufen I und II.

«Irreparable Schäden angerichtet»

Davon will die SVP nichts wissen: «Der Bundesrat soll davon absehen, Fernunterricht anzuordnen», sagt die Thurgauer Nationalrätin Diana Gutjahr. Es sei für Kinder und Jugendliche wichtig, weiterhin Präsenzunterricht zu erhalten: «Die Erfahrungen im Frühjahr haben gezeigt, dass lernschwächere Schüler und solche aus bildungsfernen Familien im Fernunterricht regelrecht abgehängt werden.» Dieser Rückstand könne in vielen Fällen nicht mehr wettgemacht werden. Sie warnt:

«Bei einem Teil der Schüler hat der Fernunterricht im Frühjahr bereits einen irreparablen Schaden an ihren Bildungs- und Berufschancen angerichtet»

Dieser Anteil werde noch grösser werden, falls der Präsenzunterricht erneut eingestellt würde. «Wir müssen uns bewusst sein, dass diese Massnahmen, auch wenn sie nur wenige Monate dauern, das ganze Berufsleben dieser Kinder und Jugendlichen beeinflussen und so noch jahrzehntelang nachwirken.»

Gutjahr wird in der Sitzung der nationalrätlichen Bildungskommission (WBK-N) vom Donnerstag und Freitag einen Antrag für einen Brief an den Bundesrat im Namen der Kommission einbringen. Die SVP Schweiz und der Schweizerische Gewerbeverband (SGV) unterstützen ihren Antrag.

«Für Kinder viel dramatischer»

Im Brief soll der Bundesrat dazu aufgefordert werden, auf Schulschliessungen und Fernunterricht zu verzichten - und zwar sowohl auf allen Stufen von der Primar- bis zur Sekundarstufe II. Die negativen pädagogischen und sozialen Auswirkungen von Schulschliessungen liessen sich im Gegensatz zu Betriebsschliessungen nicht mit finanzieller Hilfe wiedergutmachen. Ausserdem würde eine gleichzeitige Homeoffice-Pflicht und Fernunterricht Familien in eine «unmögliche Situation» bringen.

Fehlende Unterstützung bei der Lehrstellensuche

Auch in der Sekundarstufe I lehnen Gutjahr und ihre Partei den Fernunterricht entschieden ab: «In diesem Alter findet die Vorbereitung auf die Berufswahl statt. Das ist eine enorm wichtige Weichenstellung.» In ihrem eigenen Metallbauunternehmen mit 80 Mitarbeitenden und 10 Lehrstellen merke sie, dass im Vergleich zu anderen Jahren deutlich weniger Anfragen für Schnupperlehren eingingen.

Die Lehrkräfte und die Schulen spielten eine extrem wichtige Rolle bei der Unterstützung für die Lehrstellensuche:

«Viele Oberstufenschüler sind nicht in der Lage, sich zu Hause und ohne Unterstützung um die Lehrstellensuche zu kümmern»

Damit drohten viele von ihnen im Sommer ohne Anschlusslösung von der obligatorischen Schule abzugehen.

SP-Forderung nach Lehrstellengarantie «praxisfern»

Viele Firmen hätten deshalb aktuell Mühe, ihre offenen Lehrstellen zu besetzen: «Was wir brauchen ist ein normaler Schulbetrieb, der die Lehrstellensuche unterstützt und reguläre Prüfungen, damit dabei belastbare Zeugnisnoten herausschauen», fordert Gutjahr. Sie kritisiert das SP-Co-Präsidium aus Mattea Meyer und Cédric Wermuth, welche im «SonntagsBlick» eine «Jugendzukunfts­garantie» forderten. Der Staat müsse dafür sorgen, dass alle Jugendlichen eine Lehrstelle oder einen Weiterbildungsplatz erhielten und nicht durch die Maschen fallen, so Meyer.

Die SP-Spitze aus Cédric Wermuth und Mattea Meyer,.

Die SP-Spitze aus Cédric Wermuth und Mattea Meyer,.

Christian Beutler / KEYSTONE

Unternehmerin Gutjahr nennt diese Forderung «extrem praxisfern»: «Diese Jugendlichen drohen derzeit durch die Maschen zu fallen, weil der Staat Tausende Ausbildungsbetriebe zwangsgeschlossen hat», ärgert sie sich. Im Gastro- und Detailhandelsbereich seien Lernende deswegen zur Untätigkeit gezwungen. Umso wichtiger sei, dass neben ihrem Arbeitsort wenigstens ihr Lernort - die Berufsschule offenbleiben könne.

Lehrer priorisiert impfen

Und ebenso wichtig sei, dass die Prüfungen an den Berufsschulen nach geltendem Recht durchgeführt werden. Ein Verzicht auf Prüfungen zugunsten von Erfahrungsnoten wie im vergangenen Schuljahr soll es nach dem Willen der SVP dieses Mal nicht geben: «Gerade bei zweijährigen Lehrgängen haben die pandemiebedingten Einschränkungen für die Jugendlichen schon sehr viele Nachteile gebracht, für die sie nichts können», gibt die Thurgauerin zu bedenken. Damit ihre Aussichten auf dem Arbeitsmarkt nicht zusätzlich verschlechtert würden, verdienten sie wenigstens einen normalen Unterrichtsbetrieb mit regulären Prüfungen.

Sekundarschüler im Kanton Zug tragen im Unterricht Masken.

Sekundarschüler im Kanton Zug tragen im Unterricht Masken.

Bild: Matthias Jurt / Luzerner Zeitung

Gutjahr bestreitet nicht, dass es in Schulen zu Ansteckungen kommt. Doch gehörten Kinder und Jugendliche nicht zu den Risikogruppen und hätten bei einer Ansteckung häufig keine oder nur milde Symptome, Um die stärker gefährdeten Lehrkräfte besser zu schützen, kann sich Gutjahr eine Ausweitung der Maskenpflicht vorstellen, auch in den Primarschulen. Kinder seien intelligent und anpassungsfähig und würden die Massnahme gut mittragen, ist sie überzeugt. Ausserdem unterstützt sie die Forderung von Lehrerverbänden, ihre Berufsgruppe ähnlich wie die Pflegeberufe bei der Impfung zu priorisieren.