Atommüll

Im Naturidyll Nördlich Lägern herrscht ein mulmiges Gefühl

Noch nicht defnitiv aus dem Rennen um den Standort für ein Atomendlager: Das Gebiet Nördlich Lägern.

Noch nicht defnitiv aus dem Rennen um den Standort für ein Atomendlager: Das Gebiet Nördlich Lägern.

Wegen mangelhafter Unterlagen ist Nörlich Lägern noch nicht aus dem Rennen. Den Einwohnern in den betroffenen Gemeinden bereitet der Atommüll ein mulmiges Gefühl.

Eigentlich konnten die Bewohner im Gebiet Nördlich Lägern schon aufatmen. Anfang Jahr wurde das Grenzgebiet zwischen den Kantonen Zürich und Aargau von der Liste der möglichen Standorte für ein Atom-Endlager gestrichen. Zu voreilig. Gestern hat das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) Nördlich Lägern quasi wieder aufgenommen.

Der Grund: Die von der Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) eingereichten Unterlagen sind ungenügend. Die Behörden brauchen nun bis zu einem Jahr, um zu prüfen, ob sie den Rückstellungsantrag der Nagra annehmen. Anders gesagt: Alles ist wieder offen. Es ist ebendiese Unsicherheit, die bei den Gegnern des Endlagers für Unmut sorgt.

Astrid Andermatt, Co-Präsidentin des Vereins Nördlich Lägern ohne Tiefenlager (Loti), sagt, das Vertrauen in die Nagra sei nun dahin. Bei der Nagra, die für die Standortsuche zuständig ist, sei wohl nicht seriös genug gearbeitet worden, sagt sie. Andermatt machte mit dem Verein Loti an Podien, Referaten und mit Aktionen auf Schwachstellen eines möglichen Endlagers aufmerksam.

Die Schneisinger wehrten sich

Hört man sich unter den Einwohnern der betroffenen Gemeinden um, wird klar: Ein Atomlager in direkter Umgebung löst Ängste aus. Zumindest bei jenen, die in dieser ländlichen Region tagsüber anzutreffen sind. Durch das aargauische Fisibach fährt nur ab und an ein Auto. Die Gemeindeverwaltung des 400-Seelen-Dorfs ist nachmittags geschlossen, und ein Dorfladen ist nicht in Sicht. Einzig ein Mountainbiker kämpft sich den Hügel hoch, ansonsten ist niemand unterwegs. Dann biegt eine Frau mit Kinderwagen um die Häuserecke. Was sie denn vom Endlager halte? «Darüber kann ich keine Auskunft geben.» Dann stört es also nicht? «Doch, es macht mir schon Angst – ich habe jetzt aber keine Zeit», sagt sie und spaziert davon.

Atommüll-Endlager im Bözberg? Das sagt die betroffene Bevölkerung.

Atommüll-Endlager im Bözberg? Das sagte die betroffene Bevölkerung im Januar, als die möglichen Standorte bekannt wurden.

Auch in Schneisingen, der sieben Kilometer entfernten Nachbargemeinde, sind die Strassen leer. Nachmittags seien halt alle auf der Arbeit, erklärt ein Einwohner, der allerdings zum Endlager nichts sagen will. Nach ein paar Minuten taucht beim Volg doch noch eine Kundin auf. Lyudmyla Rohner wohnt seit zehn Jahren in der Gemeinde. Mit ihrem Mann habe sie oft über das Tiefenlager gesprochen. «Niemand möchte den radioaktiven Müll vor der Tür, aber jeder schaltet zu Hause eine Lampe ein», sagt sie. Wegziehen würde sie aber nicht, falls das Lager tatsächlich in die Region käme.

Zumindest in die direkte Umgebung wird es nicht kommen. Die Schneisinger haben sich erfolgreich gewehrt. «Zwischen Lengnau und Ehrendingen hätte ein Lager entstehen sollen», sagt Gemeindeammann Adrian Baumgartner am Telefon. «Auf schönster Ackerfläche.» Vom Dorfrand aus sieht man auf die entsprechende Fläche herunter. Pferde Weiden, die Sonne beleuchtet das gedeihende Gemüse. «Hier unten gehe ich gerne Joggen», sagt eine Frau, die im Garten jätet und anonym bleiben will. Sie ist froh, dass zumindest dieses Gebiet verschont bleiben soll. Dennoch: Ein Atom-Lager in der Region bereite einem ein mulmiges Gefühl. «Man weiss ja nie, was herauskommt.»

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