Arbeitsbelastung

«Im schlimmsten Fall arbeiten wir zu viel, weil wir Angst um den Job haben»

Gudela Grote.

Gudela Grote.

Die Arbeitsbelastung nimmt zu. Das liesse sich ändern, sagt Gudela Grote, Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie an der ETH Zürich.

Dass Stress krank macht, ist schon lange bekannt. Trotzdem klagen immer mehr Menschen über Stress am Arbeitsplatz. Was läuft falsch?

Gudela Grote: Stress entsteht, wenn Menschen erleben, dass die eigenen Ressourcen nicht ausreichen, um die gestellten Anforderungen bewältigen zu können. Mit den Smartphones hat sich zudem das Gefühl der ständigen Erreichbarkeit etabliert. Einige Unternehmen sind zwar daran, diesbezüglich Regeln zu vereinbaren. Aber das Problem besteht weiter. Bis heute sind trotz Anstrengungen im betrieblichen Gesundheitsmanagement in vielen Firmen nur ungenügende Massnahmen vorhanden, um ihre Mitarbeitenden vor Stress zu bewahren.

Was für Möglichkeiten gibt es?

Die Anforderungen können reduziert werden, indem etwa der Zeitdruck aus der Arbeit genommen wird. Auch die persönlichen Ressourcen für die Bewältigung der Anforderungen können erhöht werden, indem beispielsweise eine Kollegin oder ein Kollege Unterstützung bietet. Zudem ist es hilfreich, die eigene Achtsamkeit zu verbessern. Es gibt Kurse, in denen man lernt, besser für sich und seine Bedürfnisse einzustehen und besser abzuschalten.

Die Schweizerische Gesundheitsbefragung hat gezeigt, dass fast jede fünfte Person in der Freizeit arbeitet, um mit ihren beruflichen Aufgaben durchzukommen.

Das erstaunt mich nicht, Arbeit- und Privatleben vermischen sich zunehmend. So wird am Arbeitsplatz auch mal ein Theaterticket oder eine Reise gebucht. Gleichzeitig nehmen wir berufliche Aufgaben in der Freizeit wahr. Sei dies, weil der Druck seitens des Arbeitgebers hoch ist, oder aber, weil wir uns dazu verpflichtet fühlen.

Beuten wir uns also selber aus?

Im schlimmsten Fall arbeiten wir zu viel, weil wir Angst haben, ansonsten den Job zu verlieren. Das sind existenzielle Sorgen. Daneben gibt es aber viele Menschen, die viel arbeiten, weil sie ihren Beruf gerne ausüben. Ihnen fällt es oft besonders schwer, sich abzugrenzen.

Definieren wir uns zu stark über die Arbeit?

Für Menschen in der Schweiz spielt die berufliche Tätigkeit eine zentrale Rolle hinsichtlich ihrer Zufriedenheit. Das zeigt unser HR-Barometer, für den wir alle zwei Jahre Umfragen zur Arbeitssituation machen. Im Vergleich zu anderen Ländern fällt auf, dass sich Menschen in der Schweiz deutlich stärker über die Arbeit definieren als etwa in Grossbritannien oder in Frankreich. Das ist nicht per se schlecht. Aber die Gefahr bei einem solchen Selbstverständnis besteht, dass es überstrapaziert wird.

Wann macht die Arbeit glücklich?

Das ist je nach Person unterschiedlich. Generell ist die Arbeitszufriedenheit aber hoch, wenn die Tätigkeiten vielfältig sind und die Mitarbeitenden soziale Kontakte und Autonomie in ihren Jobs haben. Darüber hinaus erhöht sich die Zufriedenheit, wenn man durch seine berufliche Tätigkeit etwas lernen und sich weiterentwickeln kann.

Nimmt der Stress künftig eher zu oder ab?

Ich hoffe, dass die Belastungen in der Arbeitswelt nicht weiter ansteigen. Krankheitsbedingte Ausfälle sprechen eine deutliche Sprache. Gleichzeitig dürfen wir den Blick aufs Ganze nicht verlieren. Je höher der wirtschaftliche Druck in einem Land ist, umso stärker spüren ihn die Arbeitnehmenden. Da geht es uns in der Schweiz vergleichsweise sehr gut.

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