Leika ist hornlos geboren. Das rund drei Wochen alte Kälblein wurde durch einen Samen gezeugt, bei dem das Horngen nicht ausgebildet ist. Tierärztin Sandra Gloor greift dem zierlichen Jungtier an das Stirnbein, wo üblicherweise die Hornknospen wachsen würden. «Nichts», sagt sie.

Leika wird eine mittelgrosse Milchkuh werden, die Bauer Alois Huber in seine 60-köpfige Herde eingliedern will. «Wenn sie gesund bleibt», schränkt Huber ein. Der Aargauer SVP-Grossrat begann vor zwei Jahren hornlose Kälber der Kuhrassen Swiss Fleckvieh und Limousin heranzuzüchten. Es sei jedoch ein langer Prozess, erzählt Huber, bis ein reinerbiger Stier ohne Horngen gezüchtet sei.

So geht eine Enthornung

So geht eine Enthornung

Ein zwei Wochen alter Mast-Muni wird im Stall des Aargauer Bauernverbandspräsidenten Alois Huber enthornt.

Noch kommt in der Schweiz die Mehrzahl der Kälber mit Hörnern zur Welt. So auch das noch namenlose frischgeborene Muneli, das auf dem Bauernhof hinter dem Schloss Wildegg neben Leika im knöcheltiefen Stroh steht. Die Lebenszeit des Stiers ist vordefiniert. In rund zwei Jahren wird er – dann als kräftiges Mastmuneli – geschlachtet und im Detailhandel als Bio-Weidebeef verkauft. Die Mastkälber gibt Huber weiter, sobald sie rund fünf Monate alt sind. Er beschränkt sich auf die Milchproduktion.

Trotz der kurzen Lebensdauer nimmt Huber dem Stier die Hörner. Hier geschieht, worüber die Schweiz vor der Hornkuh-Initiative spricht (siehe Box). «Das Muneli enthorne ich nur, weil es der andere Bauer wünscht», sagt der Landwirt. Der Abnehmer wolle dies, da es den Umgang mit einem über 400 Kilogramm schweren Stier erleichtere. Während Leika scheu in einer Ecke steht und die Szene beobachtet, hält Huber den kleinen Stier in der Ecke fest.

Tierärztin Sandra Gloor kommt mit Nadel und Spritze herbei. «Spürst du hier das Hörnchen?», fragt Alois Huber.

«Ja», antwortet die Tierärztin.

«Es ist halt noch ein bisschen jung.»

«Wie oft enthornst du pro Jahr?»

Knapp zwei Dutzend Kälber enthornt die Tierärztin jedes Jahr auf Alois Hubers Bio-Bauernhof. Obwohl er als Bauer nach einem Kurs selbst enthornen könnte, komme dies für ihn nicht infrage. «Es ist eine Routineangelegenheit», sagt Huber. Deshalb vertraue er seiner Tierärztin. «Sandra, wie oft enthornst du pro Jahr – 100 Mal?»

«Weit über hundert», erwidert die Tierärztin.

«Tue warte Schätzu, chom. Chom tue warte», haucht sie dem Kalb mit sanfter Stimme ins Ohr. Gloor trifft mit ihrer Nadel den Hals, spritzt ein Betäubungsmittel und verabreicht dem Stier gleich noch ein Schmerzmittel, das zwei Tage wirken soll.

Binnen Sekunden verliert das Kalb den Halt und hebt noch ruckartig eines seiner vier Beine, um im Stroh letzte Schritte zu nehmen. Dann wird es übermannt – in der Fachsprache nennt man das Sedierung. Die Funktionen des zentralen Nervensystems sind gedämpft. «Chom tue ligge», sagt Gloor. Die Augenlider des Kalbes werden schlaff, dann legt sich das Tier aufs Stroh. Es atmet ruhig, nur die Ohren zucken noch energisch.

Huber rasiert nun die Haare um die Hörnchen weg. «Damit es weniger stark riecht und weniger Haare verbrennen», sagt Tierärztin Gloor. Mit zwei weiteren Spritzen anästhesiert sie auf beiden Seiten lokal den Hornansatz, damit das Kalb nichts spürt. Dann greift die Tierärztin zum Brennstab mit schwarzem Plastikgriff.

Dessen Eisenkopf ist inzwischen auf 600 Grad erhitzt worden. Sie kniet sich neben dem regungslosen Stier nieder und brennt die aus der Distanz unsichtbaren Hornknospen mit Kreisbewegungen aus. Leika schaut zu. Horn und übrig gebliebenes Haar schmürzeln dahin. Leichter Rauch steigt auf. Es riecht nach verbranntem Haar. Bauer Huber desinfiziert die Wunde unmittelbar, nachdem der Hornansatz ausgebrannt ist. Zurück bleibt eine kleine Wunde.

Verband ist gegen die Initiative

«Bei der korrekten und frühzeitigen Enthornung wird die Blutzufuhr von der Hornanlage abgeschnitten. Die Hornanlage stirbt nachher ab», erklärt Patrizia Andina, Tierärztin auf der Geschäftsstelle der Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte (GST). Der Verband befürchtet, eine Annahme der Initiative würde zu mehr Anbindeställen führen, wie sie früher üblich waren. «Wir gewichten die Laufstallhaltung höher als die Behornung der Kühe», sagt Andina. Darum spricht sich die GST auch gegen die Hornkuh-Initiative aus.

Kurz nach der Abstimmung soll jedoch eine Studie der Universität Bern publiziert werden, welche die Schmerzen als Folge der Enthornung bei Kälbern untersucht. «Je nach Ergebnis muss die künftige Praxis des Enthornens diskutiert werden», sagt Andina.

Einen Augenblick scheint der kleine Stier zu vollem Bewusstsein zurückzukehren. Er hebt den Kopf. Will gar aufstehen, sackt aber gleich wieder zu Boden. «Ich lege ihn richtig hin», sagt Alois Huber und stützt das Tier seitlich mit Stroh. Für Landwirt Huber beginnt in den Tagen nach der Enthornung die Kontrolle.

Über der Wunde wird sich eine Kruste bilden. Darunter würden sich vielmals Fliegen einnisten, erzählt er. Deshalb müsse er die Kruste regelmässig entfernen. «Es geht extrem schnell und die Maden fressen sich ins Fleisch des Kalbes vor», sagt Huber.

Allem Aufwand zum Trotz empfindet der Aargauer die Enthornung als unproblematisch. Die Alternative wäre wirtschaftlich unattraktiv. «Ich müsste meinen Viehbestand um rund einen Drittel verringern, wenn ich mich gegen das Enthornen entscheiden würde», sagt der SVP-Grossrat.

Die Hornkuh-Initiative lehnt er ab, weil seiner Meinung nach Direktzahlungen nicht über eine Verfassungsänderung geregelt werden sollten. Dennoch kommt er ein wenig ins Schwärmen, wenn er über Armin Capaul spricht, der die Initiative beinahe im Alleingang stemmte: «Er war ja fast gezwungen, eine Volksinitiative zu lancieren.»