Interview
Isabelle Moret über das Tarifwerk Tardoc: «Die Versicherten wollen wissen, wo die 12 Milliarden Franken hinfliessen»

Isabelle Moret, Präsidentin des Spitalverband Hplus verlangt vom Bundesrat, dass ein mühselig erarbeitetes Tarifwerk Tardoc auf die lange Bank geschoben wird. Sie liegt deswegen mit den Ärzten und Versicherern über Kreuz, verspricht aber auch eine Lösung des Problems.

Anna Wanner
Drucken
Teilen
Isabelle Moret, Präsidentin des Spitalverbands Hplus, will die Untertarifierung in den Spitälern mittels Pauschalen beenden.

Isabelle Moret, Präsidentin des Spitalverbands Hplus, will die Untertarifierung in den Spitälern mittels Pauschalen beenden.

Anthony Anex /
Keystone

Frau Moret, jahrelang haben Ärzteschaft und Versicherer viel investiert und um einen neuen Tarif gerungen. Der Spitalverband Hplus hofft nun, dass der Bundesrat diesen nicht genehmigt. Wieso?

Isabelle Moret: Wir hoffen, dass der Bundesrat den Tarifpartnern am Mittwoch den Auftrag gibt, den Tardoc zu verbessern. Einen revidierten Tardoc unterstützen wir.

Wo muss er verbessert werden?

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat duzende von Punkten aufgezeigt, wo die Tarifpartner nachbessern müssen. Hplus unterstützt das. Zweitens fordern wir, dass der Tardoc gleichzeitig mit den Tarifwerk für Pauschalen im ambulanten Bereich umgesetzt wird.

Seit 2016 entwickelte Santésuisse zuerst zusammen mit den Chirurgen, dann zusammen mit den Spitälern Pauschalen. Erst zehn Prozent aller Leistungen sind pauschaliert. Der Tardoc wäre jetzt einsatzbereit – Kosten könnten gespart werden,

Das Parlament hat in der Sommersession den ersten Teil des Gesetzes über die Kostendämpfung genehmigt. Der wichtigste Teil sind die Pauschalen. Das Parlament will mit den Pauschalen mehr Transparenz schaffen und die Kosten dämpfen. Wir haben uns verpflichtet, bis Ende Jahr eine erste Pauschal-Tarifversion beim Bundesrat zu deponieren. Diese Frist werden wir einhalten.

Das Parlament hat in der Sommersession den ersten Teil des Gesetzes über die Kostendämpfung genehmigt. (Bild: 16. Juni 2021)

Das Parlament hat in der Sommersession den ersten Teil des Gesetzes über die Kostendämpfung genehmigt. (Bild: 16. Juni 2021)

Anthony Anex / Keystone

Dann braucht es also den Tardoc nicht mehr?

Doch. Die Umsetzung der Pauschalen muss einfach koordiniert sein mit dem Tardoc – und gleichzeitig umgesetzt. Zuerst den Tardoc einführen und dann einzelne Positionen mit Pauschalen ersetzen würde noch Jahre dauern und wäre mit technischen Problemen und hohen Kosten verbunden. Stichworte: Kodierung und Abrechnung.

Der Tardoc ist nicht per se schlecht. Wir stehen lediglich vor einem Koordinationsproblem?

Richtig. Alle Tarifpartner, das sind die Ärzte, die Spitäler, die Versicherer haben eine Absichtserklärung unterschrieben und sich verpflichtet, sich bei den Pauschalen und dem Einzelleistungstarif bis Ende Jahr zu einigen. In einem ersten Schritt muss der Tardoc noch verbessert, also transparenter und einfacher werden. Mehr als 12 Milliarden Franken werden jedes Jahr im ambulanten Bereich abgerechnet. Die Prämienzahler müssen wissen, wo ihr Geld hingeht.

Hinter dem Widerstand steckt keine wirtschaftliche Überlegung?

Pauschalen sind wirtschaftlich. Sie verursachen weniger administrativen Aufwand. Das bedeutet auch: Mehr Zeit für Patienten.

Die Spitäler befürchten keine Einbussen mit Tardoc?

Die ambulanten Leistungen in den Spitälern können heute mit dem Tarmed nicht kostendeckend erbracht werden, wir haben eine Unterdeckung von rund 30 Prozent. Wie es mit dem Tardoc aussieht, wissen wir noch nicht, da bis heute die Transparenz zu den Zahlen fehlt. Mit den Pauschalen lässt sich die Unterdeckung in Spitalambulatorien aufheben.

Ist das kein Widerspruch? Sie wollen gleichzeitig Kosten dämpfen und eine massive Unterdeckung aufheben?

Wir haben Fehlanreize im System Tarmed: Es gibt Leistungen, die zu hoch vergütet werden, andere zu tief – zum Beispiel in den Kinderspitälern. Die Vergütungen müssen gerechter verteilt und der Realität angepasst werden. Genau darauf bauen die Pauschalen auf. Sie verhindern missbräuchliche Übertarifierungen. So kann viel Geld gespart werden.

Worum geht es eigentlich?

Der Streit um einen neuen ambulanten Arzttarif begann vor mehr als zehn Jahren. Bereits damals stellten die Tarifpartner, das sind Ärzte, Spitäler und Versicherer fest, dass der Tarmed heillos veraltet ist. Seither bemühen sich alle um einen neuen Tarif. Das führt zu Streit: Es geht um die Verteilung von jährlich 12 Milliarden Franken.

Der Kassenverband Curafutura entwickelte zusammen mit den Ärzten den Einzelleistungstarif Tardoc – nach mehreren Pannen, kurzfristigem Aus und etlichen Nachbesserungen liegt er nun beim Bundesrat zur Genehmigung vor. Parallel dazu entwickelten der Kassenverband Santésuisse zusammen mit den Chirurgen einzelne Pauschalen im ambulanten Bereich. Im März 2020 haben sie 67 Pauschalen beim Bundesrat zur Genehmigung eingereicht, weitere acht kamen im Juli dazu. Ungefähr 10 Prozent der ambulanten Leistungen sind pauschaliert. Bis Ende Jahr haben sich die Tarifpartner verpflichtet, Pauschalen für weitere ambulante Bereiche nachzureichen.

Die Umsetzung der Tarife steht und fällt mit der Zusammenarbeit der Verbände, welche aufgrund von Ressentiments hüben wie drüben erschwert ist. Bundesrat Alain Berset hat die Partner Ende 2020 über eine Absichtserklärung verpflichtet, sich zusammenzuraufen. Das Parlament verlangt in einem neuen Gesetz die Zusammenarbeit aller Tarifpartner. 

Die Entwicklung der Pauschalen steckt in den Anfängen, beim Tardoc würden einzelne Anpassungen zur Umsetzung reichen. Was, wenn man sich nicht einigt?

Es stimmt, es ist ein gewaltiger Effort, bis Ende Jahr die Pauschalen zu entwickeln. Wir rechnen damit, dass in den Spitalambulatorien 70 Prozent über Pauschalen abgerechnet werden wird. Wir brauchen also beides: Pauschalen und Einzelleistungen. Deshalb appelliere ich an eine gute Zusammenarbeit aller Tarifpartner: Wir halten die Fristen bei den Pauschalen ein. Gleichzeitig müssen die Zahlen des Tardoc transparent gemacht werden.

Wo liegt denn die Blockade? Wieso können sich die Tarifpartner nicht zusammenraufen?

Ich bedaure, dass so viele Emotionen im Spiel sind. Dabei sind die Arbeiten so wichtig: Mit mehr Transparenz können wir die Leistungen besser vergleichen – zwischen Regionen, zwischen Spitälern und zwischen Ärzten. Damit haben wir Transparenz darüber, was eine Leistung kostet. So bekommen wir die Kosten in den Griff und die Qualität wird verbessert.

Wieso geht es nicht vorwärts?

Alle Partner haben die Absichtserklärung unterschrieben – dank der Unterstützung von Bundesrat Alain Berset. Er hat die Zusammenarbeit unter den Partnern vereinfacht und das Bundesamt für Gesundheit hat den Tardoc innert kurzer Frist akribisch geprüft. Es liegt jetzt nur noch am guten Willen aller Tarifpartner, einen Schritt nach vorne zu machen.

Aktuelle Nachrichten