Interview
Nach dem Jahr mit Covid-19: «Wir tun so, als gäbe es den Tod nicht»

Der Medizinethiker Mathias Wirth blickt auf das Pandemie-Jahr zurück. Er erklärt, wie wir verlernt haben, mit dem Tod umzugehen. Und was wir mit Truthähnen gemeinsam haben.

Vanessa Hann, watson.ch
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Herr Wirth, momentan sterben hierzulande pro Tag gleich viele Menschen an Covid-19, wie in einem Zürcher Tram sitzend Platz hätten. Was macht das mit einer Gesellschaft?

Man lernt, am Tod vorbeizuschauen. Entscheidend an dieser Pandemie ist, dass nicht nur das Virus unsichtbar ist, sondern auch das dadurch verschuldete Sterben.

Was ist mit den Berichten über die mehr als 5000 Corona-Toten?

Noch findet das Sterben professionell statt: Die Spitäler haben Kapazität und sie können die Menschen medizinisch in den Tod begleiten. Es sind keine Bilder von schwer Verletzten. Wir sehen zwar die Todeszahlen in den Nachrichten, aber das scheint uns nicht so sehr zu irritieren. Wir haben das stille Sterben längst verdrängt.

Mathias Wirth ist Theologe und Philosoph und hat sich auf Medizinethik spezialisiert.

Mathias Wirth ist Theologe und Philosoph und hat sich auf Medizinethik spezialisiert.

zVg

Haben wir verlernt, uns mit dem Tod auseinanderzusetzen?

Absolut. Wir tun so, als gäbe es den Tod nicht. Das kommt daher, dass wir das Leben in Projekten denken. Und der Tod ist dann quasi der Abbruch dieser Projekte, deshalb verdrängen wir ihn. Viele aktuelle Debatten behandeln auch die Wirtschaft als das Hauptproblem der Pandemie und nicht den Tod.

Umkehrfrage: Ist es hysterisch, sich wegen ein paar Corona-Toten so aufzuregen?

Es gibt momentan eine erhöhte Sterblichkeit, die ganz klar mit dem Coronavirus assoziiert ist. Das ist keine Hysterie. Hier berühren wir aber die Grundfrage nach der menschlichen Würde: Wie viel ist es uns wert, für ein Leben zu kämpfen?

Wie viel ist es uns wert?

Ich will nicht pauschalisieren. Die Politik bemüht sich, das Sterben zu verhindern. Und auch der Rest der Gesellschaft bündelt Kräfte. Man versucht, das menschliche Leben zu erhalten, gerade wenn es vulnerabel oder krank ist. Momentan erleben wir eine wichtige Zeit der Sensibilisierung und müssen über Moral reflektieren.

Jetzt hatten wir bald ein Jahr Zeit, über Moral im Umgang der Pandemie nachzudenken. Was ist dabei herausgekommen?

Ich glaube, eine ganze Menge. In der ersten Welle waren wir noch überrumpelt aber gerade jetzt in der zweiten haben wir Zeit, Konsequenzen zu ziehen.

Wie sehen die aus?

Eine Konsequenz ist zum Beispiel Distanz halten: Nicht nur die körperliche, sondern auch die Distanz zur Art, wie wir vorher gelebt haben. Das hohe Tempo, der soziale Lärm, alles, was uns von den wesentlichen Dingen abgelenkt hat. Momentan können wir uns gegenüber kritischer sein als sonst. Das bedeutet auch Freiheit.

Wie meinen Sie das?

Bisher haben wir vor allem die aktiven Dinge als etwas Positives wahrgenommen: Dass es gut ist, wenn man viel unterwegs ist, in andere Länder reist, rausgeht. Wir haben nicht danach gestrebt, nichts zu tun. Doch jetzt können wir gezwungenermassen nicht aktiv sein und lernen so die passive Seite, das Zurückweichen und Seinlassen, neu kennen. Dabei geht es nicht um ein «ist mir egal», sondern dass wir uns auf das wirklich Relevante fokussieren, etwa auf Beziehungen. Viele Familien nehmen das als Entlastung wahr: Eltern haben mehr Zeit mit ihren Kindern und sehen, wie sie aufwachsen.

Gleichzeitig hat die häusliche Gewalt während dem Lockdown zugenommen.

Wie so oft liegt das Gute in der Mitte. Wir brauchen eine Mischung aus Tun und Lassen. Momentan sind wir im Modus des zu wenig, wo wir vorher im Modus des zu viel waren: Wir haben zu viel in die Natur eingegriffen, Lebensbereiche sind aneinander gerückt, so dass Krankheiten wie eben das Coronavirus auf den Menschen übertreten konnte.

Diese Probleme sind schon länger bekannt. Wieso braucht der Mensch eine Pandemie, bevor er handelt?

Das ist eine komplexe Frage, die schwer zu beantworten ist. Was mir dazu einfällt, ist der Truthahn-Fehlschluss, auf den der Philosoph Adriano Mannino hinweist: Wir denken, wir sind nicht betroffen. Wie der Truthahn, der für Thanksgiving gemästet wird. Er sieht zwar, dass andere Truthähne um ihn herum geschlachtet werden, denkt aber nicht, dass ihm das auch passieren könnte. Dass das ein Trugschluss ist, merkt er erst, wenn er fällig ist. Neben der Betroffenheit fühlen wir uns auch nicht wirklich verantwortlich, weil 1000 Akteure bei diesen Problemen mitspielen. Das führt dazu, dass wir nicht wirklich erkennen, für welchen Teil des Gesamtproblems wir nun verantwortlich sind.

Gibt es ein weiteres Beispiel, wie sich unsere Gesellschaft seit Ausbruch der Pandemie verändert hat?

Wir schauen neu auf Infektionen. In den letzten Jahrzehnten nahmen wir schwerwiegende Infektionskrankheiten eher als Randphänomene wahr. Gemeint ist damit etwa Aids, nicht die Grippe oder Ähnliches. Das Umfeld reagiert auf diese Leute anders, wenn sie Träger eines Virus sind. Zum Teil werden sie sogar ausgestossen.

Und Corona hat das geändert.

Mit Covid-19 haben wir gelernt, dass sich jeder Mensch infizieren kann. Damit haben wir begonnen, die Infektionskrankheiten vom Schulddiskurs abzulösen. Wir sind alle potentielle Wirte von Viren. Und wir alle brauchen soziale Kontakte. Ich hoffe, dass die Personen von dieser Erkenntnis profitieren, die schon länger unter Infektionskrankheiten leiden. Auch in der Frage, wie viel Forschung geleistet wird: Gegen HIV gibt es noch immer keinen wirksamen Impfstoff.

Apropos: Die ersten Corona-Impfungen werden nun verabreicht. Ein Grund, euphorisch aufs nächste Jahr zu blicken?

Das ist auf jeden Fall ein Meilenstein. Aber gerade geht es um das Problem der gerechten Verteilung. Das wird noch anhalten. Wir müssen uns auch nicht den Druck auferlegen, nur positiv zu sein. Es ist angemessen, über das neue Jahr nicht allzu euphorisch und triumphierend zu denken.

Ich bin kein Fan von Neujahres-Vorsätzen. Haben Sie einen?

Ich habe in einem Text einen schönen Vorsatz für mich gefunden. Es geht dabei um Gelassenheit und ist vom Theologen Reinhold Niebuhr: Bei dem, was wir nicht ändern können, sollen wir gelassen sein. Bei dem, was wir ändern können, sollen wir aktiv sein. Und wir sollen weise genug sein, das eine vom anderen zu unterscheiden.