Junge Grüne

Initianten der Zersiedlungs-Initiative warnen vor einer Ernährungslücke

Die landwirtschaftlich genutzte Fläche soll seit 1985 um 850 Quadratkilometer geschrumpft sein.

Die landwirtschaftlich genutzte Fläche soll seit 1985 um 850 Quadratkilometer geschrumpft sein.

Die Jungen Grünen umgarnen kurz vor der Abstimmung die Befürworter der einheimischen Nahrungsmittelproduktion: Die Zersiedelungs-Initiative stärke die Ernährungssicherheit.

Es sieht nicht gut aus für die Anhänger der Zersiedelungs-Initiative, über die am kommenden Sonntag abgestimmt wird. Nach einer anfänglich hohen Zustimmung will gemäss den Trendumfragen von gfs.bern und Tamedia inzwischen eine Mehrheit der Stimmberechtigten nichts mehr wissen vom Anliegen der Jungen Grünen. Den Rückstand versuchen die Initianten nun wettzumachen, indem sie den Fokus auf die einheimische Nahrungsmittelproduktion lenken. Diese sei durch die Siedlungsentwicklung bedroht, so die Botschaft.

Zur Illustration präsentieren die Jungen Grünen und die Kleinbauernvereinigung neue Berechnungen, bei der sie sich auf Angaben des Bundes stützen. Demnach ist die landwirtschaftlich genutzte Fläche seit 1985 um 850 Quadratkilometer geschrumpft. Das entspricht einer Fläche, die deutlich grösser ist als der Kanton Neuenburg. Gemäss dem Bund ist dafür in erster Linie das Siedlungswachstum verantwortlich. Die Initianten verrechnen diesen Kulturlandverlust mit der Fläche, die für die Versorgung einer Person nötig ist.

Das Resultat: Mit dem verlorenen Kulturland liessen sich je nach Ernährungsniveau heute zwischen 395000 und 586000 Personen versorgen. Gemäss den Initianten wird bis zum Jahr 2050 ausserhalb der bereits zum Bauland erklärten Zonen noch einmal eine Fläche verbaut, die bis zu 289000 Personen versorgen könnte – dies bei gleichbleibendem Bodenverbrauch und ohne die bremsende Wirkung der Zersiedelungs-Initiative, welche die Bauzonen auf dem heutigen Stand einfrieren will.

Ernährungssicherheit ist ein populäres Anliegen

Die Initianten weisen zudem darauf hin, dass die landwirtschaftliche Nutzfläche pro Person hierzulande bereits heute deutlich tiefer ist als in Deutschland, Österreich oder Frankreich. Markus Schwegler von der Kleinbauernvereinigung kommt deshalb zum Schluss: «Die Zersiedelungs-Initiative stärkt die Ernährungssicherheit.» Der Verweis auf die Ernährungssicherheit macht aus Sicht der Initianten Sinn, ist sie der Bevölkerung doch ein grosses Anliegen. 2017 sprach sich eine grosse Mehrheit von fast 80 Prozent für die Verankerung der Ernährungssicherheit in der Verfassung aus. Die Stärkung der einheimischen Produktion entspricht zudem der Landwirtschaftspolitik der SVP – bei deren Anhängern die Zersiedelungs-Initiative bislang auf viel Zuspruch stiess. Der Schwyzer SVP-Nationalrat und Landwirt Marcel Dettling sagt: «Ich bin froh, wenn den Grünen der Schutz des Kulturlandes wichtig ist.» Für Dettling ist der «wichtigste Faktor für den Verlust von landwirtschaftlichem Boden» aber die «überbordende» Zuwanderung. «Und ausgerechnet da wollen die Grünen nichts machen.» Dettling bezeichnet zudem die vorgesehene Abgrenzung zwischen bodenabhängiger und bodenunabhängiger Landwirtschaft als «völlig inakzeptabel». Gemäss Initiativtext sollen ausserhalb Bauzonen nur noch Anlagen für die bodenabhängige Landwirtschaft gebaut werden dürfen – ein Stall wäre nur noch möglich, wenn das Futter für die Tiere vom Hof kommt.

Bauernverbandspräsident Markus Ritter sagt deshalb: «Wir teilen das Ziel, dass das Kulturland stärker geschützt werden muss. Die Initiative geht aber zu weit.» Der ländliche Raum sei auf Entwicklungsmöglichkeiten angewiesen, heisst es im Argumentarium des Bauernverbandes. Dies im Bewusstsein, dass die Landwirtschaft «mit ihrer Bautätigkeit ebenfalls zum Kulturlandverlust beiträgt». 

Meistgesehen

Artboard 1