Wir treffen uns am frühen Morgen in der Küche zum Frühstück – am Ess- und Familientisch, an dem wir oft philosophiert haben. Eigentlich sind wir keine Morgenmenschen, aber früh aufzustehen, macht beiden trotzdem nichts aus.

Warum bist du eigentlich immer noch in Langenthal?

Valerio Moser: Hier bin ich aufgewachsen, hier fühle ich mich sehr zu Hause, hier bin ich vernetzt – sozial, beruflich und kulturell. Und was das Wichtigste ist: Langenthal ist gut, um wegzureisen, man ist schnell in den Städten.

Du bist ja in der ganzen deutschsprachigen Welt unterwegs: Ist es dir hier nicht zu eng?

Ich bin gern in grossen Städten wie Berlin – für eine kurze Zeit. Ich glaube, das Spezielle, das ich als Besucher in einer Grossstadt wahrnehme, verliert seinen Zauber, wenn ich da leben würde. Man lebt sich ein und lernt die Stadt mit ihrem Alltagsgesicht kennen. Mir gefällt das Leben in der Kleinstadt, wo ich alles habe, wo es aber auch nichts zu entzaubern gibt.

Ist denn hier im nebligen Schweizer Mittelland deine Heimat?

Für mich ist Heimat ein sehr konstruiertes Gefühl, das man sich selber gibt. Ich fühle mich überall schnell wohl. Langenthal kenne ich, Langenthal bin ich gewohnt. Das gibt mir eine gewisse Sicherheit.

Welche Rolle spielt dabei das Elternhaus?

Hier habe ich mich sehr lang zu Hause gefühlt. Ich bin von hier aus in die Welt gezogen, in die Schule und überallhin. Wenn ich wieder hierher zurückkehre, komme ich als Besucher. Ich fühle mich zwar immer noch sehr wohl und kenne mich aus, weiss, was in welcher Schublade zu finden ist, aber mit meinem Auszug bin ich in die Rolle des Besuchers gerutscht.

Das macht dir aber nicht Mühe?

Nein. Es ist einfach spannend, zu beobachten, dass Daheimsein davon abhängt, wo man den Alltag verbringt.

Was denkst du, hast du von mir geerbt?

Die Haarfarbe, den Nachnamen ... (lacht). Im Ernst:  Im Erziehungskontext schwingt mit, dass du beruflich nahe beim Schreiben bist und in einem intellektuell angehauchten Beruf arbeitest. Das sind die zwei Dinge, die mich ebenfalls begleiten: Ich schreibe gern und viel und ich setze mich mit Philosophie auseinander.

Und von deiner Art her?

Ich weiss gar nicht recht, wie ich bin, und ich sträube mich dagegen, mich zu definieren, weil ich mich dann immer so starr fühle. Was man vielleicht nennen könnte, ist eine gewisse Reserviertheit.

Die beobachtest du auch bei mir?

Ja, im Kreis mit Freunden bist du palavriger. In einer Gruppe, zu der du eine gewisse Distanz hast, bist du reservierter.

Da hast du recht. Bei dir ist das ja noch witzig: Du willst zwar auf der Bühne, aber trotzdem nicht im Mittelpunkt stehen.

Wenn ich im privaten Rahmen gebeten werde, einen Text vorzutragen, sträube ich mich dagegen. Auch auf der Bühne geht es mir nicht darum, im Mittelpunkt zu stehen. Dafür sind Poetry Slams perfekt. Slam ist immer für alle, fürs Publikum und für die Poeten. Ein guter Abend wird es erst, wenn alle Spass haben. Zudem stehen immer mehrere Dichter auf der Bühne. Ich bin da nur einer von mehreren. Ich habe nur fünf Minuten Zeit und muss mich nicht einen Abend lang als der grosse Künstler inszenieren.

Was ist das Beste, das du mit mir zusammen erlebt hast?

Das Beste gibts wohl nicht, aber es gibt viele schöne Momente, die ich unter deiner Fuchtel erlebt habe.

Du sagst Fuchtel. Habe ich denn zu viel eingegriffen?

Nein, eben nicht, und das schätze ich sehr. Ihr als Eltern habt zwar schon Grenzen gesetzt, etwa, wenn es um Ausgang ging. Aber ihr hattet keinen starren ideologischen Rahmen. Wertediskussionen habt ihr nie so geführt, dass ich auf eine bestimmte Schiene gedrängt worden wäre. Ihr habt mich immer bestärkt bei Sachen, die ich gern gemacht habe. Ich erinnere mich an eine Episode aus der Lehre: Da bin ich ja eine Zeit lang immer mit Fliegenklatschen herumgelaufen.

Deine Mutter bekam dann jeweils ein Telefon.

Ja, vom Lehrmeister oder von einem Lehrer. Die haben gefragt, ob mit mir alles in Ordnung sei. Das hat sie mir aber erst kürzlich erzählt. Mam hat denen gesagt, das sei meine Art, gegen die Erwachsenenwelt zu rebellieren. Ich finde, das war eine starke Reaktion. Da hat sie den Nagel auf den Kopf getroffen. Im Vergleich mit anderen war meine Art aufzufallen zwar irritierend, aber harmlos.

Das stimmt. Für uns war deine Pubertät nie ein Problem.

Ich reiste damals viel in der Schweiz herum und habe oft nicht gesagt, wo ich bin und was ich mache. Wie war das für euch?

Es war nicht immer einfach. Aber wir wussten, dass wir dir vertrauen können. Wir wussten, dass du nicht in Drogen oder in Alkohol abdriftest. Wenn wir gemerkt hätten, dass es anders wäre, hätten wir schon eingegriffen.

Du hast mir mit 14 gesagt, dass du mir mit 16 zeigst, wie man einen Stumpen dreht.

Ja, das Angebot hast du nicht in Anspruch genommen. Und dass du es nicht hast, war einer der Bausteine für das Vertrauen in dich. Du hast anders rebelliert – mit Irritation. Warum?

Für mich ist es spannend, zu sehen, was man auslöst, wenn man in der Öffentlichkeit anders auftritt, als es die Gemeinschaft erwartet. Damit habe ich viel gespielt. Und das mache ich auch heute noch. Denn gerade in diesem irritierenden Moment liegt viel Potenzial. Die Mitmenschen fragen sich: «Warum macht der das so und warum mache ich es so, wie ich es mache.»

Das hat alles auch eine philosophische Komponente. Wie bist du zur Philosophie gekommen?

Durch dich. Du hast mir in der neunten Klasse ein Buch mit philosophischen Episoden gegeben. Darin war die Geschichte von Zenon, der ein Wettrennen zwischen Achilles und einer Schildkröte beschreibt. Achilles kann die Schildkröte nie überholen, wenn sie einen Vorsprung hat. Die Frage, warum das so ist, hat mich gepackt. Ich begann Bücher zu lesen, die ich gar noch nicht verstehen konnte. Das Nichtverstehen hat mich fasziniert, und ich lese bis heute Bücher, die ich nicht verstehe.

Zum Beispiel «Zettel’s Traum» von Arno Schmidt.

Ja, ich bin immer noch nicht weiter als auf Seite vier. Aber das ist ja auch ein grosses Buch, da ist es legitim, wenn man ein bisschen länger daran hat.

Bereust du, dass du nicht den Gymer gemacht hast?

Nein. Vergangenheitsbezogene Was-wäre-wenn-Fragen sind die dümmsten Fragen, damit möchte ich meine Zeit nicht vergeuden. Ich bin glücklich, wie ich heute bin. Und ich bin so, weil ich das, was ich gemacht habe, so gemacht habe, wie ich es gemacht habe.

Das tönt jetzt etwas altklug.

Ja, aber das ist meine Philosophie: In der Welt, in die wir hineingeworfen werden, die aber an sich sinnlos ist, in der wir uns darum den Sinn selber geben müssen, gibt es mehrere Lebenskonzepte: beispielsweise das Leiden auf der Welt zu verringern oder der Versuch, die Welt zu erkennen, wie sie ist und wie wir sie erfassen können. Letzteres fasziniert mich.

Du willst eine Vinyl-Schallplatte mit deinen Texten machen, warum Vinyl?

Es ist nicht einfach nur eine Macke, sondern es geht um die Art, wie man ein Medium konsumiert. Ich will zwei Texte aufnehmen, die narrativen Charakter haben. Wenn man diese Texte wirklich hören will, dann muss man sich hinsetzen und sagen: Ich folge jetzt dieser Erzählung von Anfang bis zum Schluss. Das macht man bei einem Buch auch, das liest man auch nicht im Hintergrund. Eine Schallplatte hört man eher so: Ich lege sie auf und ich höre sie ganz bewusst. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man meine Texte während des Autofahrens hört. Diese Vorstellung stört mich.

Was bedeutet dir der Kulturpreis der Stadt Langenthal, den du im letzten Jahr für das Slammobil bekommen hast?

Es ist eine Anerkennung, das ist schön. Poetry Slam ist ein anonymes Format. Ich stehe mit ein paar anderen Poeten auf die Bühne und bekomme Applaus, und das wars dann. So ein Preis lässt mich spüren, dass mein Schaffen doch in der Öffentlichkeit ankommt und ein Echo hat. Was bedeutet er dir?

Es macht mich schon stolz, wenn ich im Stadttheater sitze und du auf der Bühne den Kulturpreis bekommst. Was irgendwie lustig ist: Vor zehn Jahren, als ich hier noch auf der Redaktion arbeitete, warst du der Sohn des Redaktors Moser ...

... ja, das bekam ich damals öfters zu hören ...

... und heute bin ich der Vater des Slampoeten Valerio.

Hast du Mühe damit?

Nein, so ist das eben: Kinder werden flügge und überflügeln einen.

www.valeriomoser.ch