Rechtsradikale
In Huttwil ist die Welt nur vordergründig noch in Ordnung

Der Angriff auf einen Tamilen im Oberaargau schlug letztes Wochenende hohe Wellen. Rechtsextreme Übergriffe sind in der Region keine Seltenheit.

Michael Hugentobler
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In diesen Kebab-Laden flüchtete der Mann aus Sri Lanka vor den Rechtsextremen. andre albrecht

In diesen Kebab-Laden flüchtete der Mann aus Sri Lanka vor den Rechtsextremen. andre albrecht

In Huttwil ist die Welt noch in Ordnung. Beim Dorfeingang kündigt ein Plakat den kommenden Trachtenabend an, beim Forst-Shop werden Rasenmäher und Motorsägen der Marke Husqvarna verkauft und gegenüber stapeln sich vor der Sägerei die Baumstämme. Huttwil ist die Schweiz der Postkarten, in der Ferne schimmern weisse Hügel, im Dorf grüssen sich die Passanten, ältere Herren heben den Hut. Von dieser Idylle war letztes Wochenende wenig zu spüren, als drei Männer einen Tamilen verprügelten und Nazi-Parolen skandierten.

Wer in jener Nacht in der Nähe war, wird nicht gerne an die Episode erinnert und will schon gar nicht seinen Namen in der Zeitung lesen. Eine Augenzeugin berichtet, wie sie erwachte, als sie Schreie von der Strasse hörte. Dort standen drei Rechtsextreme, einer war stark betrunken und hatte einen grossen Hund dabei. «Es war furchteinflössend», so die Frau.

Für Daniel Kettiger ist es wenig überraschend, dass sich dieser Vorfall in Huttwil ereignete. Der Rechtsanwalt hat in der Vergangenheit Opfer rechtsextremer Gewalt vertreten und beobachtet die Szene im Oberaargau seit Jahren. «Im Schweizer Mittelland sind diese Personen besonders im ländlichen Raum anzutreffen», sagt Kettiger auf Anfrage. In den Städten hätten sie kein Aktionsfeld und es sei für sie schwieriger, sich zu organisieren. «In den vergangenen Jahren mäanderte diese Szene durch das Mittelland – die Region Burgdorf, dann Solothurn, Aargau, Langenthal.» Ruhe sei an diesen Orten erst eingekehrt, als die Polizei hart durchzugreifen begann.

«Es kann sein, dass die rechtsextreme Szene jetzt nach Huttwil kommt», sagt Kettiger. Möglich sei aber auch, dass dies bloss ein Einzelfall war. «Der Vorfall zeigt aber, dass das Problem der rechtsextremen Gewalt noch nicht vorbei ist.»

Handelten die Rechtsradikalen aus Notwehr?

Laut Kettiger liegt ein Teil des Problems in den Exponenten der Partei National Orientierter Schweizer (Pnos), die in dieser Region wohnen und aktiv sind. Gemäss dem Extremismusbericht des Bundesrates aus dem Jahr 2004 ist die Pnos der rechtsextremen Szene zuzuordnen. Parteipräsident Dominic Lüthard bestätigt, dass seine Partei in ländlichen Gegenden und insbesondere in der Region Langenthal und Burgdorf aktiv ist. Zum Vorfall in Huttwil sagt Lüthard: «Mir sind nicht alle Details bekannt – ich bin aber generell der Ansicht, dass Gewalt nur in Notwehrsituationen ausgeübt werden sollte.»

Ob die Rechtsradikalen beim Vorfall vom letzten Wochenende aus Notwehr handelten, hat die Kantonspolizei noch nicht restlos geklärt. Die Ermittlungen laufen weiterhin. Augenzeugen berichten jedoch, wie der Mann aus Sri Lanka in einen Kebab-Laden flüchtete. Die Rechtsextremen seien ihm gefolgt und hätten auf der Strasse den Hitlergruss gezeigt und «Sieg heil» gerufen. Einer von ihnen habe dann mit einem Stuhl die Scheibe des Lokals eingeschlagen und gedroht, jene umzubringen, die sich drinnen versteckten.

Der Gemeindepräsident von Huttwil, Hansjörg Muralt (SVP), sagt: «In unserer Gemeinde existiert kein Rechtsextremismus.» Er geht derzeit von einem Einzelfall aus und wartet die Ermittlungen der Kantonspolizei ab. «Sollte sich herausstellen, dass sich Rechtsextreme hier regelmässig treffen, wäre dies der erste solche Fall in Huttwil», sagt Muralt. In diesem Fall würde er Massnahmen prüfen. «Im Moment kann man nichts anderes machen, als die Entwicklung zu beobachten», so Muralt.